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Irland
Auf den Spuren Draculas in Dublin

Dublin: Draculas Wurzeln in Irland
Dublin: Draculas Wurzeln in Irland FOTO: dpa, pla
Dublin. Die literarischen Wurzeln von Graf Dracula liegen nicht in Rumänien, sondern in Dublin. Denn dort lebte sein Erfinder Bram Stoker. Noch heute kann man auf dessen Spuren viel erleben - und sich richtig gruseln.

Es liegt sich bequem in Draculas Sarg. Etwas zu klein ist er für mich, ich stoße unten mit den Füßen an, aber die purpurrote Polsterung ist weich und anschmiegsam. Fast könnte man in der Dunkelheit wegdämmern. Aber nur fast: Denn es ist auch ein wenig beklemmend, allein in einem Sarg im "Castle Dracula" zu liegen.

Normalerweise sind noch 50 andere Leute mit dabei. Man gruselt sich dann gemeinschaftlich, und das macht es erträglich, wenn plötzlich ein Zwei-Meter-Riese hinter der Tür steht oder eine Frauenleiche von der Decke fällt. "Irlands spleenigster Abend in Dublins ausgefallenster Location" heißt es im Prospekt. Das Programm läuft allerdings nur freitagsabends. Und jetzt ist Mittwoch.

Erbauer und Direktor Ronan hat das "Castle" nur ausnahmsweise für mich aufgeschlossen. Das passte ganz gut, weil er sowieso noch zwei Requisitenmacher begleiten muss. Sie sollen für ihn eine täuschend echt aussehende Figur basteln, die blitzschnell aus der Ecke hervorspringen kann. Wir sind zusammen durch das leere Schloss gelaufen und haben anfangs noch gelacht, denn das Schloss ist gar kein Schloss, sondern der Anbau eines ziemlich edlen Fitness-Centers.

Man muss es sich so vorstellen, dass man einen Swimmingpool passiert, dann eine Tür öffnet und plötzlich - den Chlorgeruch noch in der Nase - in einem dunklen Gang mit Fackeln, Spinnen und Moder steht. Mein erster Gedanke: eine Touristenfalle! Mittlerweile frage ich mich, ob man den Begriff vielleicht sogar wörtlich nehmen muss: eine Falle, in der man Touristen fängt.

Die bizarre Schauer-Anlage ist recht weitläufig. Wir stoßen mit den Köpfen an herunterbaumelnde Puppenleiber, die mit Kinderstimmen flüstern. Wir verlieren das Gleichgewicht, als wir über eine Brücke wanken, die durch einen sich drehenden Tunnel führt. Und wir machen Ronan Komplimente für sein überzeugendes Outfit, als er uns mit Maske und Kostüm hinter "Bram Stokers Bar" empfängt. Dann allerdings ist er plötzlich mit den Requisitenmachern fertig. "Ich bring' sie schon mal raus", sagt er zu mir. "Du kannst dich solange in den Sarg legen. Ich schalte die Hydraulik für dich ein." Nun liege ich hier und frage mich, was Ronan wohl damit gemeint hat, dass er die Hydraulik anstellen will. Außerdem finde ich, dass er mittlerweile schon ziemlich lange weg ist.

"Castle Dracula" ist noch eine verhältnismäßig junge Attraktion. Im Dezember 2014 hat sie eröffnet. Vorher gab es an dieser Stelle ein "Bram Stoker Dracula Experience", aber das lief nicht so gut, weil es eben nur eine Ausstellung war. Jetzt beleben Schauspieler und Spezialeffekte die Szenerie. Zutritt ab 14 Jahren.

Viele Touristen wissen gar nicht, dass Dublin etwas mit Dracula zu tun hat. Der Graf wird in Transsylvanien verortet. Völlig richtig. Aber Draculas Erfinder Bram Stoker (1847-1912) ist dort niemals gewesen. Er ist gleich gegenüber auf der anderen Straßenseite geboren und sprach zeitlebens mit Dubliner Akzent.

Klein und grau ist das Geburtshaus mit der Adresse 15 Marino Crescent. Es gibt kein Hinweisschild, nur ein benachbartes "Bram's Cafe" mit einer Büste des Autors und Vampirbildern an den Wänden. Die junge Kellnerin weist einem gerne den Weg. Als ich vor dem Haus stehe, sagt eine Stimme hinter mir: "Bescheiden, nicht wahr?" Sie gehört einem alten Mann aus der Nachbarschaft, der alles über Bram Stoker zu wissen scheint. "Da vorn, in Nummer 1, da wohnte seine spätere Frau Florence Balcombe", erzählt er. "Oscar Wilde hat ihr den Hof gemacht, aber sie hat ihn für Bram stehen gelassen."

Bram Stoker hatte eine unglückliche Kindheit. Er war sehr krank, bis zu seinem siebten Lebensjahr konnte er nicht stehen. Die Ärzte ließen ihn zur Ader, damals eine Allheilmethode. Der kleine Bram lag also im Bett, und das Blut wurde ihm aus den Adern gezapft. Aber dann erholte er sich, so als wäre ihm plötzlich neuer Lebenssaft zugeführt worden.

Stoker wuchs zu einem wahren Kleiderschrank heran, vollbärtig, riesig und muskelbepackt. Er wurde der Sportchampion von Trinity College im Zentrum von Dublin, wo er Literatur, Geschichte und Mathematik studierte. "Härteste Leibesertüchtigung und eiskalte Bäder - das war sehr populär damals", erzählt der Historiker Joseph O'Gorman. Die Viktorianer hofften, auf diese Weise ihr dunkles Triebleben beherrschen zu können.

