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Eine Tour auf den Vaalserberg
Der Mount Everest der Niederlande

Heuvelland: Wandern in den niederländischen Alpen
Heuvelland: Wandern in den niederländischen Alpen FOTO: Andreas Herrmann
Die Niederlande sind flach wie ein Brett? Stimmt nicht. Im äußersten Süden sind sie geradezu hügelig. Eine Tour auf den Mount Everest der Nordsee-Nation. Von Sebastian Dalkowski, Vaals

Eigentlich dürfte es diesen Parkplatz nicht geben. Also den Parkplatz schon, den Wald, in dem er liegt auch, aber nicht diese Höhe. Doch da stehen wir nun, mein Auto und ich, auf 280 Metern über dem Meeresspiegel. In den Niederlanden. Das klingt wie ein schlechter Witz. Und es kommt noch besser: Ich möchte noch viel höher, auf den höchsten Gipfel des Landes.

Wer das Höhenprofil der Niederlande zeichnen soll, der wird spontan eine horizontale Linie ziehen. Tatsächlich ist ein Großteil des Landes flach wie ein Brett, weshalb die Holländer aus purem Überlebenswillen die größten Deichbau-Experten hervorgebracht haben. Doch gleich westlich von Aachen beginnt eine Art Wurmfortsatz, der sich zwischen Belgien und Deutschland gedrängt hat, um wenigstens noch die Ausläufer von Eifel und Ardennen zu erwischen.

Zuid-Limburg heißt diese Region offiziell, doch sie hört auch auf den Namen Mergelland und auf den noch viel schöneren Namen Heuvelland, Hügelland. Der höchste niederländische Hügel außerhalb von Limburg bringt es gerade mal auf 110 Meter. Der höchste Hügel im Heuvelland ist der Vaalserberg, 322,5 Meter hoch. Da will ich rauf. Ohne Sauerstoffgerät.

Berghütte auf 260 Metern

Freitagmorgen, zehn Uhr. Ich habe die Wanderschuhe geschnürt, den professionellen Rucksack angelegt, denn das wird kein Spaziergang. Ich beginne meine Tour mitten im Vijlenerbos, einem Wald, zehn Kilometer vom Aachener Hauptbahnhof entfernt. Der Wanderweg Grensroute 6 soll mich auf 15 Kilometern nicht nur über den Vaalserberg führen, sondern auch über die anderen höchsten Gipfel der Niederlande. Wobei nicht so ganz klar ist, wo die genau liegen. Zwar gibt es einen Wikipedia-Eintrag für die höchsten niederländischen Berge ("Lijst van heuvels in Nederland"), aber nur der Gipfel des Vaalserbergs lässt sich genau lokalisieren.

Die Strecke ist ausgeschildert, das Schild allerdings ist leicht zu übersehen. Nach einer Stunde stehe ich wieder vor meinem Auto. Beim zweiten Versuch entscheide ich mich an der Berghütte für rechts. Ja, Berghütte. Auf 260 Metern steht das "Boscafe 't Hijgend Hert", eine alpine Berghütte oder das, was sich ein Niederländer darunter vorstellt.

Wenige Minuten später komme ich zum ersten Mal hinaus aus dem Wald und aus dem Grinsen nicht mehr heraus. Vor mir liegt wirklich ein Tal und dahinter eine wirklich Hügellandschaft und das hier ist wirklich Holland. Daran muss ich mich noch gewöhnen. Aus dem breiten Waldweg wird sogar ein enger Pfad, überwachsen mit Gestrüpp, das kratzt und brennt. Wanderer kommen mir selten entgegen, bloß Einheimische, die ihren Hund zwischen Mais- und Getreidefeldern spazieren führen.

Dann spüre ich sogar meine Oberschenkel

Doch einsam wird es auch in den niederländischen Alpen nicht, Wildnis gibt es in diesem ganz und gar erschlossenen Land ohnehin nicht. In dem Ort Lemiers mache ich eine erstaunliche Entdeckung. An vielen Häusern hängen Plakate, mit denen die Bewohner gegen eine asphaltierte Fahrradstraße durch ihr schönes Heuvelland protestieren. Weil sie fürchten, dass dann mindestens 500 Fahrradfahrer täglich angebraust kommen. Eine Belastung für Dörfer und Natur. Protest gegen den Ausbau von Radwegen – das ist nur in einem Land vorstellbar, in dem das Fahrrad dominiert.

