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Auf dem "Dach der Erde"
Mit dem Atomeisbrecher zum Nordpol

Mit dem Eisbrecher an den Nordpol
Mit dem Eisbrecher an den Nordpol FOTO: dpa, pla
Murmansk. Im Winter räumt der größte Atomeisbrecher der Welt die Wege im Norden für die Schifffahrt frei. Aber im Sommer, wenn es wenig Eis gibt, erlaubt Russland mit dem Riesen Kreuzfahrten zum Nordpol. Für die Gäste und die Crew ist das eines der letzten Reiseabenteuer.

Feurig glänzt das Rot des Eisbrechers "50 Let Pobedy" im Sonnenlicht des Hafens von Murmansk. Das Schiff, ein schillernder Farbtupfer, ist ein scharfer Kontrast zum sonst eher farblosen hohen Norden Russlands. Hier, in der größten Stadt nördlich des Polarkreises, hat die russische Atomflotte – Rosatomflot – ihren Hafen. Der Hochsicherheitsbereich mit Stacheldraht öffnet sich selten für Fremde. Zur wärmeren Jahreszeit aber können sich Touristen hier einen besonderen Traum erfüllen: eine Reise zum Nordpol mit dem größten nuklear betriebenen Eisbrecher der Welt.

Für einige Monate im Jahr räumt die Crew für die zahlenden Gäste aus aller Welt ihre Kajüten mit Meerblick im Oberdeck. Die Besatzung rückt dann in Kabinen im Schiffsrumpf zusammen. Den Matrosen gefällt das nicht unbedingt, doch sie wissen, dass die Arktis-Expeditionen Geld bringen – um russische Gastfreundlichkeit geht es eher nicht.

Wandern in den norwegischen Trollheimen FOTO: dpa, pla

"Im Sommer sind die Schifffahrtswege frei, unsere Dienste werden nicht gebraucht. Trotzdem müssen wir das Schiff unterhalten und die Besatzung beschäftigen und bezahlen", sagt Kapitän Dmitri Lobusow. Für vier Millionen Rubel (rund 52.000 Euro) am Tag können Expeditionsanbieter die "50 Let Pobedy" (50 Jahre Sieg) für Kreuzfahrten mieten, der Tourist in Deutschland zahlt 26.995 Euro für die Seereise. Dass das nicht ohne Erlaubnis von höchster Stelle geht, ist klar. In Lobusows Empfangsraum hängt ein gerahmtes Foto von Kremlchef Wladimir Putin. Der Präsident kam 2007, im Jahr der Jungfernfahrt, kurz an Bord der "Pobedy", benannt nach dem 50. Jahrestag des Sieges der Sowjetunion über Hitler.

Die Brücke steht den Gästen offen, rund um die Uhr

Das feuerwehrrote Schiff ist der Stolz der russischen nuklear betriebenen Eisbrecherflotte. Der 51-jährige Lobusow mit seinem grau schimmernden Bart ist ein Kapitän wie aus einem Kinderbuch und hat sich gewöhnt an die internationalen Gäste. 102 Reisende aus 21 Nationen hat der Russe diesmal an Bord. Rund um die Uhr lässt Lobusow die Brücke geöffnet für Besucher. Sie genießen den Rundumblick, inspizieren die Navigationssysteme und Elektronik. Anke Wodarg aus dem nordrhein-westfälischen Langenfeld ist Dauergast hier. Stundenlang schaut sie jeden Tag in die Weite des arktischen Ozeans.

Der Eisbär - bedrohter König der Arktis FOTO: ddp

Die "Pobedy" rauscht durch die Barentssee. Nur noch die Konturen der Inseln von Franz-Josef-Land sind im Nebel zu sehen. Erst treiben kleine Eisschollen auf der See, dann größere. Bis es tatsächlich Eis zum Brechen gibt, dauert es Tage. Rund 600 Kilometer vor dem Nordpol beginnt die Meereisdecke auf dieser Fahrt.

"Dieses Krachen zu spüren, den Widerstand des Eises, die mächtige Kraft des Schiffes – das ist herrlich", sagt die 48-jährige Anke Wodarg zufrieden. Später im Bordrestaurant tauscht sich die IT-Expertin mit den anderen Gästen darüber aus, woran das neue Gefühl am ehesten erinnert. An das Fahren auf einer Schotterstraße, wenn Steine unter den Reifen wegbrechen? Oder vielleicht eher das Ruckeln mit einem Zug auf alten Schienen? Viele begleiten das kraftvolle Pflügen der "Pobedy" mit "Wow!"-Rufen. Sie empfinden diese Fahrt als etwas, das sich mit nichts vergleichen lässt.

