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Viva la Revolución
Auf Fidel Castros Spuren durch Kubas wilden Osten

Auf Castros Spuren durch Kuba
Auf Castros Spuren durch Kuba FOTO: dpa
Santiago de Cuba . Kuba-Urlauber verschlägt es gewöhnlich in den Westen, nach Havanna und an die Strände Varaderos. Dabei locken im unbekannteren Osten die ursprünglichen Landschaften, einsame Strände und die abenteuerliche Revolutionsgeschichte von Fidel Castro und Che Guevara.

Fidel Castro ist tot, und in Kuba stehen die Zeichen auf Fortschritt. Doch Roy Pérez ist sicher: "Hier im Osten der Insel wird es noch lange dauern, bis der erste McDonald's aufmacht." Erst vor zwei Jahren öffnete der Kubaner im Stadtzentrum von Santiago de Cuba sein kleines Hostal "Roy's Terrace Inn". Die Anfragen von Gästen aus den USA steigen, doch der Touristenandrang ist mit der Entwicklung im Westen nicht vergleichbar.

Seitdem Barack Obama in seiner Zeit als US-Präsident die Sanktionen gegen Kuba lockerte und das Castro-Regime sich öffnete, boomt der Tourismus auf der Karibikinsel. Restaurants, Geschäfte und Airbnb-Unterkünfte öffnen in großer Zahl, vor allem die Amerikaner kommen jetzt. Das führt bei europäischen Touristen zu einer gewissen Torschlusspanik. Jeder will Kuba sehen, bevor der Charakter des Landes sich wandelt.

Fotos: Kuba hat viele Gesichter FOTO: Werner Gabriel

Der Osten der Insel ist da ein gutes Reiseziel. "Dieser Teil der Insel ist landschaftlich wie kulturell viel ursprünglicher, viel kubanischer als der von Touristen überlaufene Westen und Havanna", sagt Pérez und schenkt auf der begrünten Dachterrasse seines kleinen Hotels frischen Mangosaft und Kaffee zum Frühstück nach.

Havanna mag die politische Hauptstadt Kubas sein. Doch das bereits 1514 gegründete Santiago ist die unumstrittene Hauptstadt kubanischer Lebensfreude, Musik - und der Revolution. Pittoreske Treppenstraßen, die zum Hafen hinunterführen, machen das Stadtviertel El Tivolí mit seinen bunten Häusern zum malerischsten Winkel Santiagos.

Nur wenige Meter von Pérez' Hotel entfernt liegt das Revolutionsmuseum in einem alten Kolonialgebäude. Schräg gegenüber steht ein Holzhaus, in dem Fidel Castro damals als Jura-Student lebte. Vom Balkon des Rathauses, schräg gegenüber der Kathedrale, rief er am 1. Januar 1959 den Sieg der Revolution aus.

Vom Rathausplatz geht die Heredia-Straße ab, auf der abends in belebten Musik- und Tanzlokalen wie der "Casa de la Trova" karibische Salsa-Rhythmen gespielt werden. Santiago ist Wiege der kubanischen Son-Musik und des Rums. Gleich mehrere bekannte Produzenten stammen aus Santiago. Emilio Bacardi hat hier sogar sein eigenes Rum-Museum.

Vor allem ist Santiago aber die Wiege der Revolution. Hier startete schon der kubanische Nationaldichter und Freiheitsheld José Martí seinen Unabhängigkeitskampf gegen die Spanier. Er liegt auf dem Friedhof Santa Ifigenia in einem 24 Meter hohen Mausoleum. Daneben wurde am 4. Dezember 2016 auch die Asche Fidel Castros beigesetzt. Auf dem Marmorfriedhof mit seinen Nationaldenkmälern liegen neben Revolutionshelden auch Persönlichkeiten wie der Rum-Baron Bacardi oder der Musiker Compay Segundo vom Buena Vista Social Club begraben.

