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Kanada
Auf den Spuren von "The Revenant"

Eindrücke vom kanadischen Fort St. James
Eindrücke vom kanadischen Fort St. James FOTO: dpa, pla
Fort St. James. Im kanadischen Fort St. James können Besucher den Spuren der frühen Trapper und Pelzhändler folgen - und sogar in einem historischen Fort der Hudson's Bay Company übernachten.

Jeden Morgen um kurz vor 9.00 Uhr hat Nicole Robert eine wichtige Aufgabe: Die junge Frau schließt ihre Holzhütte auf, schnappt sich eine Flagge und schreitet über einen hölzernen Bohlenweg zu einem Mast am Ufer des Stewart Lake. "Es ist ein erhabener Moment", sagt die Magd und zieht das rote Tuch mit dem Union-Jack und den Buchstaben "H.B.C." nach oben.

Es ist das Jahr 1896. Dienstbeginn bei der Hudson's Bay Company in Fort St. James, einem Zentrum des Pelzhandels in Nordamerika. Nach dem Hissen der Flagge gehen die Mägde ins Lagerhaus, um dort Felle zu sortieren. Die Trapper am See laden gepresste Pelzballen in ihre Kanus. Die Händler legen im Laden Waren aus und hoffen auf einen guten Preis.

Gespielt werden die Szenen von Frauen und Männern in Kostümen: Robert trägt ein Kopftuch, ein blau-kariertes Hemd und einen langen, weißen Leinenrock. Die Trapper haben sich Filzhosen und Hosenträger übergestreift. Nur ihre modernen Sonnenbrillen und Joggingschuhe wollen nicht so ganz zum historischen Outfit passen.

Die meisten Besucher, die an diesem Tag nach Fort St. James gekommen sind, dürfte das kaum stören. Über 120 Jahre nach der Blütezeit des Forts können sie in dem von Gattern umzäunten Ensemble im Nordwesten der Provinz British Columbia die Epoche der Fallensteller und Pelzhändler authentisch nacherleben, mit den Darstellern zusammen spielen - und sogar dort übernachten.

Betrieben wird das zum Freilichtmuseum umgewandelte Fort von der kanadischen Nationalparkbehörde. Die Hudson's Bay Company hatte einst mit einer Kette von Forts den Pelzhandel auf weiten Teilen des Kontinents kontrolliert. Vom Handelsposten in Fort St. James sind rund ein Dutzend Blockhütten erhalten.

Viele Darsteller gehören den Carrier-Ureinwohnern an, die in der gleichnamigen Siedlung Fort St. James rund um das Fort leben. Auch Nicole Robert ist eine Carrier, übersetzt "die Träger". "Der Name kommt von dem Brauch, dass unsere Witwen die Überreste ihrer eingeäscherten Männer einst so lange mit sich trugen, bis sie sich ein Begräbnis leisten konnten", erklärt sie.

Roberts Vorfahren brachten die Pelze einst aus dem weiten Hinterland zu dem Handelsposten und tauschten sie dort gegen Münzen, Ausrüstung oder frischen Proviant ein. Im Frühjahr wurde die wertvolle Fracht dann zu Fuß, per Kanu oder auf Packpferden an die Küste gebracht und von dort ins ferne Europa verschifft.

Besucher können noch heute den alten Handelsrouten folgen. Ein paar Minuten außerhalb von Fort St. James beginnt etwa der historische Nyan-Wheti-Trail, in der Sprache der Ureinwohner "der Weg zur anderen Seite". Über 45 Kilometer führt der schmale, überwucherte Pfad in Richtung Süden vom Stewart zum Fraser Lake.

"Es war und ist ein abenteuerlicher Weg", sagt der Carrier-Häuptling Peter Bird auf einer kurzen Wanderung durch die Wälder von Fort St. James. Seine Vorfahren mussten einst bis zu 40 Kilo auf dem Rücken durch Sümpfe, Flüsse und über Bergpässe schleppen. Die Entdecker von heute folgen orangenen Wegmarkierungen für ihre zweitägige Tour, die sie an idyllischen Seen und Bergpanoramen vorbeiführt.

Die alten Wasserwege lassen sich am Tezzeron Lake erkunden. Der bei Anglern und Jägern beliebte See liegt etwa 50 Kilometer nördlich von Fort St. James am Ende einer Schotterstraße. Leon Erickson, ein Mittvierziger vom Stamm der Carrier, hat sein grünes Kanu aus Glasfaser mitgebracht.

Die Stille auf dem See ist bemerkenswert. Fast geräuschlos tauchen die Paddel ins Wasser. Mit steten Zügen geht es voran, vorbei an bewaldeten Ufern. "Hier haben unsere Vorfahren einst ihre Fallen aufgestellt", erzählt Erickson und zeigt ans Ufer. "Auch heute sind hier noch vereinzelt Trapper aktiv, die zumeist Marder fangen."

Nach zwei Stunden auf dem Wasser geht es zurück zum Fort, über dem mittlerweile die Dämmerung angebrochen ist. Nicole Robert und die anderen Mägde haben die Hudson-Bay-Fahne eingeholt und die Felle verstaut. Nur im Murray House, einem mächtigen Blockhaus im Zentrum der Anlage, flackert noch Licht. In dem Haus aus dem Jahre 1883 lebte einst der wohlhabende Verwalter des Forts mit seiner Familie.

Heute können Urlauber wie einst die ersten Siedler im Gästezimmer des Murray House übernachten. An den hölzernen Wänden hängen vergilbte Fotos. Geschlafen wird in einem Bett mit Strohmatratze, fein bestickter Leinenwäsche und originalen Wolldecken der Hudson's Bay Company. Fließend Wasser gibt es nicht - dafür eine Porzellankanne und Waschschüssel aus der alten Zeit.

Ganz auf die Annehmlichkeiten der Moderne müssen die Pioniere von heute trotzdem nicht verzichten. In einem Nebengebäude gibt es eine Toilette und eine einfache Dusche.

In der Nacht ist es im Fort totenstill, nur manchmal hört man das Plätschern des Sees, das Flattern der Vögel oder das Zirpen der Grillen. Am frühen Morgen kräht der Hahn, ein wenig später servieren die Mägde das Frühstück. Danach wird in Fort St. James wieder die Fahne gehisst.

(dpa)
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