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USA
Mit dem Zug durch den Abgrund des Grand Canyons

Mit dem Zug durch den Grand Canyon
Mit dem Zug durch den Grand Canyon FOTO: ap
Grand Canyon . Die USA entdecken ihre Tradition der Eisenbahn wieder: Der Zug in den Nationalpark des Grand Canyon wird zwar immer wieder überfallen - aber das gehört zum Programm. Und der Blick auf die Natur ist von den Waggons aus spektakulär.

Die Reise ins Naturwunder des Grand Canyon wird von den meisten Touristen mit dem Auto bewältigt. Aber für die letzte Etappe gibt es auch eine Zugverbindung durchs Hochland von Arizona, und die ist mit reichlich spektakulärem Programm verbunden. Zwei Stunden braucht der Zug für die rund 100 Kilometer von Williams bis in den Nationalpark an den sogenannten "South Rim", die Südkante der spektakulären Schlucht. Und er bewegt sich dabei auf den historischen Schienen, die Reisende bereits in der Zeit nutzten, als Autos noch kein alltägliches Verkehrsmittel waren.

"Ein Tourist beschrieb es einmal als weit mehr als nur eine Zugfahrt", sagt Schaffner John Lovely vom Betreiber der Grand Canyon Railway. Kurz nachdem die Strecke 1901 eröffnet wurde, sprach sich schnell herum, dass die Zugverbindung der weitaus bequemste Weg zur wilden Schlucht des Colorado River sei. Die Alternative waren damals klapprige Postkutschen, die auf unbefestigten Straßen unterwegs waren.

Der Zug wurde schnell beliebt und beförderte neben Millionen von Touristen auch Würdenträger wie die US-Präsidenten Eisenhower, Taft und beide Roosevelts sowie Staatsgäste und Prominente zu einem der sieben Naturwunder der Welt. Aber je populärer das Auto wurde, umso mehr schwand die Nachfrage nach der Bahn ins Tal, und 1968 wurde die Verbindung eingestellt.

Es dauerte bis 1989, bis die beiden Enthusiasten Max und Thelma Biegert ihre gesamten Ersparnisse einsetzten, um die Zugstrecke samt ihren beiden Endbahnhöfen in Williams und dem Grand Canyon Village wiederzubeleben. Inzwischen fahren wieder 225 000 Passagiere im Jahr, und die bekommen ein reichhaltiges Rahmenprogramm geboten, inklusive Eisenbahnromantik und Wildwestspektakel. "Das macht viel mehr Spaß, als sich einfach nur ins Auto zu setzen", wirbt Bruce Brossman von der Xanterra-Gruppe, die mehrere Hotels im Grand Canyon betreibt.

Amerikanische Nationalparks zum Staunen FOTO: bjul / Shutterstock.com

Die Fahrt beginnt in Williams, einem Dorf an der legendären US-Straße Route 66 rund 50 Kilometer westlich vom Flughafenort Flagstaff. Wer mit dem Wagen hierher fährt, hat es bequem, denn Williams liegt auch an der Ostwestachse der Autobahn 40. Von hier aus fährt der Zug ab und kann bis zu 2 000 Passagiere in den Nationalpark befördern. Die Reisenden können zwischen verschiedenen Abteilen wählen: Es gibt Waggons aus dem Jahr 1923, einen Panoramawagen mit Glasdach und einen Salonwagen mit privater Bar.

Morgens um halb zehn geht es los. Noch vorm Einsteigen fallen Schüsse an der Station - keine Angst, es ist nur die Vorstellung einer Theatertruppe, die eine Wildwest-Wagenburg am Bahnhof belebt. Im Fahrpreis enthalten sind Obst, Gebäck und Kaffee zum Frühstück. Die Fahrt bietet spektakuläre Blicke auf die Natur der Wüste Arizonas: Es geht vorbei an den San Francisco Peaks, mit 3 660 Metern das höchste Massiv im Bundesstaat. Und mit ein bisschen Glück sieht man amerikanische Antilopen, Weißkopfadler, Kojoten, Stinktiere, Rotfüchse oder gar einen Puma. All das wird erklärend begleitet vom Kommentar des Zugpersonals.

Während der Fahrt werden die Fahrgäste mit einem reichhaltigen Programm unterhalten: Musiker spielen Country und indianische Musik, und auf dem Rückweg kann es auch mal zu einem Überfall auf den Zug kommen - aber alles nur gespielt. Zu bestimmten Zeiten im Jahr gibt es Themenfahrten. So wird rund um Halloween an einer Kürbisplantage angehalten, und besonders beliebt ist zum Jahreswechsel die Fahrt direkt zum Weihnachtsmann. Da wird dann zum Klang von Weihnachtsliedern heiße Schokolade ausgeschenkt.

Der Zug kommt gegen Mittag im Grand Canyon Village an und bietet Touristen einen fast vierstündigen Aufenthalt - genug Zeit, um das Naturwunder auf sich wirken zu lassen. Wer das verlängern möchte, kann hier auch übernachten, Hotels und Pensionen gibt es genug. Für diejenigen, die nicht gut zu Fuß sind, um einen Abstieg in die Schlucht zu wagen, gibt es Bustouren zu verschiedenen Orten des Grand Canyon. Zurück nach Williams fährt der Zug täglich gegen halb vier. Und der Trip kostet auch nicht die Welt: Das günstigste Ticket für die Hin- und Rückfahrt gibt es für deutlich unter umgerechnet 50 Euro.

All das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die eigentliche Attraktion nicht der Zug ist - der ist nur ein schöner und bequemer Weg dorthin, wo es wirklich spektakulär wird: An den Abgrund des Grand Canyon.

(ap)
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