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Unterwegs in Neufundland
Abenteuer zwischen Eisbergen und Walen

Neufundland - Das große Abenteuer im Eis
Neufundland - Das große Abenteuer im Eis FOTO: dpa, gab
Bonne Bay. Wo kann man morgens vom Hotelbett aus Wale beobachten, mittags auf dem Erdmantel spazieren und abends vorbeiziehende Eisberge bewundern? In Neufundland. 

Ein prustendes Geräusch beendet am frühen Morgen den Schlaf. Augen auf: Die Morgensonne funkelt auf der spiegelglatten Wasseroberfläche der Bonne Bay im Westen der Insel Neufundland. War da wirklich ein Geräusch?

Jetzt herrscht Stille. Die Ohren sind gespitzt. Vom Hotelbett aus wandern die Augen suchend übers Wassers. Da zischt es plötzlich wieder, eine Fontäne spritzt nach oben. Die Flosse eines Zwergwals taucht auf. Gleichzeitig zeigt sich ein zweiter Wal direkt daneben.
Ein eindrucksvoller Moment, ganz ohne Touristenrummel.

"Wale und Delfine zu sehen ist auch für mich immer noch etwas Besonderes", sagt die Hotelbetreiberin Darlene Thomas. "Ich glaube, uns fasziniert dabei die spürbare Kraft der Natur." Die Kanadierin steht am riesigen Panoramafenster ihres kleinen Hotels in Woody Point mit Blick auf die Bay - und die Wale. Der Entdecker James Cook hatte die Bucht einst kartographiert.

Durch das Fischerdorf mit seinen bunten Holzhäusern aus dem 19. und 20. Jahrhundert flanieren Touristen. Sie fotografieren die im Wind tanzende Wäsche, die zum Trocknen auf der Leine hängt. Ein typisches Motiv für Neufundland. Die Bonne Bay am Sankt-Lorenz-Golf ist umgeben von bewaldeten Bergen. Sie liegt im Gros-Morne-Nationalpark im Süden der Northern Peninsula, der nördlichen Halbinsel Neufundlands.

Darlene Thomas hat als ehemaliger Golfprofi schon an vielen weit entfernten Orten gelebt. Doch sie kam zurück nach Neufundland. Sie ist eine von rund 500 000 Einwohnern der Insel und typisch für dessen Bevölkerung: Neufundländer, die der Arbeit wegen die Insel verlassen, kehren unweigerlich irgendwann wieder zurück, heißt es. Als gäbe es eine Nabelschnur, die nie abreißt.

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Auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht bei Norris Point treffen zwei Fjorde aufeinander. Reg Williams legt dort mit seinem Schiff ab. Der Kapitän steuert Besucher tiefer in die Fjordlandschaft hinein. Die Fahrt geht vorbei an nach Fotos schreienden Felsformationen und Wasserfällen. Weit und breit sind keine anderen Boote zu sehen. Einsam steigt ein Weißkopfadler am Ufer auf.

Für die Touristen völlig überraschend, gibt sich ein Hochzeitspaar an Bord das Ja-Wort. "Die Location ist so majestätisch, dass sie die Kulisse für unsere Trauung sein sollte", meint die Braut. Das Paar ist eigens dafür in ihre neufundländische Heimat gereist. Die Zeremonie ist so ergreifend, dass die Passagiere fast die Wale übersehen, die gerade vorbeischwimmen.

Auch Kapitän Williams zeigt sich als typischer Neufundländer: Nicht nur, dass er an keinem anderen Ort der Welt leben wollte und außerdem Neufundland für den besten und sichersten Ort weltweit hält - er macht auch Musik. Ebenfalls typisch hier. "Das sind unsere irischen Wurzeln", scherzt Williams. Die Vorfahren der meisten Neufundländer stammen aus Irland und England.

"Bis vor kurzem gab es fast in jedem Inselhaushalt ein Akkordeon", erzählt der 73-Jährige. Williams spielt mit seiner Band Anchors Away! abends im Pub von Rocky Harbour traditionelle Lieder für Einheimische und Gäste. Da geht es ums Weggehen und Zurückkommen und natürlich um das Leben am und auf dem Wasser.

Das maritime Leben im kalten Wasser des Nordatlantiks beleuchtet die wissenschaftlich arbeitende Bonne Bay Marine Station in Norris Point. Besucher können dort mit recht ungewöhnlichen Meerestieren wie lila Seesternen oder blauen Hummern auf Tuchfühlung gehen.

"Das Blau ist eine sehr seltene Mutation, die auf zwei Millionen Hummer nur einmal vorkommt", erläutert Shannon, Studentin für Meereswissenschaften. Sie hält Shepp, den blauen Hummer, vorsichtig mit Handschuhen in die Höhe. Als Fischerstochter weiß sie um die Gefährlichkeit seiner gewaltigen Scheren. "Hummerfischern fehlt allzu oft ein Finger", meint sie und zieht die Augenbrauen hoch.

Als Shannon vom Kabeljau-Moratorium erzählt, das wegen Überfischung 1992 verhängt wurde, entspinnt sich sofort eine Diskussion. Eine Neufundländerin beklagt, sie sei damals arbeitslos geworden. Auch ihre Söhne hätten wegziehen müssen, weil es für Fischer kaum mehr Arbeit gäbe.

