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Afrika
"Big-Five"-Safari im Krüger-Nationalpark

Auf Safari durch den Krüger-Nationalpark
Auf Safari durch den Krüger-Nationalpark FOTO: dpa, pla
Johannesburg. Der Krüger-Nationalpark ist das berühmteste Wildtierreservat in Südafrika. Auf einer Safari fühlt sich der Tourist wie in einer Art Garten Eden, so viele Tiere laufen ihm vor die Kameralinse. Doch der Eindruck täuscht. Das Paradies ist bedroht.

Mit dem Licht schwindet die Hoffnung. Zwar ist die Chance, Tiere zu sehen, in der Dämmerung besonders hoch. Doch die Sonne blinzelt nur noch schwach durch das dichte Buschwerk der südafrikanischen Savanne. Sehr bald fällt die Nacht über das Land.

Der offene Geländewagen fährt auf abendlicher Pirschfahrt durch das Kapama Game Reserve, als Vorprogramm zur ausgedehnten Safari im benachbarten Krüger-Nationalpark am nächsten Tag. Wer hier in diesen Busch kommt, will die "Big Five" sehen, die fünf großen Landsäugetiere Afrikas, die Majestäten der Tierwelt: Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard. Nur durchstreifen sie die Landschaft nun mal nicht in erster Linie, um Touristen ins Blickfeld zu laufen.

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Im abnehmenden Licht huschen Impalas durchs Gestrüpp, ein Buschbock hebt den Kopf und schnuppert, am Wegrand kaut eine Giraffe unbeeindruckt vom Fahrzeug auf etwas Blattwerk herum. Dass es sich um wilde Tiere handelt, ist schon beeindruckend, aber dem naturgemäß ungeduldigen Erlebnistouristen sind ein paar schreckhafte Antilopen und eine einzelne Giraffe doch entschieden zu wenig Wildlife.

Als es schon so dämmrig ist, dass man die Iso-Zahl der Kamera kräftig aufdrehen muss, um keine unscharfen Fotos zu bekommen, hält der Wagen an einem Tümpel. Am anderen Ufer zeichnet sich eine Silhouette ab: massiver schwarzer Rumpf, Spitze auf dem Kopf. Ein Nashorn! Nicht nur die Anmut des Tieres macht die Begegnung so einprägsam. Es ist ein Anblick, der so in 20 Jahren nicht mehr möglich sein könnte.

Eine Verkettung unterschiedlicher Umstände bedroht das Nashorn. In Asien ist der Aberglaube weit verbreitet, in Afrika sind viele Menschen arm und perspektivlos. Die Folge: Kriminelle heuern Wilderer an, die Nashörner jagen und ihnen die Hörner abschneiden. Das begehrte Gut wird nach Vietnam geschmuggelt, wo vermögende Kunden bis zu 60 000 Dollar für ein Kilogramm Horn bezahlen. Sie glauben, dass das Horn in Pulverform Krankheiten heilen kann, Masern oder Fieber.

Erstmals seit einem Jahrzehnt ist die Zahl der gewilderten Nashörner in Südafrika im vergangenen Jahr nicht gestiegen. Das klingt nach einer guten Nachricht. Doch es wurden 1175 Tiere getötet. Das sei immer noch inakzeptabel hoch, sagt Arnulf Köhncke, Experte für Artenschutz beim WWF. "Wir müssen es schaffen, die Zahlen weiter zu drücken." Sonst ist das Nashorn bald ausgestorben. In ganz Afrika gibt es Schätzungen zufolge nur noch rund 25 000 Breitmaul- und Spitzmaulnashörner. Und allein im Krüger-Park leben etwa 9000 Exemplare. Ihre Zahl nimmt stetig ab.

Die Safari-Guides geben Stellen, an denen sie Löwen oder Leoparden gesehen haben, oft per Funk an ihre Kollegen weiter. "Aber für die Nashörner benutzen wir nur Codewörter", sagt Sydney Wallace Staples vom Hoedspruit Endangered Species Centre am Eingang zum Kapama Game Reserve. "Wir sagen auch nicht, wie viel Nashörner in dem Reservat hier leben", erklärt der Guide. Denn die Wilderer hören den Funk ab.

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Nachts, wenn die Touristen in den Lodges ihre Sundowner genießen, kommen ganze Banden schwer bewaffneter Männer in den Park, oft aus dem benachbarten Mosambik, und töten die Tiere. "Bei der Wilderei reden wir von organisierter Kriminalität im globalen Kontext", sagt WWF-Experte Köhncke. Südafrika setzt mittlerweile die Armee gegen die Wilderer ein. Im Morgengrauen, wenn die ersten Fahrzeuge zur Safari in den Krüger-Park aufbrechen, haben sich die Wilderer längst verzogen. Dann erwacht das legale Geschäft mit dem Naturparadies: der Tourismus.

Kühl ist die Luft, bevor die Sonne richtig aufgegangen ist. Der Fahrtwind bläst durch die Kleidung. Die Reisenden, die heute elf Stunden im Park unterwegs sein werden, hüllen sich in Decken. Die erste Tiersichtung meldet Guide und Fahrer John Mthethwa, noch bevor der offizielle Eingang zum Krüger-Park erreicht ist.

