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Abenteuer Wüste
Spaniens Wüsten sind nicht nur berühmte Filmsets

Spaniens Wüsten - Filmset und Naturerlebnis
Spaniens Wüsten - Filmset und Naturerlebnis FOTO: dpa, pla
Bardenas Reales . Filmkulissen, Wanderparadiese, Naturschauspiele. Wer das "Abenteuer Wüste" erleben möchte, braucht nicht in die Sahara oder USA zu fliegen. In Spanien warten gleich mehrere trockene Schönheiten.

Langsam taucht die untergehende Abendsonne die Felsen in ein ockerfarbenes Licht. Der Himmel färbt sich in ein kitschiges Rosa. Malerisch könnte man den Blick auf die tiefen Furchen der kargen Tafelberge nennen. Doch Francisco de Irizar ist nicht nur auf die Anhöhe gefahren, um einen beeindruckenden Ausblick auf die Mondlandschaft zu zeigen. Er holt ein Fernglas aus dem Jeep und sucht die Felsspalten ab, aus denen das Geschrei herüberhallt. "Dort könnt ihr sie sehen. Es dürften bis zu 30 Tiere sein", sagt er und reicht das Fernglas weiter.

Während seine Gäste nach Aasgeiern, Füchsen und Königsadlern in den Felsspalten Ausschau halten, stellt Francisco neben dem Jeep einen kleinen Klapptisch auf und drapiert spanischen Rotwein, Manchego-Käse und einen Teller mit Eichel-Schinken. "So lässt sich die Atmosphäre doch gleich viel besser genießen." Geht das überhaupt? Die Abendstimmung in den Bardenas Reales ist sagenhaft. Die Luft ist weich, die Stille unbeschreiblich. Keine Autos, keine Dörfer, kein Lärm. Die 42 500 Hektar große Halbwüste im nordspanischen Navarra, die im Jahr 2000 um Biosphärenreservat erklärt wurde, ist zweifellos einer der wildesten und überraschendsten Naturparks Spaniens. "Um so verwunderlicher ist es, dass selbst viele Spanier sich nur selten in die Bardenas Reales verirren", findet Francisco.

Wenig zu tun hat der Spanier mit eigenem Hotel in der Nähe des Parks aber nicht. Er ist seit Jahren darauf spezialisiert, Filmsets ausfindig zu machen. Und versichert: Hollywood ist begeistert von der menschenleeren Mondlandschaft im Nordosten Spaniens. So wird ein Jeep-Ausflug mit Francisco durch den Naturpark zum Streifzug durch die jüngste Film- und Musikgeschichte.

1957 drehte hier Stanley Kramer mit Cary Grant, Frank Sinatra und Sophia Loren den Abenteuerfilm "Stolz und Leidenschaft". 1999 kämpfte sich Pierce Brosnan als James Bond 007 in "Die Welt ist nicht genug" ebenfalls durch das steppenähnliche Ödland, aus dem durch Erosion geformte Tafelberge und kegelförmige Sedimentbrocken herausragen. In der kargen Schönheit dieser Landschaft drehte Madonna ihr "Frozen" und Clare Maguire "Ain't Nobody". Auch Iggy Pop und Vanessa Paradis fanden in den Bardenas Reales die perfekte Kulisse für ihre Musikvideos. Und Autobauer filmen hier regelmäßig Werbeclips für ihre neuesten Geländewagen.

An einem ausgetrockneten Flussbett hält Francisco plötzlich an. Die Erde ist aufgerissen, der Weg führt durch enge Kalksteinfurchen. "Hier haben wir 2012 mit der deutschen Sängerin Lena ihr Video zu "Stardust" gedreht", sagt er und erzählt Anekdoten vom Dreh.

Im Park gibt es gleich mehrere Aussichtpunkte wie den Cabezo de las Cortinillas, von denen man die Bardenas Reales überblicken kann. Wer so richtig mit der Einsamkeit der Landschaft in Berührung kommen möchte, sollte aber den rund 20 Kilometer langen Rundweg und die Schotterpisten verlassen. Besser sind Wandern oder Mountainbiken, findet Guide Iñaki. Seine Compañía de Guías de las Bardenas gehört zu den wenigen Aktivtourismus-Unternehmen der Gegend. Während der Fahrradtour durch die Badlands erklärt Iñaki die Entstehung der Felsformationen und geologische Kuriositäten.

Geschickt führt Iñaki seine radelnden Gäste durch lehmige Hügellandschaften und über steppenartige Ebenen. Die aufplatzende Erde knistert unter den Fahrradreifen. Die Landschaft ist so schön wie unwirklich. Doch man muss immer wieder zum Genießen anhalten, weil die Strecke durch trockene Flüsse und an Schluchten entlang Konzentration und Geschick erfordert. Die Route endet am Felsen Castil de Tierra. Die Naturskulptur ist das Wahrzeichen des Parks und der wohl am meisten fotografierte und gefilmte Felsen in der gesamten Halbwüste.

