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Kuba Special: Teil 4
Kubas junge Boxer trainieren mit dem Vorschlaghammer

Kuba und seine jungen Boxer
Kuba und seine jungen Boxer FOTO: Werner Gabriel
Fragt man Kubaner nach berühmten Boxern, nennen sie drei Namen: Max Schmeling (Deutschland), Cassius Clay alias Muhammed Ali (USA) – und Kid Chocolate, Kuba. Ein Besuch beim Nachwuchs. Von Hans Onkelbach

Letzterer ist, wie Schmeling und Ali, eine Legende im Land. In den frühen 1930er Jahren war er mal Weltmeister in seiner Klasse, und er galt als unfassbar schnell. So schnell, dass der schmächtige junge Mann mit der dunklen Haut stets weiße Handschuhe trug, um seinen Gegnern eine Chance zu geben, die Schläge kommen zu sehen. Das jedenfalls erzählt man sich in den unzähligen Boxclubs des Landes. Vor allem in Havanna gibt es viele davon.

In einer davon, mitten in Havannas Altstadt, trainiert Damian Rodrigues Alvarez. Der 23-Jährige ist eigentlich Student, aber seine Zukunft sieht er im Ring – und in den feuerroten Boxhandschuhen, die er trägt. Auf ihm ruht die ganze Hoffnung seines Trainers Alberto Gonzales Catuzla. Der ist gut 1,90 Meter groß, die platte Nase und die heisere Stimme verraten manchen Kampf im Ring. Trainingsanzug, glatt rasierter Schädel, Pfeife am Band um den Hals, dunkle Haut, sanftes Gemüt wie ein treuer Wachhund – Alberto könnte glatt einem Rocky-Balboa-Film entsprungen sein.

Havanna - Rhythmus, Zigarren und bunte Autos FOTO: shutterstock/ Kamira6

Liebevoll schaut er zu, wie sein Schützling trainiert. Gibt Anweisungen, korrigiert, tadelt, lobt, feuert an. Und Damian schlägt, tänzelt, weicht zurück, täuscht, lässt die Rechte vorschnellen – wie damals Kid Chocolate, sein Vorbild. Wie er ist er tiefschwarz, aber größer, schwerer – Welter-Gewicht, nennt der Fachmann das. Nie lächelt der junge Mann, schaut ernst in diese Welt, von der er hofft, dass sie ihn nach Europa bringt, wo er Karriere machen möchte.

Bedingungen schlecht, Stimmung gut

Kubaner und ihre Start-ups FOTO: Werner Gabriel

Aber noch trainiert er in diesem Box-Club in Havanas Altststadt. Kämpft gegen Sparring-Partner, die Mühe haben, ihm Paroli zu bieten. Schweiß rinnt ihm von der Stirn, der muskulöse Körper glänzt – aber der junge Mann wird erst jetzt so richtig warm. Am Ende ist das Krafttraining für die Schultern dran. Weil sich in Kuba kein Club teure Geräte leisten kann, ist auch hier Improvisation gefragt: Ein dicker, rund anderthalb Meter hoher Lkw-Reifen ist senkrecht auf eine dicke Stange aus Stahl montiert. Das Profil ist sichtlich mitgenommen, nicht nur vom Gebrauch auf der Straße. Denn der Reifen muss herhalten für das harte Training der Jungs vom Box-Club. An der Wand lehnt ein Vorschlaghammer, den nimmt Damian nun, als wäre es ein Strohhalm und beginnt, auf den Reifen einzuschlagen – mal von links, mal von rechts. Die Muskeln spannen sich, Schweiß rinnt, und Damian lässt eine Kaskade von Schlägen auf den Reifen prasseln.

Zuschauer hat er bei diesem Training kaum, die Ränge des kleines Stadions sind leer. Mitten drin steht der Ring mit weichem Boden aus grobem Leinen, Seile begrenzen das Viereck, ein schiefes Dach darüber schützt vor den tropischen Regengüssen. Wenn es echte Kämpfe gibt, sitzen die Zuschauer auf den maroden Bänken unter freiem Himmel. Überall angegammelter Beton, Stromkabel baumeln aus der Wand, die Toilette ist ein – sagen wir: gewöhnungsbedürftiges Loch, und der Umkleideraum gleichzeitig Lager für Handschuhe, Trainingsutensilien. Dennoch: der Club ist von guter Stimmung erfüllt. Trainer und Schüler verstehen sich, die Jungs gehen mit Elan in das Training – weil sie eine Chance sehen, es über den Sport zuschaffen. Wie damals Kid Chocolate.

Der verdiente übrigens für damalige Verhältnisse unfassbar viel Geld, brachte alles – so die voller Bewunderung vorgetragene kubanische Legende – in USA mit blonden (!) weißen Frauen durch und starb, mit weit über 70 in seiner Heimat, arm, aber anerkannt.

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