Unweit der Straße ruhen ein Löwe und eine Löwin im hohen Gras. Die Anweisungen sind eindeutig: "Nicht aufstehen, nicht die Beine oder Füße aus dem Wagen halten. Das mögen die Tiere nicht, und manche werden dann sehr böse", warnt John die Gruppe. Es kommt vor, dass sich Raubkatzen an Autos heranschleichen und Touristen bei einem Angriff getötet werden. Allein wie der liegende Löwe seinen Kopf hebt und den Wagen fixiert, flößt Respekt ein.

Innerhalb der Parkgrenzen passiert dann zwei Stunden ziemlich wenig. Das im südafrikanischen Herbst relativ farbenfrohe aber dichte Buschwerk zieht vorbei, die Tiere sind recht gut versteckt. Die Gruppe übt sich in Geduld. Doch irgendwann taucht ein Elefant am Wegrand auf - ein weiterer Vertreter der "Big Five".

Auf dem Rücksitz ist plötzlich ein Wimmern zu hören. Eine junge deutsche Touristin muss unbedingt auf Toilette. Sie sagt, dass sie es wirklich nicht mehr aushalte. Tränen fließen. Einfach aussteigen und hinter einen Busch: Das ist im Krüger-Park lebensgefährlich. John fragt etwas gereizt: "Willst du Elefanten oder Toiletten?" Die Entscheidung fällt zunächst zugunsten eines Rastplatzes aus.

Das ist aber gar keine schlechte Entscheidung, denn auch in der Umgebung des Parkplatzes läuft ein Elefant herum. Er vertreibt Zebras und ein Streifengnu von einem Wasserloch. Die Touristen frühstücken und beobachten: Beginnt der Elefant zu traben, flüchten die anderen Tiere. Kein Zweifel, er ist der König am Wasserloch.

Schnell wird es heiß in der Savanne, die Decken braucht jetzt niemand mehr. Guide John steuert das Fahrzeug nun stundenlang über einsame Pisten durch den Busch, und dem Gast erschließt sich so langsam, wie groß der Krüger-Park ist: Etwa 350 Kilometer sind es von der Nord- zur Südgrenze, gut 50 Kilometer in der Breite. Man stelle sich vor, das Bundesland Hessen würde für die Besiedlung gesperrt und Hunderttausenden von wilden Tieren überlassen.

Obwohl der Park die wohl bekannteste Touristenattraktion Südafrikas ist, verlieren sich die Besucher in der scheinbar unendlichen Weite der Landschaft. Die Tiere sind eindeutig in der Überzahl. Immer wieder stößt man auf Zebras, Giraffen, Paviane, Grüne Meerkatzen, Antilopen, Kaffernbüffel, Flusspferde mit Schildkröten auf dem Rücken - und jede Menge Elefanten.

Ein besonders prächtiges Exemplar baut sich auf dem Weg vor dem Safari-Fahrzeug auf. "Der sieht böse aus, der hat schlechte Laune", sagt John, aber ohne beunruhigt zu wirken. Er macht den Motor aus. "Das signalisiert: Ich bin nicht wütend, ich will nicht kämpfen", erklärt der Guide seinen Gästen.

Der Südafrikaner weiß, wie sich die Tiere verhalten. "Sie sprechen zu uns, man muss sie nur verstehen." Man dürfe nicht zeigen, dass man Angst hat. Nachdem einige schöne Nahaufnahmen geknipst sind, klopft John kräftig mit der flachen Hand von außen auf die Seitentür des Geländewagens. Der Bulle macht den Weg frei.

Auch der Elefant ist bedroht, sein Elfenbein noch immer begehrt. Kein emphatischer Mensch, denkt man im Angesicht des stolzen Tieres, kann doch auf die Idee kommen, einen Elefanten nur wegen seiner Stoßzähne zu massakrieren. Doch genau das passiert. Im Krüger-Park zeigt sich ein globales Phänomen im Kleinen: Statt nachhaltiger Entwicklung zählt schneller Profit. Das weltweite Ausschlachten der Natur und ihrer Ressourcen wird hier zum Abschlachten von Nashörnern und Elefanten.

"Die Wildtiere sind lebendig mehr wert als tot", sagt Arnulf Köhncke vom WWF. "Was es braucht, ist eine faire Verteilung der Einnahmen auf alle beteiligten Akteure." In Südafrika sei das im Krüger-Park Teil der Strategie. "Den Leuten ist sehr bewusst, dass der Nutzen durch den Tourismus verteilt werden muss." Ob das korrumpierte Wilderer und Schmuggler abhält, wird sich zeigen müssen.

Dass die Tierwelt im Krüger-Park unbedingt schützenswert ist, hat der Besucher nach einer Safari begriffen - beim Blick in die Augen von Elefant, Nashorn und Löwe, nicht durch theoretische Lektionen. Auch WWF-Experte Köhncke weiß: "Safari-Tourismus ist eine wichtige Strategie, um Menschen für Artenvielfalt und Naturschutz zu begeistern." Quasi pädagogisches Programm mit Erlebnisfaktor.

Nur der Leopard zeigt sich bei dieser Safari nicht, als einziger Vertreter der "Big Five". Doch eigentlich wünscht man ihm schon fast, dass er unbehelligt vom Menschen seiner Wege gehen kann.

(dpa)
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