Doch hinter Lemiers kann ich keinen Gedanken mehr an Idylle zerstörende Radfahrer verschwenden. Nachdem ich eine weitere Ehrenrunde gedreht habe (es gab an dieser Gabelung kein Schild, wirklich!), beginnt der Anstieg zum Vaalserberg. Von 160 Metern hinauf auf 322,5. Der führt mich zunächst in den namensgebenden Ort Vaals. Der asphaltierte Weg wird so steil, dass ich meine Oberschenkel spüre.

Mittendrin wird aus der niederländischen Gemeinde Vaals ohne Ankündigung das zu Aachen gehörende Dorf Vaalserquartier, und auf deutschem Gebiet überwinde ich die letzten hundert Höhenmeter. Im Wald hat es 25 Prozent Steigung. Locker. Dazu die Hitze eines Juni-Tages. Auf der deutsch-niederländischen Grenze laufe ich die letzten Meter. Doch noch bevor ich den Gipfel erreiche, rieche ich: Frittenfett.

Nicht schön, aber interessant

Die Spitze des Vaalserbergs ist kein schöner Ort, aber ein interessanter. Die Niederländer haben extra ein Monument hingestellt, um den höchsten Punkt ihres Landes zu markieren. Obwohl das genaugenommen nur noch für den europäischen Teil gilt, denn 2010 wurden die Niederländischen Antillen aufgelöst und die Insel Saba mit dem Vulkan Mount Scenerey – 877 Meter hoch – zu einer "besonderen Gemeinde" ernannt, was dazu führte, dass der höchste niederländische Berg nun in der Karibik liegt.

Der Gipfel des Vaalserbergs ist selbstverständlich voll erschlossen. Eine Straße führt hinauf, Parkplätze sind ausreichend vorhanden, Kinder können sich in einem Labyrinth verirren und verhungern muss auch niemand. Es gibt zwei Restaurants, eines davon in einem Aussichtsturm, und einen Imbiss. Es gibt sogar noch einen zweiten Aussichtsturm, der aber steht ein paar Meter weiter auf belgischer Seite und dort steht auch eine weitere Frittenbude. Man muss sich den Vaalserberg wie eine große Fressmeile vorstellen. Nur die Deutschen haben keinen Platz bekommen, um Geld zu verdienen, ihr Land beginnt erst im Wald.

Drei Länder stoßen hier aneinander, auch dieser Punkt ist mit einem Stein markiert. Das so genannte Dreiländereck war bis 1919 sogar ein Vierländereck, denn als sich Preußen und die Niederlande nach dem Wiener Kongress von 1815 nicht auf einen Grenzverlauf einigen konnten, ließen sie in der Mitte ein neutrales Stück übrig, "Neutral-Moresnet", gerade einmal 3,4 Quadratkilometer groß. Das wurde erst 1919 Belgien zugesprochen. Die Geschichte des Vaalserbergs ist also auch eine Geschichte Europas. Was sich hier begreifen lässt: Wie willkürlich Grenzen gezogen werden und wie egal sie im Jahr 2017 sind, zumindest hier.

Ein Softeis erlaube ich mir am frühen Nachmittag. Zwar bestelle ich auf Englisch, aber der niederländische Verkäufer erkennt meinen Akzent sofort und antwortet auf Deutsch. Dann gehe ich weiter und habe bald schon wieder meine Ruhe. Fast nur noch durch Wald laufe ich an der niederländisch-belgischen Grenze weiter, übersehe nur noch einmal das Schild, blicke durch Lücken zwischen den Bäumen nach links aufs belgische Bergland, das noch viel höher hinaufführt, auf 694 Meter in den Ardennen. Dann stehe ich wieder vor meinem Auto, sieben Stunden nach meinem Aufbruch. Verausgabt habe ich mich. Als sei ich in den Bergen gewesen.

 
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