Jäh erwacht "Castle Dracula" zum Leben. Kerzen und Augen flammen auf, Gardinen flattern. Das muss die Hydraulik sein. Ich schließe die Augen. So wie ich jetzt im Sarg liege, habe ich tags zuvor die Mumien von St. Michan's in ihren Totenkisten schlummern sehen. Der jugendliche Stoker soll diese Kirche mit seinen Eltern besucht haben. Auch heute kommen noch jeden Tag Besucher. Sie kommen für die Gruft.

Ein humpelnder Kirchendiener öffnet eine quietschende Falltür und führt die Gäste hinunter. Dort stapeln sich im Staub von 1000 Jahren Särge. Viele Särge. Einige sind offen und geben den Blick frei auf bemerkenswert gut erhaltene Körper. Es ist der magnesiumhaltige Kalkstein, der hier die Feuchtigkeit aus der Luft saugt und die Toten konserviert.

Gesichtszüge, Zehen, ja Fingernägel - alles ist noch gut zu erkennen. Dabei sind die Leichen mindestens 400 Jahre alt. Ein zwei Meter großer Kreuzfahrer hat sogar 800 Jahre auf dem Buckel. Früher durfte man ihm die Hand schütteln, doch seit er dadurch eines Fingers verlustig ging, ist das verboten. Ich habe ihm aber über den kleinen Finger streicheln dürfen. Ledrig fühlte er sich an. Und gar nicht kalt.

Nach Abschluss seines Studiums wurde Stoker Beamter. Er wohnte nun in 30 Kildare Street, zentral, aber wieder recht einfach. Das Haus steht noch und hat sogar eine Plakette. Stokers Arbeitsplatz war eine regelrechte Finsterburg: Dublin Castle, der verhasste Sitz britischer Macht genau in der Mitte der Stadt. Abenddämmerung im Schlosshof, die alten Laternen werfen ihr fahles Licht an die Mauern. Die langen Fensterreihen sind schon schwarz, nur hinter einem flackert ein Leuchter. Genau wie im "Castle Dracula".

Mittlerweile ist mir klar geworden: Ronan stellt mich auf die Probe. Er hat mich in seiner Burg eingeschlossen wie Graf Dracula seinen englischen Besucher Jonathan Harker. Ich setze mich im Sarg auf und blicke in die Augen dreier Vampirbräute. Es ist sehr kalt in diesen Gemächern. Muss es auch sein, hat Ronan erzählt, denn 50 Leute heizen jeden Raum mächtig auf. Damit mag er recht haben, aber im Moment bin ich der einzige. Ich klettere aus meiner Kiste und beginne damit, eigenständig den Rückweg zu suchen.

Vorsichtig wage ich mich in die stockfinsteren Gänge. Geradeaus geht es nicht weiter, ich muss die Wände abtasten, in der Hoffnung, noch einen seitwärts abbiegenden Korridor zu finden. Jetzt nur nicht in irgendwas Ekliges fassen! Am unangenehmsten fände ich es jetzt, wenn Ronan wieder mit seiner dröhnenden Kettensäge hervorspringen würde, so wie vorhin. Da waren zumindest noch die beiden jungen Iren dabei. Und die sind jetzt weg. Weit weg vermutlich.

Ich sage mir, dass es zutiefst albern ist, sich als erwachsener Mensch in einer Geisterbahn zu fürchten. Alles hier ist unecht - alles bis auf Bram Stokers Haarlocke, die ihm seine Frau im April 1912 auf dem Totenbett abschnitt. Sein Ableben wurde in den Zeitungen weitgehend übergangen - fünf Tage zuvor war die "Titanic" gesunken. Schlechtes Timing.

Stoker war eben auch nicht wirklich prominent. Seine schriftstellerische Tätigkeit hatte er ausschließlich nachts ausüben können, sein Geld verdiente er tagsüber als Manager des berühmten englischen Schauspielers Sir Henry Irving, dessen Gesichtszüge er als Vorbild für Dracula genommen haben soll. Der Vampirroman war 1897 zwar ein Achtungserfolg, aber kein Bestseller. "Ohne den "Nosferatu"-Film von Friedrich Murnau wäre Dracula heute schon lange vergessen", meint Historiker O'Gorman. Im Dubliner Wachsfigurenkabinett sind zwar alle großen irischen Literaten von Jonathan Swift bis James Joyce ausgestellt, nicht aber Stoker. Er ist nur indirekt vertreten - durch einen von Christopher Lee inspirierten Dracula in der "Chamber of Horrors".

Da ist die Ausgangstür. Und da steht Ronan. "Hi Ronan", höre ich mich sagen. Keine Reaktion. "Wirklich sehr spooky hier." Er verzieht keine Miene. "Ich werde es weiterempfehlen!" Da breitet sich ein Lächeln über sein Gesicht aus. "Freut mich riesig, dass es dir gefällt. Da steckt sehr viel Herzblut drin, weißt du." Er öffnet mir die Tür. "Es wäre toll, wenn wir in Zukunft noch mehr deutsche Gäste hier hätten.
Jeder liebt es doch, sich mal so richtig erschrecken zu lassen!" Und damit darf ich gehen.

(dpa)
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