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Ecuador
Waorani-Indianer - Leben zwischen zwei Welten

Ecuador: Waorani-Indianer - Leben zwischen zwei Welten
Das südamerikanische Land Ecuador bietet eine extrem vielseitige Natur. FOTO: Shutterstock.com/ Natursports
Mitten im ecuadorianischen Amazonas-Dschungel wollen Waorani-Indianer ihrer traditionellen Lebensweise treu bleiben. Doch dort im Yasuní-Nationalpark gibt es auch Erdöl. Ein Konflikt mit Ansage. Von Jürgen Grosche

Das Abenteuer beginnt am Regionalflughafen in der ost-ecuadorianischen Stadt Coca. Im Bus fahren wir, eine kleine Reisegruppe aus Europa, zwei Stunden lang vorbei an kleinen Dörfern - und an Ölbohrtürmen. Dünne Pipelines begleiten die kurvige Straße. Ziel der Fahrt ist der Yasuní-Nationalpark. Am Eingang werden wir von Parkwächtern mit Verhaltensregeln versorgt - nicht nur für den Umgang mit Tieren und Pflanzen. In der fast 10.000 Quadratkilometer großen Region innerhalb des gigantischen Amazonas-Gebietes lebt eine geheimnisvolle Menschengruppe: die Waorani.

Viele Geschichten erzählt man sich über die Indianer. Einige der Waorani verweigern konsequent die Begegnung mit der Zivilisation, sie töten alle, die ihnen zu nahe kommen, heißt es. So dramatisch stellen es die Parkwächter nicht dar. Sie raten aber, vorsichtig zu sein und etwa Signale wie gekreuzte Äste als Stoppzeichen zu verstehen.

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In Kanus setzen wir die Reise fort. Vier Stunden dauert die Fahrt über den Shiripuno, einen der zahlreichen Flüsse, die sich irgendwann zum großen Amazonas vereinen. Plötzlich, bei einem Zwischenstopp an einer kleinen Siedlung mit Palmwedel-Hütten, taucht ein weiteres Kanu auf. Unverkennbar ein Indianer. Er trägt nur einen Lendenschurz und außerdem ein Gewehr. Wir wagen kein Wort zu sprechen. Wortlos verschwindet er zwischen den Hütten.

Wir fahren weiter, Ziel ist die Shiripuno Lodge, eine Unterkunft weitab jeglicher Zivilisation, dafür mittendrin in einem der artenreichsten Urwaldgebiete der Welt. Es pfeift, quakt, zwitschert und zischt vielstimmig. Hunderte verschiedene Vögel und Hunderttausende Insektenarten beleben eine ebenso vielfältige Flora. In der Lodge arbeiten auch Waorani, zum Beispiel Bameno Boya. In seinen Shorts, im T-Shirt fällt er unter den anderen nicht auf. Ob er denn andere seiner Volksgruppe besuchen kann, die den Kontakt zur Zivilisation ablehnen, fragen wir. "Nein", sagt er, "sie würden uns töten." Boya verdient hingegen wie viele derjenigen, die sich unserer Lebensweise geöffnet haben, seinen Lebensunterhalt im Tourismus.

Wir besuchen auch die Familie Gaba. Nur die Großmutter und zwei kleine Kinder sind da. Drei Hütten sind die einzigen Behausungen. Eine, in die wir schauen können, ist spartanisch ausgestattet: ein Grill, ein Plastikstuhl, eine Bank, eine Hängematte, ein paar Töpfe. Zur Schule gehen die Kinder in einer benachbarten Kommune. Alle zwei Wochen kommt ein Arzt vorbei. Ein Leben zwischen zwei Welten.

Während wir auf unserer wenige Tage umspannenden Reise nur spärliche Einblicke in diese für uns fremde Welt sammeln können, hat sich Dr. Philip Gondecki sehr intensiv mit den Waorani und dem Yasuní-Gebiet befasst. Der in Kleve geborene Ethnologe pflegt seit 2002 intensive Kontakte, lebte mehrfach einige Monate in der Yasuní-Region und schrieb seine Dissertation über die Waorani.

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Und damit über einen Konflikt, der nicht nur die Menschen betrifft. Ein Konflikt zwischen Rohstoffhunger und sensibler Natur. Die Ölförderer dringen immer tiefer in den eigentlich geschützten Nationalpark vor. Die Idee des ecuadorianischen Präsidenten Rafael Correa, die Ausbeute des Ölfeldes Ishpingo-Tambucocha-Tiputini (ITT) in der Yasuní-Region gegen eine Ausgleichszahlung der Weltgemeinschaft zu unterbinden, scheiterte 2013.

Die Waorani reagieren gespalten, stellt Gondecki fest. Vor allem die isoliert lebenden Gruppen sehen die Eindringlinge als Feinde, die ihre Jagdgebiete und damit ihre Lebensgrundlage bedrohen. Die Indianer brauchen ebenso wie die Natur weiten, ungestörten Raum. Als umherschweifende Halbnomaden bleiben sie nur eine begrenzte Zeit an einem Ort, denn sie wissen, dass sich die Natur in gewissen Abständen erholen muss.

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Mehr als einmal wehrten sie sich mit Waffen - wobei Gewalt auch untereinander und Blutrache-Fehden ihre Kultur mitbestimmen. Durch den Kontakt mit Missionaren änderten einige Waorani seit den 1960er-Jahren ihre Lebensweise, manche fanden Arbeit bei den Ölfirmen. "Die Erdölindustrie trägt zwar zur wirtschaftlichen Entwicklung und zum Einkommen der lokalen Bevölkerung der Amazonasregion bei", sagt Gondecki, jedoch komme es selbst mit modernsten Fördertechniken immer wieder zu Verseuchungen - eine Katastrophe für das Ökosystem.

Die Anpassung an die Moderne lasse sich aber nicht aufhalten, glaubt der Ethnologe: "Dabei gehen die Waorani ihren eigenen Weg. Sie haben ihre eigenen Vorstellungen von einem guten Leben." Wie ist Tourismus in diesem Umfeld zu bewerten? "Sanfter Tourismus bringt durchaus Vorteile", meint Gondecki. Waorani betreiben selbst einzelne Lodges und haben so ein eigenes Einkommen. "Und der Kontakt, der wechselseitige Austausch, bereichert beide Seiten."

Quelle: RP
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