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Rumänien
Zu Besuch im Bauernland Siebenbürgen

Rumänien: Zu Besuch im Bauernland Siebenbürgen
Transilvanien in Rumänien bietet trotz schauriger Mythen eine wunderschöne Naturlandschaft. FOTO: Shutterstock.com/ Gaspar Janos
Siebenbürgen wandelt sich zum beliebten Reiseziel. Kein Wunder: Die Region in Rumänien bietet eine unberührte Landleben-Idylle, die ihresgleichen sucht. Von Tina Stockhausen

Der Varga Stefan ist in seinem Leben zweimal umgezogen, ohne sich vom Fleck zu rühren. Und er hat es nicht einmal bemerkt. Er war bei den Kühen, als es geschah, arbeiten, von morgens um sieben bis abends um neun, viele Tage hintereinander, ohne aufzuschauen. Und als er endlich einmal die Zeit fand, sich auf die Treppe vor seiner Haustür zu setzen und eine Zigarette zu rauchen, da sah er, dass er umgezogen war. Auf der Straße spielten fremde Kinder und in den Gemüsegärten hockten fremde Frauen. Und als er das Ortsschild sah, stand darauf nicht mehr Reussdorf - sondern Cund, ein rumänisches Wort. Die Bauern, die von den Feldern kamen, riefen ihn "Isteban" - und da merkte er, dass die Deutschen verschwunden waren. Die hatten ihn jahrzehntelang nur "den Varga Stefan" genannt. Und jetzt? Jetzt hieß er plötzlich Isteban Varga und wohnte in dem kleinen Dorf Cund mitten in den grünen Hügeln von Siebenbürgen.

Anfang der 90er Jahre war das, als nach dem Fall des Ceausescu-Regimes hunderttausende Siebenbürger Sachsen aus Rumänien flohen. Sie ließen ihre bunt gestrichenen Bauernhäuser zurück, ihre gepflegten Vorgärten und ihre Ernte auf den Feldern - sie ließen eine Heimat zurück, die idyllischer kaum sein könnte: Siebenbürgen ist ein friedlicher Flecken Erde am Rande der Kaparten, wie für ein Kinderbuch gemalt, in kräftigem Himmelblau, Heugrün, Ziegelsteinrot und Korngold - die perfekte Landleben-Kulisse für eine der klassischen 60er-Jahre-Liebesschmonzetten. Wer hier die leeren Landstraßen entlangfährt, passiert Weizenfelder und Apfelbäume, Blumenwiesen und Tannenwälder, Heuhaufen und Schafherden. Schmale Pfade schlängeln sich zwischen den Hügeln hindurch und in den Tälern nisten winzige Dörfer mit bunten Häusern und spitzen Kirchtürmen. Es ist ein Bauernland. Im Frühjahr lassen die Obstbäume weiße Blüten regnen, im Sommer streicht der Wind sanft über das Korn, dass es wie flüssiges Gold die Hügel hinab fließt, und die Quellwolken hängen am Himmel wie Fetzen aus Zuckerwatte.

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Hier liegt Cund, 140 Einwohner, zwei Straßen, eine Kirche. Das Dorf von Istaban Varga liegt nicht weit entfernt von der Stadt Sibiu, aber nur selten lohnt sich für ihn eine Fahrt dorthin. Die Tage in Cund sind gleichförmig und richten sich nach den Jahreszeiten. Der Varga Stefan sitzt auf seiner Treppe und kneift die Augen zusammen. Die jahrelange Arbeit auf dem Feld ist ihm anzusehen, sie hat sein Gesicht zerfurcht und seinen Rücken gekrümmt. Er lebt hier, seit er denken kann. Früher hat er die Obstplantage am Dorfrand geleitet. Nach dem Sturz des Regimes kauften Syrer die Plantage - und der Varga Stefan kaufte Kühe. Nach und nach zogen Rumänen in die verlassenen Bauernhäuser. "Das sind anständige Leute, aber immer noch fremd", sagt er. "Die Nachbarschaften von früher, die engen Freundschaften gibt es nicht mehr." Sie sind alle weg, die Deutschen. Verscherbelten ihre Höfe. Verschenkten ihre Möbel. Einige Häuser stehen immer noch leer.

Doch seit einiger Zeit schwebt wieder das Sirren der Kreissäge über den Dächern im Dorfkern und Hammerschläge zerschmettern die Mittagsruhe. Die Bauarbeiter haben Cund erreicht. Schon kurz nach dem Sturz des Diktators flogen sie in Rumänien ein, als das Gefolge westeuropäischer Investoren. Sie zogen Supermärkte, Banken und Möbelhäuser hoch und rückten Kilometer für Kilometer von Bukarest aus vor. Bis nach Sibiu, eine Stadt, so reich an barocken Prachtbauten, historischen Wohnhäusern und mittelalterlichen Wehranlagen, dass sie 2007 zur europäischen Kulturhauptstadt ernannt wurde. Verschachtelte Gassen, windschiefe Dächer - es gibt kaum ein Haus in Sibiu, das nicht historisch wäre. Nach der Wende restaurierten Investoren die maroden Gebäude, eröffneten Cafés, spannten Sonnenschirme auf, stellten Korbsessel raus. Schon bald darauf tappten die ersten Touristen durch die Innenstadt - und die Bauarbeiter zogen weiter. Nach Sighisoara: In der Unesco-Weltkulturerbe-Stadt steht das angebliche Geburtshaus des historischen Grafen Dracula. Und auch hier spaziert man zwischen wuchtigen Wehrtürmen und mittelalterlichen Bauten umher, als wäre man ein paar Jahrhunderte in der Zeit zurückgereist.

Rumänien hing lange der Ruf eines düsteren Landes mit den schaurigsten Geschichten an, doch mittlerweile wandelt sich die Region Siebenbürgen zum beliebten Reiseziel. Die historischen Mittelalterstädte sind längst auf Vordermann gebracht, und auch in Cund sind einige Bauernhäuser restauriert. Seitdem hat der Varga Stefan schon wieder neue Nachbarn: Feriengäste. "Nette Leute - und sie bringen Geld ins Dorf. Es geht wirtschaftlich wieder bergauf mit uns." Viele Jahre hat er kein Deutsch gesprochen. Er hat nicht gedacht, dass er sie noch mal braucht. Aber es freut ihn.

Quelle: RP
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