Zum "Dach der Erde"

Als es beim Essen kräftig rumpelt, kracht die "Pobedy" durch meterdickes Eis. Manche fühlen sich an Turbulenzen im Flugzeug erinnert. "Der Unterschied ist, dass ich hier viel gelassener bin.
Das Schiff gibt einem viel Sicherheit", sagt Wodarg. Weil es mit Atomkraft betrieben wird, hatte sie lange Skrupel. Die Abenteuerlust, die Bücher in ihr geweckt haben, war dann aber doch stärker.

Nichts hält die Deutsche mehr am Tisch. Sie muss raus an Deck, zuschauen, wie der Koloss bei schneidendem Wind durch die Eiswüste weiter zum Nordpol vordringt. 90 Grad Nord ist das Ziel der Sehnsucht: "Das Dach der Erde", der Punkt, von dem aus alle Wege nach Süden führen. Aber der Weg dorthin ist lang.

Die ersten Gäste sind schon am Eindämmern in den einfachen Kajüten mit Einzelbett und Schlafcouch, als die Stimme von Expeditionsleiter Jan Bryde durch die Lautsprecher dringt. "Ein Walross auf einer Scholle. Ein Walross", ruft er leise durch den Bordfunk. Wenig später sind Australier, Malaysier, US-Amerikaner, Deutsche, Franzosen und Russen an Deck. Als ob es posieren will für die Kameras, räkelt sich das Tier auf einer treibenden Scholle. Es soll nicht das einzige Walross in dieser taghellen Nacht bleiben.

Eisbär voraus

In den Sommermonaten geht die Sonne in der Polarregion nicht unter. Bryde meldet wenig später eine ganze Gruppe schwimmender und eine Gruppe auf dem Eis lungernder Tiere. Ein seltener Anblick. Jetzt wächst die Hoffnung auf die ersten Eisbären. Viele Gäste haben sich für die Reise entschieden, um das größte Landraubtier der Erde in freier Wildbahn zu sehen. Lange lassen die Polarbären nicht auf sich warten, erst zeigt sich einer, dann noch einer und noch einer.

"Ein Eisbär auf einem Eisberg, meine Damen und Herren! Eisberg mit Eisbär. Eisbääärg", tönt Brydes Stimme über die Sprechanlage. Helle Begeisterung bricht aus. Die Gäste kommen mit riesigen Teleobjektiven an Deck. Die Russen zücken ihre Satellitentelefone, geben den Sichtungserfolg an Freunde im fernen Moskau durch. Ganz nah kommen sich Schiff und Bär diesmal. Kaum spürbar nähert sich der schwimmende Koloss dem viel kleineren Eisberg.

"Ein Weibchen, etwa vier Jahr alt", sagt die Meeresbiologin Annette Bombosch vom Expeditionsteam. Das gut zwei Meter große Tier hat die Ruhe weg, wandert den Berg hinab, legt sich hin, gähnt, rappelt sich wieder auf und steigt dann die steile Wand hinab ans Wasser. Mit einem Sprung auf eine Scholle nimmt die Eisbärin nun selbst Kurs auf das Schiff, inspiziert es und kehrt dann wieder ab. "Ein wirklich besonderer Moment", sagt Bombosch, die viele Monate im Jahr ihr bayrisches Zuhause in Waldsassen in der Oberpfalz gegen das Leben in Polarregionen eintauscht.

Warum auf "Putins Schiff"?

Es geht weiter in Richtung Nordpol. Immer dichter wird die Eisfläche. Mit durchschnittlich 11,5 Knoten – rund 21 Kilometern pro Stunde – bahnt sich die "Pobedy" in Fahrradgeschwindigkeit ihren Weg zum Ziel der Ziele. Die Sorge bei den Reisenden ist groß, dass es angesichts des trüben Wetters und vieler Nebeltage nichts mehr werden könnte mit blauem Himmel und Sonne in der Arktis.

