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Campen und Wandern
Der Denali-Nationalpark in Alaska

Eindrücke aus dem Denali in Alaska
Eindrücke aus dem Denali in Alaska FOTO: dpa, pla gab
Anchorage. Der Denali-Nationalpark ist mit Abstand der beliebteste Park in Alaska. In diesem Jahr wird er 100 Jahre alt, und auf den Wegen werden sich mehr Besucher drängen denn je. Wer aber in den Südteil fliegt, erlebt noch menschenleere Wildnis.

In Alaska haben sie hübsche Wörter für gar nicht so schöne Dinge. Bushwhacking ist so ein Wort. Klingt nach wackelndem Busch, bedeutet aber: sich durch mannhohes Dickicht drücken, im Morast stecken bleiben, zurückschlagenden Zweigen ausweichen. "Und manchmal musst du durch die Büsche kriechen, mit dem Rucksack auf dem Buckel", sagt der junge Guide. Schöne Aussichten.

Es ist der erste Tag unserer Tour im Denali-Nationalpark und ein bisschen mehr "into the wild", als ich erwartet hatte. Denn unter den vielen Nationalparks Alaskas gilt der Denali eher als zahmer Abenteuerspielplatz. Es gibt markierte Wanderwege, und während andere Parks nur per Flugzeug zu erreichen sind, kann man hier per Bus und Zug anreisen. Entsprechend voll sind im Sommer die Campingplätze.

All das gilt aber nur für den Nordteil des Nationalparks. Im Südteil gibt es keine Straßen, kein Besucherzentrum, keine Campingplätze. Nur ein Basislager hoch oben an einem Gletschersee. Da wollen wir hin. Das All-Inclusive-Abenteuer beginnt in Anchorage, mit knapp 300 000 Einwohnern die größte Stadt des 49. US-Bundesstaates. Im Kleinbus fahren wir auf dem Parks Highway nach Norden.

Wälder von Schwarzfichten, Zitterpappeln und Birken rauschen vorbei, eine Tafel am Straßenrand zählt die Elchunfälle. Wir durchqueren Wasilla, berühmt als Heimatort von Sarah Palin, und den Mat-Su, die einzige Kornkammer Alaskas. Supermärkte mit riesigen Parkplätzen. Nicht gerade die Wildnis, die sich Europäer in Alaska erträumen.

Am Fish Lake wartet Chip. Ziegenbart und Sonnenbrille, kein Nachname bitte, einfach Chip. Seit 19 Jahren arbeitet er als Pilot in Alaska, sein Wasserflugzeug ist eine Beaver, Baujahr 1949. "Dafür gemacht, verprügelt zu werden", sagt Chip. Er wirft die Rucksäcke durch die geöffneten Stahltüren, startet den Motor und zieht den Bieber in die Luft.

Die Maschine dröhnt, und Chip erzählt über Kopfhörer von dem grandiosen Land unter uns. Von den Flüssen Talkeetna und Susitna. Von Sümpfen, in denen man bis zur Hüfte versinkt. Und vom Millionen Jahre alten Granit, der sich vor uns auftürmt.

Wir fliegen über den Ruth Glacier, einen fünf Kilometer breiten Eisstrom, der sich zwischen Bergketten talwärts windet. Dahinter leuchtet in ewigem Weiß der Denali, 6190 Meter, der höchste Gipfel Nordamerikas. Ein unbeschreiblicher Ausblick. "Der Backside Lake ist der höchste See, auf dem ich landen kann", sagt Chip. Dann steuert er seine Maschine links in ein Hochtal und bremst sie auf einem milchig grauen See.

Amerikanische Nationalparks zum Staunen FOTO: bjul / Shutterstock.com

Am schlammigen Ufer winkt eine Blondine mit Nasenring, Sonnenbrille und Baseballcap. "Hi, ich bin Kasha, euer Guide." Wer ihren vollen Namen in eine Suchmaschine tippt, findet einen Wikipedia-Eintrag mit einer lange Liste von Rekorden und Bergen mit exotischen Namen.

Catherine Rigby, 46, ist eine Legende. Das US-Magazin "Outside" nannte sie "die beste Telemark-Skifahrerin des bekannten Universums". Hier aber ist sie einfach Kasha und das Gegenteil einer Diva. Sie verabschiedet herzlich die Gruppe vor uns.

"Letzte Nacht sahen wir Polarlichter", erzählt sie. "Es war so schön, dass ich weinte." Kasha hat eine 44er Magnum umgeschnallt, die Lieblingsknarre von Dirty Harry. Wegen der Bären. Die erste Kammer sei immer leer, für den Schreckschuss. "Wenn ich einen Bären erschießen müsste, wäre es eine Katastrophe. Die Reise wäre vorbei."

Um einen Zusammenstoß zu vermeiden, erklärt Kasha zuerst die Regeln: "Packt euer Essen immer in diese Bärtonnen. Und eure Zahnpasta, Seife, Deos - alles, was riecht." Bären beißen sogar in Batterien, sie probieren alles. Wie Babys.

Nächste Lektion: nichts auf den Boden schütten, immer in den Bach. Bären haben unfassbar gute Nasen. Und sie sollen sich auf keinen Fall an Menschen mit Nahrung gewöhnen. Dazu gehört - widerlich, aber wahr - auch die Toilette. Und deshalb wird selbst der orangefarbene Eimer mit der Klobrille hinter dem Felsblock nachts weggeschlossen.

Kochen muss aber natürlich sein. Zumindest steht das rote Speisezelt 100 Meter abseits der Zelte, die auf drei Seiten von Moränen umschlossen sind. Gleich dahinter plätschert ein Bach in Kaskaden zwischen Hängen voller Blaubeerbüsche herab. Einen besseren Platz zum Zelten könnte man sich kaum malen.

