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Abu Dhabi
Formel 1 mit dem Fahrrad

Abu Dhabi. Nächstes Wochenende findet in Abu Dhabi das letzte Formel 1-Rennen der Saison statt. Dann entscheidet sich, wer Weltmeister wird: Nico Rosberg oder Lewis Hamilton. Wenn der Rennzirkus vorbei ist, dürfen wieder Besucher auf die Piste. Zweimal in der Woche ist die Grand-Prix-Strecke für Fahrradfahrer und Jogger geöffnet. Von Helge Sobik

Bevor Nico Rosberg und Lewis Hamilton das ganze Areal mit einem Teppich aus Krach überziehen, ist alles anders. Und nach ihnen wird es auch wieder anders sein auf dem Yas Marina Circuit von Abu Dhabi - nach dem jährlichen Gastspiel der Formel 1 sind die Tribünen wieder leer, die Kassenhäuschen unbesetzt und die schwarz-weiß karierte Fahne verschwunden. Aber auf der Piste, auf dem 5,55 Kilometer langen Grand-Prix-Kurs mit seinen neun Rechts- und elf Linkskurven, wird wieder mehr los sein. Sehr viel mehr! Denn dann kommen die Fahrradfahrer zurück und drehen ihre Runden über den Asphalt.

Jeden Dienstag- und Sonntagabend ab 18 Uhr ist die Grand-Prix-Strecke der Emirate-Hauptstadt für Fahrradfahrer geöffnet - und für Jogger. Für erstere gibt es nur zwei Regeln: Sandalen sind nicht erlaubt, und es gilt Helmpflicht. Alles andere ist jedem selbst überlassen: Ob er rasen möchte, weil es nach Einbruch der Dunkelheit endlich ein paar Grad kühler wird, oder ob er zwischendurch rechts ran fährt und picknickt. Alles ist möglich. Und damit man sich nicht in die Quere kommt, gilt: Jogger dürfen nur am rechten Rand und gegen die Fahrtrichtung unterwegs sein.

"Als wir vor fünf Jahren damit begonnen haben, die Grand-Prix-Strecke erst mal nur an einen Abend pro Woche für Fahrradfahrer zu öffnen", erzählt Lynn Ismail vom Ausrichter Train Yas, "da kamen um die 50 Leute. Heute sind es über 4000. Zusätzlich ist neuerdings der Mittwochabend ausschließlich für Frauen reserviert."

Auch an diesem sind ein paar verschleierte Damen gekommen, aber nur, um zuzusehen. Sie hocken auf mitgebrachten Klappstühlen nicht weit vom Start. Drei Männer in schneeweißen Dishdashas spazieren ein Stück weiter im Gras und plaudern angeregt. Sie kommen, weil das Volksfest drumherum Spaß macht. Weil DJ Steve aus England Lounge-Musik auflegt. Und weil Fahrradfahren in einem Land fast ohne Radwege plötzlich zum Event geworden ist. In Pagodenzelten im Eingangsbereich informieren Hersteller, verkauft jemand frischgepresste Obstsäfte, wirbt ein anderer für die emiratische Gesellschaft zur Förderung der Krebsvorsorge. Ein paar Meter weiter gibt es kostenlos Leih-Helme, schräg gegenüber 50 Gratis-Leihfahrräder eines Sponsors - zusätzlich zu den beiden Anbietern, die ihre Drahtesel gegen 30 bis 80 Dirham Miete, umgerechnet zwischen acht und 20 Euro, verleihen. Es ist ein munterer, friedlicher Multikulti-Rummel, ein vielstimmiges Sprachengewirr: kein Krach, eher eine seltsam disziplinierte Stille, ohne dass irgendwer sie einfordern würde. Jeder scheint sich auf sich zu konzentrieren, auf sein Rad, den korrekten Sitz des Helmes - und darauf, sich alsbald in den Strom auf der Rennstrecke einzufädeln.

Seltsam, ganz gemächlich mit dem 24-Gang-Rad an der menschenleeren Boxen-Gasse vorbei zu radeln, unter Flutlicht zwischen den leeren Tribünen der Zieleinfahrt vorbei zu strampeln. Und immer wieder unter großen Anzeigetafeln hindurch zu rollen, die die ganze Fahrbahn überspannen und auf denen wahlweise "Yas Marina Circuit" oder "Abu Dhabi Grand Prix" steht. Das lauteste Geräusch jedenfalls ist das gleichmäßige Surren der Räder, ab und an kommt das Klicken der Gangschaltung hinzu. Man kann sich darauf verlassen, dass die Natur allabendlich einen leichten Wind aufkommen lässt. Rückenwind natürlich. Und kommt der Wind, wie das bei Rundkursen unvermeidlich ist, dann doch mal von vorne, ist er erfrischend. Und zwischendurch freut sich gerade ein kleiner Junge auf Deutsch und ruft zum größeren Nebenmann "Ich war eben 45 Sachen schnell, Papa. Und ich bin erst acht!"

Harold von den Philippinen ist Fahrradhändler, hat seinen Arbeitsplatz in der Yas Shopping Mall inmitten von Bikes jeder Machart, Größe und Farbe. Ultra-leichte Rennräder aus Deutschland, schwere Alltags-Drahtesel aus China, Mountainbikes aus den USA: alles da, alles zu haben von günstig bis enorm teuer. Das Geschäft boomt - und das war nicht immer so. "Seit der Formel 1-Kurs für Radler offen ist, ist die Nachfrage gewaltig angestiegen. Wir haben eine Werkstatt eröffnet, bieten Fahrradreinigung für 300 Dirham an", erzählt Harold. Bis dahin liefen vor allem sogenannte Dirt Bikes mit dicken Ballonreifen für Fahrten durch wüstenhaftes Gelände, inzwischen sind es mehrheitlich Straßenräder. Ob er selbst eins hat? "Klar", sagt er, "eines hier, eines auf den Philippinen." Ob er damit zur Arbeit radelt? "Leider nein. Zu weit, zu heiß. Ich kann nicht total verschwitzt im Laden ankommen." Aber abends, da radelt er. An der Corniche direkt am Golf - oder mit all den anderen dienstags und sonntags auf dem Grand-Prix-Kurs gleich nebenan.

Die Redaktion wurde von der Tourism & Culture Authority Abu Dhabi zu der reise eingeladen.

Quelle: RP
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