Im Schiffssalon und in der Bibliothek vertreiben sich die Gäste die Stunden und Tage bei Vorträgen von Forschern und Naturschützern, die über die arktische Vogelwelt, den Klimawandel und die Eisschmelze reden. Die Gespräche an Bord drehen sich auch darum, wer aus welchem Grund auf die Idee kam, in Zeiten politischer Spannungen zwischen Russland und dem Westen "Putins Schiff" zu besteigen. Aus dem Westen sind es vor allem Geschäftsleute, ein Fachmann für die Sicherheit von Brücken in New York, ein Immobilienmakler und viele Rentner, die hier die "Reise ihres Lebens" machen.

"Wir sind auf der Suche nach Orten mit einer besonderen Atmosphäre", sagt der tschechische Unternehmer Frantisek Patera, der mit seinem achtjährigen Sohn Tomas und seiner Frau Irena hier ist. Die Familie ersteigert später bei einer Auktion zugunsten des Nationalparks Russische Arktis die Karte der Seereise.

"Miami Beach" am Nordpol

Unter den überwiegend jungen russischen Gästen sind Sänger, Comedy-Stars und Schauspieler sowie der frühere Judo-Olympiasportler Dmitri Nossov. Der 35-Jährige trägt ein T-Shirt mit dem Konterfei von Putin und der russischen Aufschrift: "Russlands Armee". Selbstbewusst greift er an einem Abend zum Mikrofon, um Russlands Größe und Schönheit zu preisen. Nationalstolz hat hier Konjunktur.

Eigentlich sollte dies die letzte Reise der "Pobedy" mit Touristen sein, weil die Regierung andere Pläne mit dem Eisbrecher hatte. Russland will in der Arktis in Zukunft Öl und Gas fördern und den Containerverkehr über die Nordostpassage verstärken. Dabei setzt das Land vor allem auf seine weltweit einmalige Eisbrecherflotte. Doch wegen der schweren Wirtschaftskrise liegen die Pläne auf Eis, die Reisen für Touristen gehen weiter.

Fünf Tage nach dem Start in Murmansk kann Expeditionschef Bryde für den nächsten Morgen die Ankunft am Nordpol ankündigen. Es ist ein Sonntag. Dass endlich die Sonne scheint, der Himmel blau und das Eis fest ist, wenn die "Pobedy" ihren Anker herunterlässt, kann er noch nicht versprechen. Aber so kommt es dann. "Miami Beach! Sonne. Windstill. Ein Traum", sagt Kapitän Lobusow.

Jan Bryde weckt die Gäste mit Opernmusik, diesmal der Arie Nessun Dorma aus "Tosca". Sein Team schenkt wenig später Sekt an Deck ein – eine Stimmung wie Silvester, nur ohne Feuerwerk. Musik verstärkt die Gefühle. "We are the Champions" erklingt. Der magische Punkt, die nördliche Spitze der Rotationsachse der Erde, ist erreicht.

Fotos und ein Bad bei minus zwei Grad

Für Erinnerungsfotos haben viele Passagiere Nationalflaggen mitgebracht, ein Fußballfan die Fahne von Borussia Dortmund. Die Gäste erleben eine sorgfältig inszenierte Abfolge von Ritualen. Die Crew lässt die Schiffstreppe auf das Eis, die Passagiere bilden einen Kreis um das eigens aufgestellte rote Nordpolschild mit der Aufschrift "90°N". Es gibt eine Schweigeminute für den Frieden auf dem Planeten, eine Rede vom Kapitän – und dann das größte Abenteuer des Tages: der Sprung in den arktischen Ozean bei fast minus zwei Grad Wassertemperatur und vergleichsweise milden minus 0,6 Grad an der Luft. Etwa 40 Passagiere trauen sich das. Weniger als die Hälfte.

1260 Seemeilen oder 2333 Kilometer hat der Eisbrecher von Murmansk zurückgelegt. Einige weinen vor Glück. Es gibt Wodka, Punsch, ein Grillfest am Schiffsrumpf – und etwas Zeit zum Laufen auf dem Eis mit seinen blau schimmernden Schmelztümpeln an der Oberfläche. Manche füllen sich das trinkbare Wasser in Flaschen ab, als Mitbringsel. Unter dem Eis ist der Ozean 4255 Meter tief und salzig.

Eine Urkunde am Ende der Reise bescheinigt den Erfolg. Die Passagiere, die zu insgesamt rund 25.000 Nordpol-Besuchern gehören haben erreicht, wofür Generationen von Abenteurern ihr Leben riskierten. Kapitän Lobusow ist zufrieden: "So sicher und punktgenau ist das nur mit dem Eisbrecher zu schaffen". Ein weiterer Sieg für die "Pobedy".

(dpa)
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