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Urlaub in Europa
Poznan - Polens große Unbekannte

Polen - Sehenswürdigkeiten in Poznan
Polen - Sehenswürdigkeiten in Poznan FOTO: dpa, ah
Poznan. Süße Hörnchen, Kaiser Wilhelm und der Opa von Angela Merkel - willkommen in Poznan! Die Messestadt im Westen Polens hat einige Überraschungen zu bieten, gutes Bier gibt es auch. Und einige neue Sehenswürdigkeiten - von den alten ganz zu schweigen.

Wie sehenswert Krakau ist und wie schön Danzig, hat sich längst herumgesprochen. Aber Poznan? Für viele deutsche Touristen ist die Stadt mit immerhin 560 000 Einwohnern Polens große Unbekannte. Wer weiß schon, dass dort das letzte Schloss steht, das Kaiser Wilhelm II. sich gebaut hat? Und Ludwig Kazmierczak, der polnische Opa von Angela Merkel - woher stammt der wohl? Aus Poznan! Und von dort kommt auch Lech, das beste Bier ganz Polens - wie jeder Posener sofort bezeugen würde. Nicht zu vergessen die Posener Hörnchen, eine kulinarische Spezialität für alle, die es süß mögen.

Volkswagen ist einer der größten Arbeitgeber der Stadt. Die Arbeitslosigkeit liegt unter fünf Prozent. Poznan, das Posen hieß, als es bis zum Ende des Ersten Weltkriegs noch zum Deutschen Reich gehörte, ist jedenfalls besonders. "Die Posener gelten als die Preußen Polens, bei denen Ordnung groß geschrieben wird - und außerdem als geizig", sagt Jan Wawrzyniak, Leiter des Polnischen Fremdenverkehrsamtes in Berlin - und in der Stadt geboren. "Es gibt den Witz, da fällt ein Posener vom Dach und ruft seiner Frau unterwegs durchs Fenster zu: "Schatz, mach' heute nur ein Mittagessen, ich muss ins Krankenhaus!""

Manche Posener Besonderheiten kann man sogar hören - oder schmecken:
"Wir haben unseren eigenen regionalen Dialekt und auch unsere eigenen Rezepte", erklärt Wawrzyniak. Dazu gehört an erster Stelle das Posener Hörnchen. In Polen kennt es jeder. "Aber nicht die Geschichte dahinter", betont Szymon Walter. Der muss es wissen, schließlich arbeitet er im 2014 eröffneten Hörnchenmuseum, das in einem historischen Gebäude mit Blick aufs Rathaus untergebracht ist.

Walter demonstriert dort, wie die Hörnchen zubereitet werden, und lässt sich dabei von den Gästen assistieren. Mit weißer Jacke, roter Schürze und roter Bäckersmütze steht er in einem hohen Saal mit Backsteinwänden und frisch restaurierter Renaissance-Decke. Vor ihm auf dem Tisch befinden sich ein großes Holzbrett, einige Gläser mit Zutaten wie Nüssen und Rosinen und ein Nudelholz.

Vorsichtig streut er etwas Mehl auf die Unterlage. "Die Hörnchen sind aus Hefeteig. Entscheidend ist aber die Füllung", sagt Walter, dessen Vorfahren vor langer Zeit aus Bamberg eingewandert sind. "Ein Bäcker der Stadt hat das Rezept vor rund 150 Jahren erfunden", sagt er, "heute ist es eine geschützte Herkunftsbezeichnung nach EU-Recht." Rund 100 Bäckereien stellen die Hörnchen her, nach dem gleichen Grundrezept, aber mit leichten Variationen.

Hefeteig, fein gemahlener weißer Mohn, Rosinen und Kirschen sind wichtige Zutaten. Walter lässt einen Hilfsbäcker aus der Besuchergruppe der Gäste Teig klopfen, dann ausrollen und schließlich in Hörnchenform  zusammenlegen. Die Füllung kommt aus einer Spritztüte. "Posener Hörnchen schmecken das ganze Jahr über. Aber die Hälfte wird in den Tagen um den 11. November gegessen." Das ist der Namenstag des heiligen Martin, der auf dem Pferd reitend einen Bettler traf und ihm die Hälfte seines Mantels schenkte. Und so macht man es mit dem Posener Hörnchen auch: Man teilt es.

Das Rathaus mit seiner sehenswerten Prunkfassade steht gleich um die Ecke am Alten Markt. Es wurde 1555 fertig, hatte aber schon einen 300 Jahre älteren Vorgänger. Der Marktplatz ist der drittgrößte Polens hinter dem in Krakau und Breslau. Im Rathaus hängen historische Fotos, die zeigen, wie der Platz 1945 aussah. Bei den Kämpfen zwischen Roter Armee und deutschen Truppen hatten viele Gebäude Treffer abbekommen, die Altstadt war zu 85 Prozent zerstört. Heute ist davon nichts mehr zu sehen.

Tauben schwirren über dem Markt. Eine Schulklasse schlendert auf den Brunnen zu, der in seiner Mitte steht. Punkt 12.00 Uhr kommen aus dem Rathausturm die Figuren zweier Ziegenböcke. Nach den Glockenschlägen und einer Trompetenmelodie gehen sie mit gesenktem Kopf aufeinander los. Etliche vierstöckige Wohnhäuser haben ihre Barockgiebel zurückbekommen. Es gibt Antiquitätenläden, Cafés, Restaurants und zwei Apotheken.