In der Hafeneinfahrt lohnt sich der Besuch der kleinen Insel Cayo Granma mit seinen pastellfarbenen Holzhäuschen. Hoch über der Insel thront die imposante spanische Festung El Morro mit wunderschönen Blicken auf die Karibische See und die Berge der Sierra Maestra, dem sagenumwobenen Gebirge, in dem Fidel Castro und Che Guevara ihre Revolution starteten.

Das sollten Sie in Kuba gesehen haben FOTO: The Visual Explorer/ Shutterstock.com

Als damals größte Hafenstadt Kubas wurde Santiago für die Spanier zum wichtigsten Umschlagplatz von Sklaven. Auf dem Weg nach Baracoa zeugen davon endlose Kaffeeplantagen, auf denen die Gefangenen arbeiten mussten. Die Fahrt führt vorbei am bekannten und zugleich berüchtigten US-Stützpunkt Guantánamo. Die gleichnamige Provinz, auch wegen des Liedes "Guantanamera" weltbekannt, ist landschaftlich zunächst karg. Das ändert sich, sobald man über die serpentinenreiche Passstraße La Farola in den dichten Bergregenwald eintaucht.

Das Gebirge und die heute noch schlechten Verkehrswege isolierten das Küstenstädtchen Baracoa über Jahrhunderte. Doch gerade dadurch konnte sich Kubas älteste, bereits 1511 vom spanischen Konquistadoren Diego Velázquez gegründete Ortschaft seinen kolonialen Charme bewahren. Pferdekutschen fahren hier noch durch die engen Gassen, die von bunt bemalten Kolonialhäusern gesäumt werden. In der Bucht von Baracoa betrat auch Kolumbus 1492 zum ersten Mal die Insel. Das von ihm errichtete Holzkreuz steht heute in der Kirche Baracoas.

Die Gegend ist ein Paradies für Natur- und Trekkingfans. Die Stadt ist umgeben von Kokosnussplantagen, Kakaofeldern und tropischen Regenwäldern, die immer wieder durch schneeweiße und kaum besuchte Karibikstrände wie die Playa Maguana unterbrochen werden. Trekkingtouren führen auf den 575 Meter hohen Tafelberg El Yunque, der 1987 zum Unesco-Biosphärenreservat erklärt wurde.

Wie unberührt die tropische Berglandschaft um Baracoa ist, wird vor allem im Alexander-von-Humboldt-Nationalpark deutlich. Der mit 70 000 Hektar riesige Park, seit 2011 Unesco-Weltnaturerbe, wurde nach dem deutschen Naturforscher benannt, der um 1800 die Gegend erkundete. Parkführer Fernando zeigt auf Wanderungen die Vielzahl endemischer Pflanzen und Tiere. "Fast 70 Prozent existieren nur in dieser Region." Mit bis zu 2000 Tier- und Pflanzenarten sei der Park zudem das wichtigste biologische Naturschutzgebiet in der gesamten Karibik.

Kuba: Castros Urne auf dem Weg zum Friedhof FOTO: dpa

Fernando ist ein Nachfahre der Taíno-Indianer und findet zwischen gigantischen Farnen, Urwaldriesen, Ananaspflanzen und duftenden Orchideen sogar die kleinsten und doch größten Parksensationen: Mit maximal einem Zentimeter ist der endemische Monte-Iberia einer der kleinsten Frösche der Welt. Und der auch Zunzuncito genannte Zwergkolibri ist der kleinste bekannte Vogel.

Die Wanderung in der schwülen Karibikhitze ist anstrengend. Eine Bootsfahrt in einem traditionellen Cayuca-Holzboot auf dem Río Toa bringt angenehme Erholung. Immer wieder öffnet sich das Blätterdach und gibt Blicke auf den Yunque-Tafelberg frei. Papageien verstärken die Dschungelatmosphäre mit ihrem Kreischen.

