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Holland
Den Haag ist die Stadt am Meer mit zwei Gesichtern

Städtereise Den Haag
Städtereise Den Haag FOTO: dpa, pla
Den Haag . Das niederländische Den Haag teilt sich in zwei Hälften: Die gute ist auf Sand gebaut, die schlechte im Sumpf. In der einen leben Hagenaren, in der anderen Hagenezen. Beide haben auf ihre ganz eigene Art etwas zu bieten.

Wer für ein paar Jahre in Den Haag gelebt hat, wird sich danach wohl immer dorthin zurücksehnen. Der Zauber dieser bei deutschen Reisenden eher wenig bekannten Stadt ergibt sich daraus, dass sie direkt am Meer liegt.

Das heißt zum Beispiel, dass man morgens vom Tuten der Englandfähre geweckt wird. Im Herbst kann es so stürmisch werden, dass man sich durch einen Blick aus dem Fenster vergewissert, ob das Auto noch unten steht. An schönen Sommermorgen glaubt man die Verlockung des nahen Strandes in der salzigen Luft geradezu schmecken zu können. Und zu jeder Jahreszeit kreischen irgendwo die Möwen.

Das alles gilt jedoch in erster Linie dann, wenn man im guten Teil von Den Haag wohnt. Das ist der Westen, der in den Nordseedünen auf Sand gebaut ist. Der Osten - der schlechte Teil - steht auf Sumpfboden. Diese beiden Hälften der Stadt mit ihren 500 000 Einwohnern haben wenig miteinander zu tun. Es ist, als würde die Stadt von einer unsichtbaren Mauer geteilt.

Für ihre Bewohner gibt es sogar unterschiedliche Bezeichnungen: Wer auf Sand wohnt, ist ein Hagenaar. Oft handelt es sich dabei um jemanden, der zugezogen ist, weil er zum Beispiel in einem Ministerium oder bei einer der vielen UN-Organisationen arbeitet. Die Sumpfbewohner sind dagegen meist in der Stadt geboren und heißen Hagenezen. Sie sprechen ihren eigenen Dialekt, der sich in den Ohren anderer Niederländer sehr platt anhört. Die Hagenaren sprechen Haags, was betont vornehm klingt, oder auf Niederländisch: "bekakt".

Beide Bevölkerungsgruppen haben in der Stadt ihr inoffizielles Denkmal. Für den Hagenezen ist es der Haagse Harry auf dem Grote Markt in der Einkaufszone. Mit diesem Standbild wurde 2016 eine Comicfigur verewigt, die im ganzen Königreich bekannt ist. Die Schöpfung des 2014 gestorbenen Zeichners Marnix Rueb läuft immer im Trainingsanzug herum, hat im Nacken ziemlich lange Haare und spricht durchweg Haager Platt. Zu ihren größten Fans soll König Willem-Alexander gehören, die Comichefte liegen nach Informationen der Zeitung "De Volkskrant" im Palast aus.

Die zweite Statue ist aus Bronze und steht auf der vornehmen Allee Lange Voorhout, die Vorbild für die Berliner Prachtmeile Unter den Linden war. Dargestellt ist der flanierende Schriftsteller Louis Couperus (1863-1923). Couperus war so etwas wie der Oscar Wilde der Niederlande. Nicht so witzig, aber genauso dandyhaft und dabei ungeheuer versnobt.

Sein Wohnhaus in der vornehmen Javastraat ist heute ein kleines Museum. Es vermittelt noch etwas von der ganz speziellen Haager Fin-de-Siècle-Atmosphäre. Drinnen sitzen Couperus als Wachsfigur mit manikürten Fingernägeln und - wesentlich lebhafter - Museumsgründerin Caroline de Westenholz. Die quirlige Kunsthistorikerin ist in einer Schauspielerfamilie aufgewachsen und sagt: "Bei uns war Couperus so in etwa die Bibel."

Couperus hat die schlechten Viertel von Den Haag sein Leben lang gemieden. Das von ihm oft besuchte Scheveningen hatte zu seiner Zeit noch einen ganz anderen Charakter als heute, es war ein mondänes Seebad, wovon heute nur noch das Kurhaus zeugt. Der Rest bewegt sich irgendwo zwischen Ballermann und Blackpool, einem britischen Seebad mit zweifelhaftem Ruf. Hagenaren bevorzugen die weiter nördlich gelegenen Bäder Wassenaar und Noordwijk, die sich allerdings nicht mehr auf Haager Gebiet befinden.

Übrigens wird in der Stadt immer wieder mal erzählt, es gebe in den "achterstandswijken" (Problemvierteln) Jugendliche, die erst im fortgeschrittenen Alter zum ersten Mal ans Meer kämen. Da sich selbiges von jedem Punkt der Stadt aus mit der Straßenbahn erreichen lässt, sind solche Geschichten kaum glaubwürdig. Aber allein die Tatsache, dass sie erzählt werden, sagt etwas über die Stadt aus.

Hin und wieder ist es in der Geschichte von Den Haag zu blutigen Zusammentreffen zwischen beiden Bevölkerungsgruppen gekommen. Auf dem Platz Groene Zoodje in der Innenstadt blickt der Staatsmann Johan de Witt (1625-1672) von seinem Sockel herunter. In Hollands Goldenem Zeitalter war dieser Patrizier fast 20 Jahre niederländischer Regierungschef. Doch als 1672 ein Krieg ausbrach, wurde er an einem strahlenden Sommertag zusammen mit seinem Bruder von einer wütenden Menge gelyncht und zerschnippelt - genau dort, wo jetzt die Statue steht. Die Leichenteile verkaufte man als Souvenirs. Im Historischen Museum von Den Haag werden bis heute eine Zunge und ein Finger ausgestellt. Es ging in der Stadt nicht immer so niedlich zu, wie die puppenstubenhafte Architektur suggeriert.

