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Europas Hawaii mit irischer Note

Wer glaubt, Europas Natur hält keine Überraschungen mehr bereit, sollte die Azoren besuchen. Dort haben die Elemente faszinierende Landschaften zwischen Himmel und Hölle modelliert. Von Michael Juhran

Rund 1370 Kilometer Luftlinie von Lissabon entfernt erhebt sich Europas westlichster Außenposten über den Mittelatlantischen Rücken. Wie Perlen an einer Kette reihen sich Krater und Vulkankegel aneinander, die von sattgrünen Wiesen, bunten Blumen, Heidebüschen und dichten Lorbeerwäldern überzogen sind. Schroffe Klippen am Meer, blau und grün funkelnde Bergseen - man kann sich gar nicht sattsehen an diesen Wunderwerken der Natur. Überall begegnet man auf den neun Hauptinseln der Azoren den Spuren urzeitlicher Gewalten. Manchmal fühlt man sich wie auf einer Zeitreise in die Entstehungsgeschichte unseres Planeten.

Es ist ein unvergessliches Erlebnis, steigt man auf der Insel Terceira in den Vulkanschlot Algar do Carvão. Als betrete man die Eingangspforte zum Inneren der Erde, führen Treppenstufen immer tiefer in den Schlot, durch den einst vulkanisches Gestein hinausgeschleudert wurde, aus dem die Inseln emporwuchsen. Bilder tauchen auf, die bereits im Kindesalter bei der Lektüre von Jules Vernes "Reise zum Mittelpunkt der Erde" durch den Kopf kreisten. "Von den 27 großen Vulkanen auf den Azoren sind noch 16 aktiv", sagt der Vulkanologe Joao Carlos Nunes von der Universität São Miguel. "Als tot gelten sie erst, wenn sie 10.000 Jahre keine Lava mehr spucken. Aber selbst die aktiven sind ziemlich faul", fügt er hinzu. Sie brechen selten aus, wie der Pico, dessen letzte Eruption 1718 stattfand. Ab und an stößt der mit 2351 Metern größte Berg Portugals, der nahezu die doppelte Höhe des Vesuvs erreicht, noch eine Rauchwolke aus. Ansonsten ist sein Gipfel eines der beliebtesten Wanderziele.

20 Minuten sind es mit der Fähre von Madalena auf Pico bis zur benachbarten Stadt Horta auf der Insel Faial. An deren Westküste kämpfte sich der Vulkan Capelinhos erst 1957/58 an die Meeresoberfläche. Auf Faial gab es 1998 auch das letzte große Erdbeben, das nahe Horta ein ganzes Dorf einebnete. Dennoch ist die Insel eine der beliebtesten Tourismusdestinationen auf den Azoren. Wanderwege mit prächtigen Aussichten führen zum Rand einer riesigen Caldera, ein Leuchtturm beherbergt ein äußerst interessantes Vulkan-Infozentrum und erlaubt einen fantastischen Blick auf die Überreste der 1957er Eruption. An der Küste formen Wellen bizarre Felsenbrücken aus Lavagestein. In Horta selbst treffen sich Segler aus der ganzen Welt, die - wie schon die Weltentdecker im 15. Jahrhundert - bei der Überquerung des Atlantiks einen Zwischenstopp einlegen. Oft begegnet man ihnen im Restaurant des Weltumseglers Genuino Madruga.

Genuino kennt die schönsten Ecken der Welt, würde aber Faial nie als Heimat aufgeben. "Sicher ist es riskant, auf einer Vulkaninsel zu leben", räumt er ein, "aber die Vorzüge überwiegen. Der Golfstrom beschert uns ein ganzjährig angenehm warmes Klima, die Vulkanasche sorgt für fruchtbare Böden und auf den kleinen Inseln lebt man in Ruhe und Sicherheit." Auf der Nachbarinsel Pico gedeihen auf den mineralischen Böden seit Jahrhunderten traditionelle Rebsorten, aus denen ein besonders kräftiger Wein entsteht. Die kleinen, von Basaltsteinmauern umrahmten Felder hat die Unesco zum Welterbe ernannt. Wie in Irland grasen auf allen Inseln Kühe auf sattgrünen Flurstücken, Meerblick inklusive. Milch, Butter, Rindfleisch und Käse sind neben Fischkonserven die Exportschlager der Azoren.

Auf São Miguel baut man sogar Ananas, Bananen, Tabak, Tee und Kaffee an. Der Clou auf São Miguel sind aber die Thermalquellen, die sich die Menschen in Heilbädern zunutze machen. In und um den kleinen Ort Furnas lassen Fumarolen Dampfwolken aufsteigen, aus vielen Quellen sprudelt Wasser mit natürlicher Kohlensäure und mehrere Bäder versprechen inmitten grüner Natur Linderung für Gicht, Kreislauf- und Hautkrankheiten. Wie ein Magnet ziehen die Quellen Besucher aus aller Welt an. Am nahen Vulkansee Lagoa das Furnas werden die Fumarolen gar als Kochstudio genutzt. In runden Löchern garen köstliche Cozido-Gerichte aus Fleisch, Wurst, Gemüse und Süßkartoffeln für sechs bis acht Stunden bei etwa 100 Grad. Die Leckerbissen, die man in "Tony's Restaurant" oder anderswo bei köstlichem Azoren-Wein genießen kann, zergehen auf der Zunge. Spätesten jetzt wird deutlich, dass Vulkane auch ein höllisches Vergnügen bereiten können.

Quelle: RP
 
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