Zeit für den ersten Ausflug. Wir steigen den Hang hinter dem Bach hinauf, querfeldein durch weglose Wildnis, staksen durch schmatzenden Sumpf und schulterhohes Gebüsch. Schlimmer wird das Bushwhacking diesmal nicht. Überall wachsen Beeren, bei jedem Stopp bücken sich alle sofort und naschen. Die Bären seien effizienter, sagt Kasha: "Sie schlabbern die Beeren einfach weg."

An einem Bergsee rasten wir, hinter ihm ragen die Eisspitzen von Hunter und Huntington auf. Ein hübscher Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird. Abends gibt es Hühnchen-Enchiladas mit zerbröselten Tacos aus Plastikschüsseln, als Dessert werden Kekse herumgereicht. Die Schüsseln sind nach dem Auswaschen auch gleich die Kaffeetassen. Alles ist bestens organisiert - und überraschend lecker.

Die anderen Reisenden sind junge Amerikaner, einer hat seinen Vater eingeladen. Es wird viel erzählt, und die besten Geschichten hat natürlich Kasha. Von der Skitour in Grönland, bei der keiner eine Karte eingepackt hatte. Und von der Besteigung des Denali. Vor drei Jahren ging sie auf den Gipfel. Nicht weil sie schon immer davon geträumt hatte, so wie viele andere. Nein, einfach weil Freunde fragten, ob sie mitkommt.

35 Tage war Kasha am Berg. Die meiste Zeit wartete sie, fünf Mal musste sie auf dem Weg zum Gipfel wegen Stürmen umdrehen. Als das Wetter endlich passte, stieg sie hoch und fuhr mit Skiern ab. "Die Abfahrt war okay", sagt sie. "Ziemlich eisig, nichts Besonderes."

Über den Nachthimmel kann man das nicht sagen. Bis zum Horizont hinab funkeln Millionen Sterne, über uns leuchtet die Milchstraße. Und dann, mitten in der Nacht, rüttelt jemand an meinem Zelt: "Komm, Polarlichter!" Man könnte sie für Wolkenschleier halten, bis sie anfangen zu tanzen. Ein grüner Blitz zieht sich langsam über den Himmel, eine rote Spirale erscheint. Es dauert lange, bis wir der Kälte und Müdigkeit nachgeben.

"Ihr habt die beste Woche des Jahres erwischt", sagt Kasha am nächsten Morgen. "Sonne, kaum Moskitos, wenig Wind." Vorhergesagt war ein Schönwetterfenster von vier Tagen. In Alaska alles andere als selbstverständlich. Zuvor hat es 35 Tage am Stück geregnet.

Wir gehen über den Kamm einer Moräne, im Gänsemarsch, um die empfindlichen Moose und Flechten zu schützen. Nach einer knappen Stunde erreichen wir die hübschen Kaskaden des Cook's Creek. Es ist die Standardroute, hier wandern die Guides mit den Gästen jedes Mal, ob sie nun für einen oder für mehrere Tage einfliegen.

Durch ein bildhübsches Hochtal geht es hinauf, über Beerenbüsche und Schmalblättrige Weidenröschen, die feuerrot leuchten. Daher der einprägsamere englische Name: Fireweed. Dazu kommt das Gelb der kniehohen Weiden und das Lindgrün der Farne.

Eigentlich wollten wir bis zu den schwarzen Mondbergen im Talschluss gehen, von dort oben würde man den Tokositna Glacier im nächsten Tal sehen. Aber so fit ist die Gruppe nicht. Also kürzen wir ab und kraxeln stattdessen den nächsten Hang hinauf, über Geröll und lose Schieferplatten. Auf dem Kamm angekommen, möchte man niederknien.

Vor uns erhebt sich König Denali in vollem Ornat. Eisweiß das Haupt, die breiten Schultern und der Spitzbart; granitgrau die verschränkten Arme und die Fransen aus Felsrillen. Und darunter der Backside Glacier wie eine Federboa. "Der Denali ist in den USA kein Traumziel aus der ersten Reihe wie der Grand Canyon oder Hawaii", erklärt Kasha am Abend. Sie kommt seit 20 Jahren jeweils ein paar Monate nach Alaska.

Erst in den vergangenen zehn Jahren sei der Tourismus gewissermaßen explodiert. 2017 könnte eine neue Rekordmarke erreicht werden: Dann feiert der Denali National Park den 100. Geburtstag.

In den Schlagzeilen war der höchste Berg Nordamerikas schon im Sommer 2015. Damals entschied Präsident Barack Obama, ihm endlich seinen alten Namen zurückzugeben. In der Sprache der Athabasken bedeutet Denali "der Große". In Alaska habe ihn ohnehin nie jemand Mount McKinley genannt. Schon 1975 beantragte die Staatsregierung, den Namen wieder in Denali zu ändern. Manche sagen nur: "the Mountain".

Wir legen uns früh schlafen, nachts müssen wir ja wieder raus, für die galaktische Lichtorgel. Und am nächsten Morgen wartet die letzte Tour. An einem namenlosen Fluss entlang wandern wir zum Ruth Glacier, sehen Schmelzwasser eine gewaltiger Gletschermühle hinabrauschen und rasten an einem Stonehenge aus Felsblöcken.

Und dann bekommen die Städter noch ihr Beweisfoto für Zuhause: ein Bär! In sicherer Entfernung fläzt ein Schwarzbär in den Büschen. Er ist vollkommen damit beschäftigt, so viele Beeren wie nur möglich zu fressen. Vorrat schaffen für den Winterschlaf. Kurz hebt der Bär den Kopf, schaut zu uns herüber, dreht uns den Hintern zu - und tut, wofür es selbst in Alaska kein hübsches Wort gibt.

(dpa)
 
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