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Interview mit Helge Timmerberg
"Der Weltgeist will weiten"

Die besten Länder für eine Weltreise
Die besten Länder für eine Weltreise FOTO: dpa, pla
Helge Timmerberg reiste mit 17 nach Indien, wo ihm eine körperlose Stimme befahl, Journalist zu werden. Seitdem schreibt er aus seinem wilden Leben "on the road". Nun erscheint seine Autobiografie: "Die rote Olivetti".

Was haben Sie gegen Pauschal-reisen?

Timmerberg Ich habe nichts gegen Pauschalreisen, solange ich nicht mitreisen muss.

Schon mal eine gemacht?

Timmerberg Einmal war ich all-inclusive auf Jamaika. Ich bin nach drei Tagen wieder nach Havanna geflohen. Zu viele Amerikaner und überall Rauchverbot. Das habe ich nicht ausgehalten.

Was machen Sie, der von Berufs wegen viel unterwegs ist, um abzuschalten?

Timmerberg Johnnie Walker, Black Label.

Sehen Sie sich selbst als Schriftsteller oder Journalisten?

Timmerberg Schriftsteller.

Wie viel Dichtung verträgt ein Text?

Timmerberg Das kommt drauf an. Ist es Belletristik oder Journalismus. In Letzterem hat Dichtung nichts zu suchen. Aber Verdichtung ist okay.

Was macht denn eine gute Reisereportage aus?

Timmerberg Wir sind stellvertretend für den Leser unterwegs. Wir sind seine Augen und seine Ohren, ja, wir sind auch seine Seele. Wir erleben seine Kulturschocks, wir träumen seine Träume.

Sind Sie eitel?

Timmerberg Ja, leider. Meine Eitelkeit macht mich manipulierbar.

Sie sind vor kurzem 64 geworden. Warum erscheint Ihre Autobiografie gerade jetzt ?

Timmerberg Es ist eine Berufs-Bio. Sie zeichnet meinen Weg als Journalist. Und endet im Alter von 50. Danach fing ich mit den Büchern an. Warum ich das jetzt geschrieben habe? Mir war einfach danach.

Was, glauben Sie, können andere von Ihnen lernen?

Timmerberg Geh deinen Weg und lass die Leute reden. Mach, was du für richtig hältst und nicht, was die Anderen für richtig halten.

Der Buchtitel spielt auf eine Reiseschreibmaschine an, mit der Sie früher gearbeitet haben. Schreiben Sie ab und zu noch auf der roten Olivetti?

Timmerberg Die rote Olivetti ging irgendwo in Havanna verloren. Aber ich würde auch nicht mehr auf ihr schreiben. Mein MacBookAir ist 20-mal leichter und 20-mal schneller.

Sie sind vom sogenannten New Journalism der 60er und 70er Jahre beeinflusst, in dem sich der Autor nicht länger hinter seinem Text verstecken wollte. Was haben Sie von Ihrem großen Vorbild, dem Autor Hunter S. Thompson, persönlich, aber auch beruflich gelernt?

Timmerberg Persönlich lernte ich nichts von ihm. Oder anders gesagt: Ich lernte, wie es nicht geht. Ich habe ja mal drei Tage und Nächte in seinem Haus verbracht. Damals war ich Mitte 30 und er Mitte 50. Und er konnte nicht mehr schreiben. Zu viel Koks, zu viel Alkohol, zu viel von allem. Er lebte nur noch von seinem Ruhm. Beruflich öffnete er mir allerdings die Tür zum New Journalism.

Wenn man Ihre Texte liest, könnte man den Eindruck gewinnen, Sie hätten vor nichts Angst.

Timmerberg Komisch, ich schreibe eigentlich viel über meine Ängste. Es kommt nicht darauf an, wie viel Angst man hat, sondern, wie man sie überwindet.

Und wie geht das?

Timmerberg Einen Trick gibt es nicht. Ich überwinde sie einfach. Ich habe Angst davor, mit Goldsuchern auf einem sehr gefährlichen Pfad in den Amazonas zu gehen. Und dann gehe ich trotzdem. Und dann erlebe ich immer folgendes Phänomen: Was in der Nacht wie eine Schlange aussah, erweist sich am Tag als Ast.

Was ist das Schlimmste, das Ihnen unterwegs passieren kann?

Timmerberg Langeweile.

Was tun Sie dagegen?

Timmerberg Zur Not meditiere ich. Dann wird mir meistens klar, dass das Leben immer spannend ist. Langeweile ist eigentlich nur die Abwesenheit von Bewusstsein.

Nehmen Sie Drogen, wenn Sie schreiben?

Timmerberg Bis vor neun Wochen Haschisch. Silvester habe ich damit aufgehört. Jetzt versuche ich es mit Whiskey. Allerdings schreibe ich auch im Moment nicht. Bei Lesungen bin ich nüchtern besser.

Hätten Sie Ihre Geschichten nüchtern hinbekommen?

Timmerberg Immer wenn ich es versucht habe, wurde die Geschichte abgelehnt.

Wie lässt sich das Erlebte am besten abrufen?

Timmerberg Das Erlebte muss einen starken Eindruck hinterlassen. Mehr braucht es nicht. Wenn es ein Teil der Seele geworden ist, kann man es immer abrufen. Es gehört zum Selbst.

Wenn es stimmt, was ich über Sie gelesen habe, dann leben Sie heute in Wien, Berlin und St. Gallen.

Timmerberg Berlin habe ich als Wohnort aufgegeben, genauso wie Marrakesch.

Wann merken Sie, dass es Zeit ist, die Zelte abzubrechen?

Timmerberg Ich spür' es einfach. Es ist vorbei. Was nicht heißt, dass es nicht wieder kommen kann. Ich sag' es mal mit Hermann Hesse: Stufe um Stufe vorwärts schreiten. Der Weltgeist will nicht engen, sondern weiten.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Timmerberg Gute Freunde, gute Frau, gutes Essen.

Und Kinder? Timmerberg Ich habe drei. Zwei Töchter, einen Sohn. Alle über 30. Jetzt warte ich auf Enkelkinder. Ich glaube, ich wäre super als Opi. Als Vater war ich nicht der Hit. Zuviel unterwegs. Trotzdem habe ich Glück gehabt: Sie lieben mich.

Könnten Sie sich vorstellen, nach Havanna zurückzukehren, um dort alt zu werden?

Timmerberg Ich glaube nicht. Havanna verändert sich gerade radikal. Die Amerikaner kommen. Der Charme der alten Tage ist dahin.

Sie leiden seit Ihrem 30. Lebensjahr unter Schwerhörigkeit, hatten mehrere Bandscheibenvorfälle. Sind Sie auf Ihren Reisen vorsichtiger geworden?

Timmerberg Schlechte Straßen in schlechten Autos werden zur Qual. Gute Straßen in guten Autos sind langweilig. Schlechte Straßen in guten Autos sind machbar. Die Schwerhörigkeit ist lästig, aber hat mein Sehen geschärft. Und das ist okay. Die Worte lügen, die Körpersprache nicht.

Tragen Sie Hörgeräte?

Timmerberg Ja. Ohne sie ginge es mir wie Beethoven.

Wie verständigen Sie sich auf Ihren Reisen?

Timmerberg Kommunikation ist eine Frage der Intelligenz, des Willens und des Lächelns.

Werden Sie jemals sesshaft?

Timmerberg Das weiß nur Gott.

DAS INTERVIEW FÜHRTE DIRK WEBER.

Quelle: RP
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