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Neufundländer leben mit und vom Meer. Wie Fischerei früher aussah, lässt sich in Broom Point nachspüren. Dort wohnte und arbeitete von 1941 bis 1975 die Familie Mudge. An diesem vom Wind umpeitschten Küstenaußenposten ist alles noch wie damals erhalten: die Hummerkäfige, die Fangnetze, das Boot.

"Die drei Brüder, jeweils mit ihren Frauen und Kindern, arbeiteten die Sommer hier", sagt Angela Decker, die durch die historische Stätte führt. "Die Männer fischten Kabeljau, Lachs und Hummer, und die Frauen bearbeiteten den Fisch an Land weiter." Dann erklärt Angela genau, wie der Kabeljau ausgenommen, gesalzen und zu Stockfisch getrocknet wird.

Monatelang wohnten die drei Paare zusammen in einem Häuschen aus Holzbrettern, ohne Strom oder Heizung. In den winzigen Zimmern löst sich heute die Blümchentapete von der Wand. Windböen pfeifen durch die Ritzen, vermutlich wie damals. Vor der Tür liegt die steinige Küste dicht in Nebel gehüllt. Das Gefühl der Abgeschiedenheit kennen Neufundländer nur allzu gut.

Ein Stück weiter sticht in der grünen Naturlandschaft des Gros-Morne-Nationalparks der Tafelberg deutlich heraus: flach, ockerfarben, ohne Bäume. Ein paar Besucher stiefeln über das Geröllfeld, ganz als würden sie in einer Mondlandschaft wandern.

"Wir spazieren gerade auf dem Erdmantel", erklärt Kim Thompson vom Parkmanagement. "Der liegt eigentlich unter der Erdkruste. Doch durch die Verschiebung der Erdplatten wurde er nach oben gedrückt." Diese geologische Besonderheit ist eine Attraktion. Der Nationalpark mit Unesco-Label zählt zu den ganz wenigen Orten des Planeten, wo der Erdmantel zur Oberfläche kam. "Doch nur in Gros Morne ist er so einfach zugänglich", erklärt Thompson.

Die junge Frau ist Neufundländerin aus Überzeugung. "Das ist ganz mein Lifestyle", sagt sie, "in und mit der Natur zu leben." Dabei zeigt sie auf eine weinrote Blume am Wegesrand. Pitcher Plant, die Symbolpflanze der Provinz Neufundland: "Auffallend und fleischfressend!"

Im Westen der Insel führt der Highway direkt an der Küste nach Norden durch dünn besiedeltes Land. Bei gutem Wetter will man am liebsten alle paar Kilometer stoppen, um Fotos zu machen. Imposant zeigen sich die schroffen Bergen und die See, das satte Grün und das tiefe Blau der Wellen. Im Arches Provincial Park hat die Kraft der Gezeiten eine pittoreske Brücke aus Felsen geformt, die Mutige erklettern.

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Insgesamt zählt Neufundland fast 18 000 Kilometer Küstenlinie. Zumindest einer der vielen Leuchttürme muss da besucht werden: Lobster Cove Head Lighthouse von 1897 thront in strahlendem Weiß auf einer Klippe. Der letzte Leuchtturmwärter und seine Frau haben an diesem stürmischen Ort sechs Kinder groß gezogen. Neufundländer scheinen sich vor den Naturgewalten eben nicht zu fürchten.

Auch in L'Anse aux Meadows im Norden trifft man auf zähe Burschen wie etwa Marc Pilgrim. Mit Rauschebart und robuster Kleidung mimt der Schauspieler einen Wikinger aus dem Jahr 1000 nach Christus. "An dieser Stelle bauten Wikinger ihre erste Siedlung in Nordamerika", sagt der Einheimische. "Lange vor Kolumbus betraten hier die ersten Europäer die neue Welt."

Forscher entdeckten in den 1960er Jahren Überreste der Siedlung. Einige der Erdhäuser sind rekonstruiert, mit Torf verkleidet und Grassoden bedeckt. Pilgrim steht am Lagerfeuer und erzählt aus ihrem Wikingerleben. Fast ist es, als würde die vergangene Zeit wieder lebendig, ebenso wie in Norstead, dem Wikingerdorf gleich nebenan. "Seit 15 Jahren mache ich das schon", erzählt Pilgrim. "Ein Traumjob in Neufundland!" Und für viele Wikingerfans weltweit ist diese Unesco-Weltkulturstätte ein Traum-Ziel.

Unweit davon steht Dough Cook mit seiner Kamera am Ufer des Atlantischen Ozeans. Der Fotograf hat gerade einen vorbei ziehenden Eisberg vor der Linse. Bis zu 15 000 von ihnen flanieren pro Jahr auf der sogenannten Eisberg-Allee direkt an der Küste Neufundlands vorbei. Das 10 000 Jahre alte Eis schimmert bläulich. "Daraus wird inzwischen auch "Eisberg-Bier" gebraut", erklärt der Neufundländer.

Ob Eisberge, Wale oder Elche - sein früheres Geschäft mit Postkarten läuft im Smartphone-Zeitalter nicht mehr. Daher verdingt sich Dough im Winter als Möbelverkäufer. Auf die Frage, ob er sich vorstellen könnte, Neufundland zu verlassen, kommt die Antwort fast entrüstet:
"Oh no! Ich bin vielleicht verrückt, aber doch nicht dumm!"

(dpa/ham)
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