Die meisten Touristen bewegen sich "im Haag", wie man früher gern sagte, nur auf Sandboden. Doch man sollte sich auch mal in den Sumpf wagen - es lohnt sich. Da ist zum Beispiel "de Haagse Markt", der größte überdeckte Markt Europas im Multikulti-Viertel Schilderswijk.
Endlos reihen sich dort die Stände aneinander. Wer auf der Suche nach exotischen Gewürzen ist, wird hier garantiert fündig.

Um das andere Den Haag zu erleben, die "schöne Stadt hinter den Dünen", wie sie in einem Lied besungen wird, kann man sich am besten ein Fahrrad mieten und in Richtung Strand fahren. Zum Beispiel über den Denneweg mit vielen Läden und Lokalen in die Archipelbuurt oder Indische Buurt. Dort tragen die Straßen Namen wie aus dem Reiseprospekt: Celebesstraat, Borneostraat, Bankaplein. Sie erinnern an das Kolonialerbe im indonesischen Archipel.

Den Haag wurde nach dem Krieg als die "Witwe Niederländisch-Indiens" bezeichnet, weil sich hier ehemalige Kolonialoffiziere und vertriebene javanische Teebarone niederließen. In nostalgischen Lokalen hingen sie im Rauch ihrer Sumatra-Zigarren der Erinnerung an "Tempo doeloe" nach, der guten alten Zeit, als man in Den Haag noch Tropenhelme und Schmetterlingsnetze kaufen konnte.

In der Archipelbuurt, im Statenkwartier und in der Innenstadt entfaltet Den Haag seine diskrete Schönheit. Ganze Straßenzüge atmen den Geist der Belle Epoque, etwa die 1885 eröffnete Passage, die älteste überdachte Einkaufsmeile der Niederlande. Unbedingt für den Nachmittagstee zu empfehlen ist das "Hotel des Indes", in dem schon die Tänzerin Mata Hari abstieg. Thomas Mann notierte am 5. Juli 1955 im Gästebuch: "Wir werden immer gern in dieses berühmte Haus zurückkehren." Fünf Wochen später war er tot - eine Thrombose.

Nur einen Steinwurf weit vom Hotel entfernt befindet sich das Regierungszentrum der Niederlande, der Binnenhof. Hier darf man keine pompösen Fassaden, Absperrungen oder Wachsoldaten erwarten. Der Mittelpunkt niederländischer Macht ist nichts anderes als ein "Innenhof mit einer Pumpe", wie es der Schriftsteller Harry Mulisch (1927-2010) einmal ausgedrückt hat.

Der Rittersaal in der Mitte des Hofs ist die Keimzelle, aus der die ganze Stadt hervorgegangen ist. Den Haag heißt "die Hecke" und bezeichnete ursprünglich den Sitz des Grafen von Holland mit angrenzendem Jagdrevier. Aus dem Beratergremium des Grafen entwickelte sich die niederländische Ständeversammlung, aus der wiederum das Parlament hervorging. So kommt es, dass Den Haag heute niederländischer Regierungssitz ist - obwohl Amsterdam den Hauptstadt-Titel trägt.

Trotz aller Bescheidenheit hat der verschachtelte Binnenhof seinen Reiz, vor allem wenn sich darüber die Wolken eines bewegten holländischen Himmels türmen. Dann wirkt der Komplex mit seinen spitzen Dächern und Backsteinmauern von der gegenüberliegenden Seite des Hofweihers aus wie Vermeers "Ansicht von Delft". Das weltberühmte Gemälde kann man sich zum Vergleich im unmittelbar benachbarten Museum Mauritshuis anschauen.

Am Rande des Binnenhofs befindet sich auch der Amtssitz von Ministerpräsident Mark Rutte. Das niederländische Pendant zum Kanzleramt ist "het torentje", ein kleines Türmchen, an dem die ausländischen Touristen achtlos vorbeilaufen. In den Niederlanden ist eine allzu offene Zurschaustellung von Macht und Reichtum verpönt. Auch die Königsschlösser verdienen kaum diesen Namen: Sie liegen schwer auffindbar in engen Straßen oder weggeduckt hinter Bäumen. Der einzige Bau, der etwas hermacht, gehört nicht König Willem-Alexander, sondern den Vereinten Nationen: Es ist der Friedenspalast, Sitz des Internationalen Gerichtshofs.

Wenn man böswillig sein will, kann man dieses ausgeprägte Understatement als einen Deckmantel zur Kaschierung sozialer Gegensätze betrachten. Dem steht allerdings entgegen, dass Regierungschef Rutte in einer Haager Etagenwohnung lebt, ein altes Auto fährt und kein Smartphone besitzt.

Der rechtsliberale Politiker leistet auch einen kleinen Beitrag zur Überbrückung des Sand-Sumpf-Gefälles in seiner Geburtsstadt Den Haag: Jeden Donnerstagmorgen unterrichtet er im Schilderswijk ehrenamtlich Gesellschaftskunde an einer Schule, an der die meisten Schüler einen türkischen oder marokkanischen Hintergrund haben.

Sonntagmorgen in Scheveningen. Surfer schleppen ihre Bretter über den Strand, zwei Mannschaften spielen Fußball gegeneinander. "Schieß' ma rübber!", brüllt einer. Unverkennbar: Das sind weder Hagenaren noch Hagenezen. Das sind die ersten Tagestouristen aus dem Ruhrgebiet.

(dpa)
 
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