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Kuba Special - Teil 3
Start-ups à la Kuba: Analog statt Digital

Kubaner und ihre Start-ups
Kubaner und ihre Start-ups FOTO: Werner Gabriel
Havanna . Weil Ärzte und andere Akademiker in Kuba kaum genug zum Überleben verdienen, schulen sie um – auf Hotelier, Fotograf oder Taxifahrer.

Start-ups in Kuba kennen den Begriff  "digitale Entwicklungen" nicht, sondern sie gehen so: Eine Familie in Vinales, mitten in der wunderschönen Landschaft im Westen Kubas, erhält die Erlaubnis, ein Zimmer ihres Hauses an Touristen zu vermieten. Nach einigen Monaten stellt sie fest, dass sie damit mehr Geld verdient als in ihren ursprünglichen Jobs; Mutter und Vater sind Mediziner und arbeiten für je 30 Euro pro Monat. Die naheliegende Idee: Das Haus wird ausgebaut und noch ein zweites Zimmer angeboten. Zusammen mit einigen Nachbarn vermarktet man nun gemeinsam Unterkünfte für die Reisenden, die in dieser Gegend die Landschaft bewundern, die legendären Höhlen besichtigen oder Tabakfarmen besuchen wollen.

In der Straße dieser neuen Art von Genossenschaft zeigt sich der Erfolg auch in der Farbe der Häuser: Alle sind frisch und bunt gestrichen, man hilft sich untereinander, zwei oder drei haben sich aufblasbare Planschbecken gekauft und preisen diese jetzt als Swimming Pools an. Bei einem Preis von 25 Euro die Nacht finden die Gäste das prima und lieben die Abkühlung im heißen Klima Kubas. Das Frühstück am Morgen, frisch zubereitet von der Hausfrau, der Oma oder der Tante, ist üppig mit frischen Mangos vom Baum vor dem Haus oder Eiern von den Hühnern im Garten – und kostet pro Person fünf Euro. Casa particulares heißen diese privat vermieteten Zimmer – und es gibt sie in immer mehr Orten des Landes.

Kuba: Zwischen Verfall und Moderne FOTO: Ministerio de Turismo de Cuba, gms

Vom Physiker zum Fotograf

Rolando Torres kennt viele dieser Mini-Hoteliers. Der Physiker und Dozent an der Uni in Havanna, hatte es satt, mit allen möglichen Arbeiten nebenher sein offizielles Gehalt von umgerechnet 30 Euro pro Monat aufzubessern. Er beantragte und erzielt eine Lizenz als Fotograf – und bietet seine Dienste Reisenden an. Rolando – seine Freunde nennen ihn Roly – sieht ein bisschen aus wie der US-Schauspieler Danny de Vito – und hat auch dessen Humor. Wer den 60-Jährigen anheuert, bekommt zum Service des versierten Fotografen auch noch eine schier unerschöpfliche Fülle an Infos über Kuba.

Man hört dem Mann an: Als Student war er noch überzeugt von Fidel und der Revolution. Heute hängt immer noch an den Idolen der Jugend, sieht aber inzwischen, wie sein Land immer mehr verarmt und hofft auf die Öffnung nach Westen und das Ende des US-Embargos. Dass seine eigene Tochter, längst erwachsen, die Auswanderung Richtung USA plant, ist für ihn bitter – aber er kann es verstehen. Die junge Generation hat lange keine Perspektive gesehen in diesem Land. Roly war einmal in seinem Leben im Ausland: Freunde hatten ihm ein Ticket nach Ecuador geschenkt, um Verwandte zu besuchen. "Großartig, zehn Tage schnelles Internet," schwärmt er von dieser Reise. Sein ganzer Stolz ist eine mehrere Jahre alte Canon und ein kiloschweres Laptop.

Maschinenbau-Ingenieur Yudel Diaz pfeift ebenfalls auf seinen akademischen Job. Er ist Techniker, aber in einer staatlichen Firma (und das sind die meisten) verdient er zu wenig, um seine Frau und seine drei Kinder zu ernähren.  Mit Hilfe der gesamten Familie kaufte er daher für umgerechnet 15.000 Euro einen Chevrolet, Baujahr 1955, und besorgte sich eine Lizenz zum Taxifahren. Den Verdienst verteilt er auf alle Verwandten, die sich mit ihren Ersparnissen an dieser Firma beteiligt haben. Er als Fahrer bekommt ein zusätzliches Gehalt. Seine Kenntnisse als Techniker helfen, wenn der Wagen – der 25 Jahre älter ist als er selbst – mal wieder schlapp macht. Wie die meisten Taxifahrer ist Yudel auch Kfz-Mechaniker – zwangsläufig.

Oldie-Atmosphäre auf Havannas Straßen FOTO: Shutterstock/Kamira

Den Vierzylinder-Kia-Dieselmotor hat er selbst in den US-Dino eingebaut, ebenso Klimaanlage und elektrische Fensterheber – sein ganzer Stolz. Dass ein Liter Diesel in Kuba – fast wie in Deutschland – rund 1,20 Euro kostet, nimmt er schulterzuckend zur Kenntnis. Er kennt, das ist üblich in Kuba, genug Leute, bei denen er günstig bekommt, was er braucht. Zum Tanken verschwindet er stets für eine Stunde, ohne zu sagen, wohin er fährt.

Ein Restaurant mit Retro-Charme

Luis Ernesto Castillo, der frühere Mitarbeiter einer staatlichen Bootsverleih-Firma, hatte bessere Startchancen. Er verdiente in dem staatlichen Unternehmen ein paar hundert Euro im Monat, aber er wollte dennoch sein eigener Chef sein. Also eröffnete gemeinsam mit Vater, Mutter und Bruder ein Restaurant – und stellte alsbald mehrere Leute ein. "Varadero 60" heißt die Kneipe nahe des Badeortes Varadero, die er sehr pfiffig mit allerlei Deko aus den 60er Jahre verziert hat. Firmenschilder, alte Tanksäulen, ein TV-Gerät von General Electric, Bakalit-Telefone, ein Niagara-Fahrrad aus den Jahren kurz nach der Revolution – wie ein kleines Museum.

An einer Wand hängt, völlig zerfetzt, die Flagge Kubas. Die habe sein Vater aus der Schweinebucht mitgebracht, erzählt Luis. Denn der habe bei der Revolutionsarmee gedient, war dabei, als man die Invastion abwehrte, und später Karriere unter Fidel gemacht, gehörte also zur Führungs-Elite des Landes. Eine Erklärung dafür, warum es dem Sohn gelang, einen besser bezahlten Job zu erlangen und das Geld für dieses Restaurant.

Davon kann die 25-jährige Sprachenstudentin Lilly nur träumen. Um leben zu können, arbeitet sie mehrere Tage die Woche in einem Restaurant als Kellnerin, gibt Sprachkurse an Schulen und führt Touristen durch Kubas Hauptstadt Havanna. Da sie Englisch, Spanisch, Französisch und Italienisch spricht, läuft das sehr gut. Derzeit lernt sie Deutsch. Sie lebt in einem Ort, 80 Kilometer entfernt von Havanna. Zur Arbeit trampt sie, mehr kann sie sich nicht leisten. Sie ist sehr selbstbewusst – aber wenn sie einen Ausländer findet, der sie heiratet, würde sie sofort auswandern.

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