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Griechenland
Karpathos - Eine Welt für sich

Karpathos ist anders als andere griechische Inseln. Statt großer Bettenburgen sorgen kleine, meist familiär geführte Hotels und Pensionen für Urlaubsflair. Von Ekkehart Eichler

Der Weg nimmt kein Ende. Seit zehn Minuten quält sich der Mietwagen auf der schmalen Bergstraße abwärts. Von einer Haarnadelkurve zur nächsten - am Ende werden es 28 sein -, doch die zum Greifen nahe und verlockend tiefblaue Ägäis-Badewanne scheint keinen Deut näher zu kommen. Immerhin wird das Stoßgebet erhört: Keine Menschenseele kreuzt den Weg und zwingt zu kniffligen Ausweichmanövern.

Kira Panagia heißt die kleine Bucht am Ende der Straße, bei deren Anblick aller Anfahrt-Stress blitzartig verpufft. Weil die Kulisse fast zu schön ist, um wahr zu sein. Eine Kombination aus senkrecht aufragenden Felswänden als Korsett für einen schönen Strand; sanft umspült vom blitzeblanken Meer und überragt von einer Kapelle mit untypisch tiefrotem Dach, die sich zehn Meter über dem Meer an die Felsen schmiegt.

"Viele Gäste rühren sich hier ihren ganzen Urlaub nicht vom Fleck", sagt Anna schmunzelnd, "weil du nicht mehr brauchst, als du hier hast." Stimmt! Annas hübsche Pension nebst Taverne liegt direkt oberhalb besagter Kapelle. Mit Top-Panorama rund um die Uhr, das man von Zimmerbalkonen und Terrassen endlos aufsaugen kann. Jedenfalls macht sich die nette Wirtin weit mehr Sorgen um ihr geplagtes Land als um sich selbst: "Wir können immerhin auf 80 Prozent Stammgäste zählen - diese Gewissheit ist ungeheuer viel wert."

Auf Karpathos war und ist aber überhaupt manches anders als auf anderen griechischen Inseln. Der massive Gebirgsklotz zwischen Kreta im Südwesten und Rhodos im Nordosten, aus dessen steilen Flanken das Meer unzählige Buchten und Höhlen herausgefressen hat, ist zum Beispiel ein Eldorado für Wanderer - etwa 25 offizielle Routen erfüllen die Wünsche selbst der anspruchsvollsten Kraxelmaxen und reichen naturgemäß für mehrere Wochen Ferien. Oder Jahre. Als Gegenpol zu all dem Stein erfreut Karpathos aber auch Badegäste über die Maßen. Mit überproportional vielen Stränden und erstklassigem Wasser. Gut verteilt über die Insel, sind manche ganz naturbelassen und nur per Boot erreichbar. Andere liegen so gut am Wind, dass sich Surfer dort nach allen Regeln der Kunst austoben. Wieder andere, etwa in den friedlichen Tourismusorten Lefkos oder Amopi, bestehen aus einem Kollier hübscher Buchten, in denen man durchaus ungestörte Plätzchen finden kann. Und nur einen Bergstraßen-Katzensprung von Kira Panaghia entfernt rangiert mit Apela ein Strandparadies sogar in der Kategorie "Weltklasse".

Tourismus ist zwar der Tropf, der Karpathos am Leben erhält, statt großer Hotels sorgen aber kleine, meist familiär geführte Hotels und Pensionen für ein Urlaubsflair, das gut zum Charakter der Insel passt. Tourismus im Einklang mit der Umwelt ist hier folglich ein Konzept, das ganz sicher keine schnellen Profite verspricht, dafür aber eine vernünftige Zukunft.

Dass wahrer Luxus oft in den ganz einfachen Dingen des Lebens steckt - diese Binsenweisheit bestätigt sich wenig später. Im abgelegenen Bergdorf Avlona haben Anna und Michalis in ihrer winzigen Taverne zu Tisch geladen und für eine Handvoll Leute aufgetafelt wie für eine Kompanie. Wie in der einst ziemlich armen Gegend üblich, verköstigen sie ihre Gäste ausschließlich mit Gerichten und Beilagen, die - wie früher bei den Bauern - vom eigenen Acker und vom eigenen Hof kommen. Die voller Sonne stecken und auch genauso schmecken: Was für Tomaten! Bohnen! Kartoffeln! Kräuter! Oliven! Käse! Dazu natürlich Wein und Bergquellwasser - das alles ist Lichtjahre entfernt von jeglicher kulinarischen Raffinesse und gerade deshalb so extravagant.

Am nächsten Tag in Olympos, dem vielleicht schönsten Bergdorf Griechenlands. Tatsächlich kann man nur Bauklötze staunen, wie hier an einem 200 Meter hohen Bergkegel die pastellfarbenen und weißen Häuser an- und übereinander kleben. Überragt wird das irre Ensemble vom Glockenturm der Dorfkirche, und zu Füßen des Ganzen grünt eine Oase terrassenförmig angelegter Gärten - in dieser felsigen Einöde ein überwältigender Anblick.

Berühmt ist Olympos aber nicht nur seiner Schönheit wegen. So wie Karpathos eine Welt für sich ist, in der Sitten und Bräuche gepflegt werden, die es woanders schon längst nicht mehr gibt, so ist Olympos das Zentrum dieses Traditionsbewusstseins. Hier tragen viele verheiratete Frauen tagein, tagaus ihre althergebrachte Tracht. Hier wohnt man in der Regel im inseltypischen Einraumhaus. Hier backt man Brot noch selbst im Holzofen. Und alle Festtage werden zum Rausch für die Sinne, wenn auch Mädchen und jüngere Frauen ihre leuchtend bunten Gewänder anlegen und die uralten Stampftänze zelebrieren.

Quelle: RP
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