Iñaki scheint es kaum zu wundern, als er bei der Ankunft am Castil de Tierra den spanischen Schauspieler Imanol Arias im Anzug als "Geheimagenten Anacleto" sieht. Nicht unweit von hier fand schon der britische Star-Regisseur Ridley Scott vor zwei Jahren den perfekten Platz, um für seinen Drogenkrimi "The Counselor" die Grenze zwischen Mexiko und den USA nachzustellen. Mit dabei waren Brad Pitt, Cameron Diaz, Penélope Cruz und Michael Fassbender.

Ridley Scott scheint Spaniens Wüsten zu lieben - vor allem die Tabernas in Almería. Die Wüste im Südosten Andalusiens ist das trockenste Gebiet Europas und die einzige "echte" Wüste des europäischen Kontinents. Mehr als 3000 Stunden brennt die Sonne pro Jahr auf das Land herunter. In der Steinwüste fallen jährlich nicht einmal 250 Millimeter Niederschlag, die Temperaturen erreichen im Sommer bis zu 50 Grad. Im vergangenen Jahr ließ Scott hier Christian Bale als Moses in "Exodus: Götter und Könige" sein Volk aus Ägypten führen. Klar ist die Palmenoase wiederzuerkennen, in der sich schon Peter O'Toole in "Lawrence von Arabien" mit den Rebellen traf.

Die steppenartige Landschaft aus Steinen, Sand, ausgetrockneten Grasbüscheln und mannshohen Kakteen ist zwar klein, bietet aber ganz großes Kino. In der Vergangenheit diente sie immer wieder als Kulisse für Western. Sergio Leone drehte in Tabernas mit Charles Bronson und Henry Fonda seinen Kult-Western "Spiel mir das Lied vom Tod". Clint Eastwood und Lee Van Cleef durchstreiften die Wüste als raue Kopfgeldjäger in "Zwei glorreiche Halunken". Und Pierre Brice war auf der kahlen Hügellandschaft in "Winnetous Rückkehr" zu sehen. In Tabernas hauten auch Bud Spencer und Terence Hill in "Vier Fäuste für ein Halleluja" zu. Steven Spielberg drehte hier "Indiana Jones und der letzte Kreuzzug" mit Sean Connery und Harrison Ford.

Auf thematisch angelegten Wanderungen durch die Badlands kann man sogar sehen, wo Til Schweiger als Lucky Luke den Daltons zu schaffen machte und Bully im "Der Schuh des Manitu" blödelte. In Tabernas Städten wie Fort Bravo oder Mini Hollywood, wo die Kulissen noch genau so aussehen wie in den weltberühmten Filmen, bekommen Besucher von Stuntmen wie Jesus López pures Western-Feeling geboten. Die eindrucksvollen Badlands von Tabernas ähneln aber nicht nur Kalifornien oder Mexiko, sondern auch Landschaften in Nordafrika und Arabien. So drehte Joseph Mankiewicz mit Liz Taylor hier Einstellungen für "Cleopatra", und Stanley Kubrick fand die perfekte Mondlandschaft für seinen Kult-Film "2001: Odyssee im Weltraum".

Die Temperaturen sind im Sommer unerträglich. In der nur eine halbe Stunde von Tabernas entfernten Halbwüste Cabo de Gata weht immerhin gelegentlich eine Brise vom Mittelmeer. Das dürfte auch Arnold Schwarzenegger gefreut haben, der dort als "Conan, der Barbar" vor der Kamera stand. Die Kakteenfelder und verfallene Goldminen in dem Naturpark eigenten sich auch für Sergio Leones Welterfolg "Für eine Handvoll Dollar" als Filmset.

Die Region blieb aufgrund der widrigen Lebensbedingungen bis heute nahezu von menschlichen Eingriffen verschont. Nur ein paar Dörfer existieren im 50 Kilometer langen Küstenstreifen, der auch als Biosphärenreservat ausgezeichnet wurde. Lediglich Disteln, Ginster und ein paar Palmenarten, die auch in den Sahara-Randzonen heimisch sind, wachsen in dieser ausgedörrten, sonnenverbrannten Landschaft.

Westerntaugliche Landschaften wie diese gibt es in Spanien einige. Sie sind zwar nicht alle als Kulissen von Hollywood-Produktionen bekannt. Das ändert aber nichts an ihrer landschaftlichen Schönheit. Wer sich überzeugen will, reist in die ausgedehnten Wüstenebenen von Los Monegros im nordspanischen Aragonien oder in die trockenen Steppen in der Siberia der südspanischen Extremadura.

 

(dpa)
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