Direkt am Markt wohnte Anfang des 19. Jahrhunderts der Schriftsteller E.T.A. Hoffmann, der als Beamter in Posen arbeitete und sich in der Stadt verliebte. Fairerweise hat er die Frau sogar geheiratet, wurde dann allerdings wegen frecher Karikaturen seiner Vorgesetzten in die Provinz strafversetzt. Und die Frau mit den zwei Krügen hinter dem Rathaus? Sie erinnert an die Bamberger, die auf Beschluss des Stadtrats 1716 nach Posen eingeladen wurden, weil Arbeitskräfte fehlten - rund 500 Familien kamen, wie die von Szymon Walter. Die Frau trägt daher Bamberger Tracht, und im Posener Telefonbuch finden sich noch etliche deutsche Namen, die auf diese Zeit zurückgehen.

Posens Geschichte begann aber nicht am Marktplatz, sondern auf der Dominsel. Fürst Mieszko, der starke Mann der Region, ließ sich hier 966 taufen. Seitdem gehören polnische Geschichte und katholische Kirche eng zusammen. Kurz danach wurde Posen Polens erster Bischofssitz. Mieszko ließ die Kathedrale St. Peter und Paul bauen, in der er und seine Nachfahren später bestattet wurden, darunter mehrere Könige. Dominsel und Kathedrale gehören zu den Klassikern unter den Sehenswürdigkeiten. Der Dom ist immer noch eindrucksvoll.

Einen ganz neuen Zugang zu Mieszkos Zeit und den Jahrhunderten danach ermöglicht am Warthe-Ufer das Interaktive Zentrum für die Geschichte der Dominsel, Porta Posnania (auf Polnisch Brama Poznania) genannt. Besucher machen gewissermaßen einen Rundgang durch die Geschichte, mit Informationen vom Audioguide und an vielen Multimedia-Screens. Ein Blick in die Goldene Kapelle, in der Mieszko begraben wurde, ist so ebenfalls möglich. Und wer wissen möchte, wie in den Kirchen der Stadt während der Renaissance gesungen wurde, kann sich das anhören.

Klassische Führungen gibt es durch das neoromanische Schloss, das sich Kaiser Wilhelm II. in Posen bauen ließ. Es sollte Eindruck schinden und vor allem groß wirken - der 75 Meter hohe Turm war damals das höchste Gebäude der Stadt. "Fertig geworden ist es 1910", erzählt Michal Chmielewski bei seiner Schlossführung in fehlerfreiem Deutsch. Der Stadtführer hat in Frankfurt an der Oder studiert. "Das Vorbild war die Kaiserpfalz in Goslar", sagt er.

Die Innenräume erinnern allerdings an Hitlers Reichskanzlei. "Nazi-Architektur", sagt Chmielewski. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen machte der neue Gauleiter das Schloss zu seiner Residenz und ließ die Säle nach NS-Geschmack umstylen. Und extra einen Balkon anbauen, falls Hitler mal nach Posen kommen sollte - der kam dann aber nie. Von innen erinnert deshalb wenig an Kaisers Zeiten. Ein Thron Wilhelms II. ist erhalten, ein tonnenschweres, bizarres Prunkstück mit zwei Elefanten als Füßen - und eine Holzbank, die der Kaiser von seiner Frau als Weihnachtsgeschenk bekommen hatte.

Heute ist das Schloss ein Multifunktionsgebäude: Im Empfangssaal der Kaiserin werden Vorträge gehalten. Das Büro des Posener Filmfestivals "Transatlantik" ist hier untergekommen, genau wie die Konsulate von Frankreich, Guatemala und den Philippinen. Und einige Räume werden von Musik- und Tanzgruppen genutzt, für Foto- und Theaterkurse. "Ich habe hier Modellbau gelernt", erzählt Chmielewski. "Und meine beiden Brüder Töpfern." In einem modernen 2012 fertiggestellten Anbau gibt neben einer Bibliothek auch ein Café, das viele Besucher nach der Schlossbesichtigung zu schätzen wissen.

Von Angela Merkels Opa ist im Schloss nichts zu hören oder zu lesen, obwohl es gebaut wurde, als er ein Teenager war. Er wohnte westlich der Altstadt in der Ulica Grobla 14, bis er mit seinen Eltern 1915 nach Berlin zog. Das Haus steht noch, bei Stadtführungen macht die ein oder andere Gruppe mit deutschen Touristen dort Halt. Sonst interessiert es kaum jemanden.

Das ist mit der Stary Browar, der schicksten Shopping-Mall der Stadt, ganz anders. Die Alte Brauerei war wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von einem Deutschen gegründet, der aus dem Schwarzwald nach Posen gekommen war. Bald war sie die größte der Stadt und blieb Jahrzehnte lang bedeutend, bis sie 1988 schließen musste. "Dann hat sich Grazyna Kulczyk in sie verliebt", sagt Paulina Radkowska, die bei Führungen Gästen zeigt, wie es danach weiterging: "Ihr Traum war, sie zu einem Einkaufs- und Kulturzentrum zu machen."

Grazyna Kulczyk hätte nur das Geld ihres reichen Mannes nehmen müssen, um den Traum wahrzumachen. Aber erstens fand der Mann die Idee nicht so prickelnd. Und zweitens war Grazyna entschlossen, das Projekt selbst zu stemmen - mit Hilfe ihrer Bank. Das hat geklappt: Es gibt heute rund 200 Geschäfte, 25 Cafés und Restaurants, außerdem Filme, Konzerte, Ausstellungen, Galerien und ein Multiplexkino.

Ganz perfekt ist das Happy End für die Alte Brauerei nicht: Von ihrem Ehemann hat sich Grazyna inzwischen getrennt. Und das Museum für moderne Kunst, das sie so gerne dort untergebracht hätte, ist ein Traum geblieben. Ob er irgendwann noch wahr wird, ist offen.

(dpa)
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