| 11.38 Uhr

Flüchtlingskrise
Es hilft den Flüchtlingen nicht, wenn Urlauber wegbleiben

Das sind die besten Reiseziele im Herbst
Das sind die besten Reiseziele im Herbst FOTO: Shutterstock.com/photoff
Berlin/Frankfurt. Urlaub in der Türkei oder in Griechenland? Angesichts der Bilder Tausender Flüchtlinge stellen manche Reisende ihre Pläne auf den Prüfstand.

Der Türkei-Urlaub ist gebucht. Doch die Gefühle sind gemischt in diesem Jahr. "Wir kennen die schrecklichen Bilder, die den kleinen Aylan Kurdi tot am Strand zeigen, und haben angesichts der Flüchtlinge natürlich überlegt, den Urlaub abzusagen", sagt eine Berlinerin, die anonym bleiben möchte.

Dennoch entschied sich die Familie dafür - "auch weil es keinem Menschen hilft, wenn wir die Augen vor den Geschehnissen in Griechenland, der Türkei und Syrien verschließen". Andere änderten dagegen ihre Reisepläne.

"Nachfragen von Kunden gab es vor allem in der Sommersaison bei Buchungen für die griechische Insel Kos", berichtet eine Tui-Sprecherin. Einige Urlauber seien verunsichert gewesen. Andere hätten gefragt, ob und wie sie den Flüchtlingen helfen könnten.

Angebot der Veranstalter unverändert

Inzwischen sind die Nachfragen abgeflaut - die Saison in Griechenland geht Ende Oktober zu Ende. "Gerade die griechischen Inseln leben vom Tourismus - wem nutzt es, wenn Urlauber wegbleiben?", sagt eine Sprecherin von DER Touristik. Letztlich sei es aber eine individuelle Entscheidung, die jeder Urlauber für sich treffen müsse. "Das Angebot der Veranstalter von DER Touristik in der Türkei und in Griechenland ist unverändert."

"Es würde Flüchtlingen nicht helfen, wenn Urlauber dort nicht baden", sagt Tourismusexperte Martin Lohmann. In einem größeren Zusammenhang gesehen, könne man die Frage stellen: "Darf ich überhaupt Urlaub machen, wenn es Menschen auf der Welt gibt, die hungern?" Der Geschäftsführer des Instituts für Tourismus und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT) geht davon aus, dass die Flüchtlingsfrage aktuell für das Urlaubsverhalten so gut wie keine Rolle spielt.

Auch Hans-Dieter Lohneis, Vorsitzender des Auslandsausschusses des Branchenverbands DRV, glaubt nicht, dass die Bundesbürger wegen des Flüchtlingszustroms auf Reisen nach Griechenland oder in die Türkei verzichten. Zwar lasse sich die Entwicklung im kommenden Jahr derzeit nicht abschätzen. "Die Deutschen haben aber zu den Flüchtenden eine überwiegend positive Einstellung, warum sollten sie sich also von einem Urlaub beispielsweise auf Kos abbringen lassen?", sagte Lohneis, Manager beim Studienreise-Veranstalter Studiosus, im September dem Fachdienst "Travel Tribune".

Buchungsanfragen für Türkei gehen nicht zurück

Zwar gingen die Buchungen für die Türkei nach einem Anschlag der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) an der syrischen Grenze Anfang August zeitweise zurück, wie ein Thomas-Cook-Sprecher berichtet. Wegen der hohen Flüchtlingszahlen gebe es aber praktisch keine Anfragen oder Umbuchungswünsche, heißt es bei Veranstaltern.

Anders als Kos liegen die meisten klassischen Reiseziele in der Türkei vergleichsweise weit entfernt von Flüchtlingscamps. In den letzten sechs Wochen seien die kurzfristigen Buchungen für das Land am Bosporus sogar deutlich gestiegen, betont Thomas Cook.

Dennoch habe mancher Urlauber angesichts der Bilder Tausender Flüchtlinge seine Pläne geändert. "Einerseits hatten wir die Befürchtung, uns nicht frei bewegen zu können, andererseits hätte es unserer Ansicht nach etwas Voyeuristisches, als westlicher Tourist durch Orte zu flanieren, in denen Menschen unter schlimmen Bedingungen hausen müssen", berichtet eine Familie, die eigentlich Urlaub auf einer griechischen Insel machen wollte. "Ich will nicht mit einem Cocktail auf der Strandliege liegen und daran denken, dass da ein Stück weiter draußen vielleicht gerade Menschen ertrinken."

Lesen Sie hier den Kommentar unseres Redakteurs Philipp Jacobs zum Thema "Dort Urlaub machen, wo Flüchtlinge ankommen?"

 

Liebe Leserinnen und Leser,
Ihre Meinung zu RP Online ist uns wichtig. Anders als sonst bei uns üblich gibt es allerdings an dieser Stelle keine Möglichkeit, Kommentare zu hinterlassen. Zu unserer Berichterstattung über die Flüchtlingskrise haben wir zuletzt derart viele beleidigende und zum Teil aggressive Einsendungen bekommen, dass eine konstruktive Diskussion kaum noch möglich ist. Wir haben die Kommentar-Funktion bei diesen Themen daher vorübergehend abgeschaltet. Selbstverständlich können Sie uns trotzdem Ihre Meinung sagen – per Facebook oder per E-Mail.

(dpa)
Diskussion
Das Kommentarforum zu diesem Artikel ist geschlossen.