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Die Wildnis Neuenglands
Wandern auf dem Appalachian Trail

Eindrücke vom Appalachian Trail in Neuengland
Eindrücke vom Appalachian Trail in Neuengland FOTO: dpa, zeh gab
Greenville. Es muss ja nicht gleich der ganze Appalachian Trail sein! Wanderer können Maines grüne Hügel und New Hampshires Höhen auch in kürzeren Etappen genießen - und lernen dennoch, was es bedeutet, sich auf den 3517 Kilometer langen Gebirgsweg durch den Osten der USA zu machen.

Kurz vor dem Gipfel des Third Mountain, mitten in der 100-Meilen-Wildnis von Maine, steht er plötzlich auf dem Pfad. Schwerer Rucksack, zwei Stöcke in den Händen, Stutzen bedecken die Waden über den Stiefeln. Die kurzen Ärmel und das offene Hemd geben den Blick frei auf mehrere große Tattoos. Auf die Frage, ob er ein "Thru-Hiker" sei, antwortet der Mann namens Matchbox knapp: "Yeah."

Am Mount Katahdin, dem nördlichen Startpunkt des Appalachian Trail, sei er vor zehn Tagen losgelaufen - und er will sogar über das 2186 Meilen entfernte Ziel in Georgia hinauswandern: "Bis Neujahr will ich in St. Petersburg in Florida ankommen." Dann erzählt er noch, er habe bis vor kurzem bei den Marines in den US-Streitkräften gedient, bevor er weiterstapft und wortlos im Gestrüpp verschwindet.

Ein "Thru-Hiker" also. Einer, der es wirklich wissen will. Laut der Appalachian Trail Conservancy, die sich um den Fernwanderweg im Osten der USA kümmert, haben im Jahr 2014 mehr als 2740 Menschen die gesamte Strecke zwischen den Südstaaten und Neuengland in Angriff genommen. Immerhin 729 von ihnen haben ihr Ziel erreicht. Blasen an den Füßen, sengende Sonne, steinige Anstiege, Millionen Mücken und riesige innere Schweinehunde: All dem haben sie getrotzt und dafür ein Naturerlebnis sondergleichen genossen. Die meisten wandern in Süd-Nord-Richtung, um möglichst früh im Jahr loslaufen zu können. Matchbox mit seinem Start in Maine gehört zu einer Minderheit.

Dass auch 2014 nur etwa jeder vierte AT-Starter die monatelange Tour vollendete, entspricht dem langjährigen Mittel. Immer größer wird dagegen die Zahl derer, die sich dieses Ziel überhaupt setzen: Noch im Jahr 2008 war die Zahl der Starter nur gut halb so groß wie 2014. In den ersten 33 Jahren nach der Markierung des Trails 1936 wurden sogar insgesamt nur 59 erfolgreiche "Thru-Hiker" registriert.

Wie Matchbox wirklich heißt, hat er nicht verraten. "Thru-Hiker" verwenden meist einen Trailnamen, den sie sich selbst geben oder von Mitwanderern erhalten haben. Er mache halt gerne Feuer und werde daher "Streichholzschachtel" genannt, mehr hat sich Matchbox nicht entlocken lassen. Hat der Verzicht auf den wahren Namen vielleicht damit zu tun, dass er unterwegs nicht so gerne an seine Zeit vor dem AT erinnert werden möchte? Auch dazu hat Matchbox nichts gesagt.

"Häufig ist es eine Zeit der Selbstfindung oder des Übergangs im Leben, in der sich Menschen entscheiden, den AT laufen zu wollen", sagt Lindsay Downing. Sie hat die Strecke vom Springer Mountain in Georgia zum Mount Katahdin 2011 in vier Monaten und 28 Tagen absolviert, Trail-Name: Shuffle. "Ich hatte damals eine schwere Knieverletzung überstanden und wollte mir beweisen, dass ich das kann", sagt die 28-Jährige. Sie arbeitet heute in der "Gorman Chairback Lodge And Cabins" des Appalachian Mountain Club (AMC).

Die Lodge liegt mitten in der 100-Meilen-Wildnis zwischen den Orten Greenville und Milo. Die Gegend heißt so, weil Wanderer hier etwa 100 Meilen lang durch kaum berührten Gebirgswald laufen müssen, bis sie wieder eine geteerte Straße sehen. Autofahrer erreichen die Lodge mit den zwölf Holzhütten über eine staubige Piste - und sind manchmal überrascht, wie viel Komfort sie erwartet. Zum Beispiel Boeuf Stroganoff und Erdnussbutter-Schokoladenkuchen zum Abendessen.

Der AMC, so etwas wie der Alpenverein der Appalachen, betreibt die Lodge, die früher ein Camp für Angler und Jäger war, als Teil ihrer Maine Woods Initiative. Der Club hat im Zentrum des nördlichsten Neuengland-Staates inzwischen Flächen in der Größe des Bundeslandes Bremen aufgekauft, um sie zu schützen und für sanften Tourismus zu nutzen. "Wir wollen Menschen eine engere Verzahnung mit der Natur ermöglichen", sagt AMC-Sprecher Rob Burbank. "Die Lodges in Maine und unsere Hütten in New Hampshire sorgen dafür, dass man weder ein Zelt noch einen Gaskocher braucht, wenn man einige Tage zum Wandern, Kanufahren oder Fliegenfischen aus dem Alltag heraus möchte." Nicht weit entfernt von "Gorman Chairback" gibt es mit "Little Lyford" noch eine zweite AMC-Lodge. Sie ist besonders bei Anglern populär.

