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Clantreffen auf Papua Neuguinea
Krieger zwischen den Welten

Goroka-Show auf Papua Neuguinea: Krieger zwischen den Welten
FOTO: AFP
Die Goroka-Show ist so exotisch wie kaum ein anderes Folklore-Fest. Zu dem spektakulären Sing- und Tanzfestival treffen sich im Hochland von Papua Neuguinea einmal im Jahr mehr als hundert Clans aus allen Teilen des Landes. Von Margit Kohl

Auf dem Rasen des Sportplatzes sitzen bereits die ersten im Gras, schütteln wild ihre bunten Federkronen und stoßen dazu einschüchternde Zischlaute aus. Rußgeschwärzte Gestalten haben riesige Blätter mit kleinen Sehschlitzen als Masken vors Gesicht gebunden und bringen ihre Trillerpfeifen bis zur Schmerzgrenze zum Schrillen. Ein paar Betelnuss kauende Krieger tragen lediglich eine kürbisähnliche Frucht als Penisschutz. Als sie zum Kampfgesang anstimmen, sieht man ihre von Betelsaft geröteten Zähne in den dunklen Gesichtern aufleuchten. Andere marschieren in Reih und Glied, haben sich ein paar Eberzähne durch die Nasenwände gezogen und erheben drohend ihre Steinäxte, als möchten sie einem sofort den Schädel spalten. Was für ein Spektakel!

Um die 200 000 Gäste kommen deshalb jedes Jahr Mitte September zum Goroka-Festival. Zu Fuß, in Bussen und auf Pickups sind viele Einheimische aus dem ganzen Land oft tagelang unterwegs, nur um bei dieser Sing- und Tanzshow dabei zu sein. Da sind die drei Stunden Fahrt, die Linna Joseph aus Bata Kompaun auf dem Pickup hierher gebraucht hat, fast schon ein Glücksfall. Jetzt muss sie sich nur noch schminken und holt dafür ein Fläschchen mit flüssigem Tipp-Ex und einen abgebrochenen Autospiegel aus ihrem Beutel. "Nach dem letzten Erdrutsch war der Kalk, den ich sonst dafür nehmen konnte, einfach futsch", sagt Linna, weil sie einige Fremde gar so verwundert ansehen.

So bunt, so schaurig: Stammestreffen auf Papua-Neuguinea FOTO: AFP

So wie Linna tragen viele der mehr als 1000 Teilnehmer Federn prächtiger Paradiesvögel zu mächtigen Kronen gesteckt oder schmücken sich mit Muscheln so groß wie Kuchenteller. Die Federn der geschützten Paradiesvögel sind wertvoll, sodass bisweilen ein Aufsammler den Gruppen hinterher eilt. Auch die Muscheln sind kostbar, schließlich waren Muscheln die traditionelle Währung des Landes, die noch heute zum Einsatz kommt, wenn es gilt, den Brautpreis oder Kompensationszahlungen zu leisten. Die Tolai Exchange Bank auf der Insel New Britain ist die einzige Bank der Welt, die solches Muschelgeld sogar in harte Währung wechselt.

Während man die üppigen Muschelketten der Hooks Ambe Frauen aus Bata Kompaun betrachtet und darüber nachsinnt, dass sie quasi einen Teil ihres Bankkontos zur Schau stellen, trommeln, tanzen und singen auf dem Gelände inzwischen mehr als 100 Gruppen bis der Boden unter den Füßen bebt. Was für ein Dorado für all die weit angereisten Hobby- und Profi-Fotografen möchte man meinen. Doch die fluchen indes über die unübersehbaren Werbebanner der zahlreichen Sponsoren von Coca Cola bis Maggi Flüssigwürze, die aus den Aufnahmen herauszuhalten ihnen nur mit akrobatischen Verrenkungen glückt. Schließlich will zu Hause keiner sehen, was längst auch hier zum Festivalgeschäft gehört: Werbung. Dabei ist der Kontrast zwischen grauer Vorzeit und 21. Jahrhundert nirgends schärfer als in diesem Land: In wenigen Jahrzehnten haben die Hochlandvölker Papua Neuguineas Jahrtausende übersprungen und einen wachsenden Mittelstand etabliert, der sich nicht mehr damit zufrieden gibt, als Selbstversorger auf dem Land zu leben. Doch auch wenn sich neben Tipp-Ex-Schminke, Sonnenbrillen, Smartphones und Plastikblumen immer mehr Modernismen in die Kostüme verirren, ist die Goroka-Show noch immer so exotisch wie kaum ein anderes Folklore-Fest.

Papua-Neuguinea - Perle im Pazifik FOTO: dpa, Christiane Oelrich

Dabei ist die Entstehungsgeschichte des Festivals höchst aufschlussreich. Denn die Idee des ästhetischen Wettkampfs stammte ursprünglich von den ehemaligen australischen Verwaltern, um die Aggressionslust der Hochländer besser zu kanalisieren. Heute erhält jede Sing- und Tanzgruppe das gleiche Preisgeld von umgerechnet zwischen 600 und 900 Euro und kann damit zumindest die Reisekosten finanzieren. Ein Sieger wird nicht mehr gewählt. "Wir sind alle Sieger", sagt Linna. Was sie nicht sagt: Die Veranstalter prämieren keine Gruppe mehr, um erneute gewaltsame Auseinandersetzungen zu vermeiden. Denn schon so manches Festival fand sein unrühmliches Ende in einem polizeilichen Tränengaseinsatz. Gelten die Bewohner der Inselprovinzen weitgehend als friedfertig, sind die Hochländer seit jeher in der Kriegsführung bewandert.

Auf der Suche nach Gold waren australische Abenteurer erstmals 1933 bis ins Hochland von Papua Neuguinea vorgedrungen. Niemand hatte damals vermutet, dass dort noch mehr als eine Million Menschen lebten, die noch nie zuvor Weiße gesehen hatten. Drei Generationen ist das nun her. Heute bringen kleine Propellermaschinen neben Konsumgütern auch viele Besucher ins Hochland. Dabei kann es passieren, dass man beim Blick aus dem Flugzeug gelegentlich auf Regionen schaut, in die bis heute weder ein Forscher, Missionar noch ein Abenteurer seinen Fuß gesetzt hat. Die Steinzeit ist jedoch selbst in Papua Neuguinea längst zu Ende, denn wenn die Tänzer am Ende jeder Show ihre Kostüme ablegen, ziehen auch sie Jeans und T-Shirts an.

Reise zu den Asmat auf Papua-Neuguinea FOTO: Detlef Ilgner
Quelle: RP
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