Wer einen halbwegs geländetauglichen Mietwagen hat, sollte von Baracoa unbedingt zur Punta de Maisí fahren, den östlichsten Punkt Kubas, wo man am Leuchtturm praktisch allein an den kilometerlangen Stränden liegt. Die schönsten Strände der östlichen Provinz befinden sich allerdings in Guardalavaca. Hier werden an der Playa Esmeralda und der Playa Pesquero die Karibik-Klischees erfüllt: weißer Sand, Hängematten unter Palmen. Zum Essen gibt es frische Kokosnussmilch, noch frischeren Hummer und natürlich kubanische Mojitos.

Nur wenige Autostunden von den Postkarten-Stränden entfernt kam Fidel Castro zur Welt. Die ehemalige Finca Manacas bei Birán ist heute eine Art Freilichtmuseum. Der Vater von Fidel Castro und seinem Bruder Raul war ein wohlhabender Gutsherr, wie das riesige Anwesen zeigt. In dem doppelstöckigen Wohngebäude aus Holz sieht man noch die Kinderkleider, Familienfotos und die Wiege der Castro-Brüder.

Das wahre Paradies für Revolutionsromantiker wartet aber weiter südlich in der Provinz Granma mit der Sierra Maestra und dem Coloradas-Strand, an dem Fidel Castro und Che Guevara am 2. Dezember 1956 mit nur 80 Rebellen auf der Granma-Jacht aus dem mexikanischen Exil landeten, um die Revolution zu starten. "Eigentlich strandeten sie eher neben dem Strand und mussten sich stundenlang durch einen dichten Mangrovensumpf kämpfen", erklärt José Fernandez. Er arbeitet als Guide in dem heutigen Naturpark, in dem sich auch bis zu 2000 Jahre alte Höhlen der Ureinwohner befinden.

Fernandez führt Besucher über einen ramponierten Betonsteg zu der Stelle, an der die Jacht gefunden wurde. Bevor die Eroberung der Insel stattfinden konnte, musste sich das kleine Rebellenheer aber erst einmal vor den Angriffen der Luftwaffe von Diktator Batista in die nahen Sierra Maestra in Sicherheit bringen. Für Batistas Truppen war es unmöglich, die Guerillas im Schutz des undurchdringlichen Urwalds aufzuspüren, wo sie sich bis April 1957 versteckten. Heute ist die unzugängliche Berglandschaft das schönste Wandergebiet Kubas.

Vom Gebirgsdorf Santo Domingo führen mehrtägige Touren durch den Turquino-Nationalpark auf den mit 1974 Metern höchsten Berg Kubas, den Pico Turquino. Die meisten Besucher verschlägt es auf einer Tageswanderung zu Fidel Castros Kommandozentrale, die Comandancia General de la Plata. Im dichten Dschungel zeigen lokale Führer die Sendestation "Radio Rebelde" und das Feldlazarett, in dem Che Guevara höchstpersönlich verletzte Guerilla-Kämpfer behandelte. Auch Fidels Hütte steht noch - samt Bett und Kühlschrank mit Einschusslöchern.

"In der Küche durfte nur nachts gekocht werden, damit der Rauch des Ofens sie nicht verriet", erinnert sich Kaffeebauer Juan González aus Santo Domingo. Er war damals zehn Jahre alt, doch bereits bei den Vorbereitungen der Revolution dabei. "Mein Großvater half Fidel Castro und Che Guevara damals, die sich nicht in den Bergen auskannten. Häufig nahm er mich mit oder sie kamen zu uns", sagt der heute 67-Jährige stolz.

"Castro war streng mit seinen Männern, aber herzlich zu uns Dorfbewohnern. Er hatte enormes Charisma und versprach uns eine bessere Zukunft", erinnert sich González. Deshalb habe auch niemand seinen genauen Aufenthaltsort verraten. Und das, obwohl die Soldaten Batistas auf der Suche nach Castro viele Dorfbewohner ermordeten. Unter anderem seinen Großvater Lucas Castillo. Fidel Castro wird wohl ewig einen Platz in den Herzen der Kubaner haben. Sein Ruhm dürfte durch seinen Tod eher noch größer werden. Gut möglich, dass er auch weitere Touristen anlockt.

(dpa)
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