Vom Third Mountain aus sind die Lodges nicht zu sehen, alles ist von sattem Grün bedeckt. Viele der 30 000 Schwarzbären, die es in Maine gibt, streifen dort durchs Unterholz, bleiben für die Wanderer aber unsichtbar - anders als die Elche, die regelmäßig an den Flüssen und Seen beobachtet werden können. Einer dieser Seen ist Long Pond bei "Gorman Chairback". "In klaren Nächten fahren wir manchmal mit Kanus raus und lassen uns treiben, während wir die Sterne beobachten", erzählt Lodge-Mitarbeiter Brennan Gillis während des Frühstücks.

Irgendwo in der Nähe des Third Mountain muss auch Bill Bryson seinen Versuch, den Appalachian Trail zu meistern, abgebrochen haben. Der Bestsellerautor hat mit seinem 1998 erschienenen Buch "A walk in the woods" - auf Deutsch: "Picknick mit Bären" - viel zur gestiegenen Popularität des AT beigetragen. In den letzten Kapiteln beschreibt Bryson, wie er, entnervt von den Strapazen der Wanderung, auf einer Staubpiste in der 100-Meilen-Wildnis einen Pickup mit Waldarbeitern anhält. Die Frage "Wo wollen Sie hin?" beantwortet er mit "Egal.
Hauptsache weg von hier". Gerade hat Hollywood die Geschichte mit Robert Redford, Nick Nolte und Emma Thompson in den Hauptrollen verfilmt. Im Oktober 2015 ist der Kinostart in Deutschland geplant.

Als Tagestour von den Lodges aus bietet sich vor allem Gulf Hagas an, eine 6,5 Kilometer lange Schlucht mit mehreren Wasserfällen. Der westliche Arm des Pleasant River stürzt dort insgesamt 120 Meter in die Tiefe. "Manche sagen, das hier sei der Grand Canyon Neuenglands oder sogar der gesamten Ostküste", erzählt Lindsay Downing. Dieser Vergleich mag übertrieben sein, schön anzusehen sind die Fälle aber auf jeden Fall. An den steilen Klippen sollten Besucher allerdings sehr vorsichtig sein. Sollte hier jemand stürzen und Hilfe brauchen, kann es Stunden dauern, bis die ersten Helfer da sind.

Neben dem AMC bietet in Maine auch Maine Huts & Trails (MHT) ein Wegenetz mit Übernachtungsmöglichkeiten an. Vier Öko-Lodges gibt es schon, weitere acht sollen noch hinzukommen. Ziel der Organisation ist eine 290 Kilometer lange Hüttenwanderroute, die - etwa zwei Autostunden westlich der 100-Meilen-Wildnis - die Mahoosuc-Berge im Süden mit dem Moosehead-See im Norden verbindet. Mehrfach kreuzt das bestehende Wegenetz den Appalachian Trail. Anders als auf diesem, zieht es die Wanderer auf den MHT-Pfaden aber nicht so sehr auf die Höhen. "Die Wege führen vor allem durch Täler und an Flüssen entlang und sind für Wanderer gedacht, die sich weniger anstrengen wollen", sagt Sandi Howard, eine Musikprofessorin aus New Hampshire, die im Sommer als Wanderführerin für Maine Huts & Trails arbeitet.

Eine der schon fertigen Lodges ist die "Grand Falls Hut" beim Ort The Forks. Vom Highway 201 aus, der nach Québec in Kanada führt und als Strecke mit den meisten Kollisionen von Autos und Elchen in den USA gilt, führt ein 23 Kilometer langer Fußweg fast immer am Dead River entlang zu der Hütte, in deren Nähe sich der Fluss über die breiten Grand Falls ergießt. Auch dieser Ort zieht viele Angler an, Rafting ist die beliebteste Aktivität auf den Flüssen in der Region.

Wer als AT-Etappenwanderer einen eher alpinen Anspruch hat, sollte allerdings noch weiter westlich in Neuengland die Stiefel schnüren: in den White Mountains in New Hampshire, einem kargen Höhenzug. Acht Hütten und Lodges unterhält der AMC hier entlang einer 90 Kilometer langen Strecke, die unter anderem über den Mount Washington führt, mit 1917 Metern der höchste Gipfel im Nordosten der USA. Gut eine Stunde Fußweg davon entfernt liegt, knapp oberhalb der Baumgrenze und direkt am AT, die "Lake of the Clouds Hut". Mit Platz für 90 Gäste in Stockbettenschlafsälen erinnert sie an die Alpenvereins-Hütten in Europa. "Thru-Hiker" können gratis übernachten, wenn sie als Gegenleistung zum Beispiel etwas in der Küche helfen.

In ein paar Wochen wird auch Matchbox hier vorbeikommen, falls er seinen Versuch, den ganzen AT zu laufen, bis dahin nicht abgebrochen hat. Die Entschlossenheit in den Augen, die der wortkarge Mann auf dem schlammigen Pfad in der 100-Meilen-Wildnis gezeigt hat, lässt allerdings vermuten: Auch die steinigen White Mountains werden den durchtrainierten Ex-Soldaten kaum davon abbringen, einer der AT-Starter zu sein, die tatsächlich ihr Ziel erreichen.

(dpa)
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