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Gargellen
Hemingway und die Stille im Montafon

Gargellen. Mit neuen Liften und Hotels will Silvretta Montafon zu den größten Skigebieten in Österreich aufschließen. Aber noch hat sich das Tal in Vorarlberg seine Traditionen erhalten. Schon Hemingway schätzte dort die Winterruhe. Von Florian Sanktjohanser

Tja, der Vorführeffekt. Da ist man extra früh aufgestanden, um vor allen anderen auf der Piste zu sein und die Alpenkämme in der Morgensonne leuchten zu sehen. Und nun: Hochnebel. Dabei wollten die Touristiker aus dem Montafon die neue Achtergondel vorführen, deren Name nun wie Hohn klingt: Panoramabahn.

"Montafon Totale" heißt hier das exklusive Frühaufsteher-Ticket, das mittlerweile viele Skigebiete anbieten. Wer es ganz ausreizen will, kommt mit brennenden Oberschenkeln beim Frühstück in der Hütte an. "Wir haben hier viele rote Pisten mit einem schwarzen Touch", sagt Markus Fessler-Jenny. vom Tourismusverband. Fünf Skigebiete gibt es in dem 39 Kilometer langen Tal in Vorarlberg, das von den Gebirgsmassiven Rätikon, Verwall und Silvretta umschlossen ist. Das bei weitem größte ist Silvretta Montafon mit 140 Kilometern Piste. Es entstand vor acht Jahren, als die beiden Rivalen Hochjoch und Silvretta Nova fusionierten. Seit vier Jahren verbindet die Grasjochbahn die beiden Skigebiete.

"Der Zusammenschluss war ein Quantensprung", sagt Peter Marko, der Geschäftsführer von Silvretta Montafon. "Der Wettbewerb war nicht mehr gesund." Die beiden Skigebiete unterboten sich gegenseitig mit Billigtickets, das Geld für Investitionen fehlte. Marko, 51, war früher Tourismusdirektor in Sölden und Kitzbühel. Jetzt will er aus dem abgelegenen Vorarlberg die Tiroler Platzhirsche angreifen. "Jedes Jahr werden wir weiter aufschließen zu den Großen", sagt Marko. Er träumt von neuen Hotels und höheren Preisen. Zunächst will er aber in den kommenden Jahren die Zubringerbahnen erneuern. "Damit haben wir genug zu tun."

Die hochfliegenden Pläne klingen wie eine Drohung. Denn bisher ist das Montafon ruhig geblieben und hat seine Kultur erhalten. Die Maisäß - jene Hütte auf halber Höhe zwischen Tal und Berg, wo die Hirten im Frühsommer das Vieh weideten - ist heute als romantische Unterkunft äußerst begehrt. In den Dörfern sieht man noch die Montafonerhäuser, eine Mischung aus dem rätoromanischen Steinhaus und dem aus Holz gebauten Walserhaus. Und auf jeder Speisekarte steht der Sura Kees. Im frühen Stadium ein Frischkäse, wird er beim Reifen immer saurer und schärfer.

Wer es besonders ruhig will, fährt nach Gargellen. Bis in die 1920er Jahre war der höchstgelegene Ort im Montafon nur von Frühling bis Herbst bewohnt. Heute werden im Winter die Straßen nicht geräumt, damit um das Kirchlein mit schindelgedecktem Zwiebelturm alles romantisch weiß bleibt. Das kleine Skigebiet über dem Dorf ist selten überlaufen. Die Tagesgäste bleiben weiter vorne im Tal.

Am Kamin des Hotels "Madrisa" wird abends viel Englisch gesprochen. Noch so eine Tradition: Das Publikum im Montafon ist international. Vielleicht hat das mit dem großen Namen zu tun, der am Beginn des Wintertourismus steht: Ernest Hemingway. "Kirsch trinkender, schwarzer Christus" nannten die Montafoner den Schriftsteller. Weil er nächtelang mit dem Polizeichef pokerte und dabei flaschenweise Kirschgeist kippte. Und weil die Höhensonne oft sein Gesicht verbrannt hatte.

Hemingway verlebte zwei Winter im Montafon. 1924 reiste der damals noch unbekannte Autor mit seiner Frau aus Paris an, ein Jahr später traf er hier zusätzlich eine Geliebte. In der Winterruhe schrieb er an dem Roman "Fiesta" und Teile der Kurzgeschichte "Schnee auf dem Kilimandscharo", beides später berühmte Werke. Und immer wieder stieg er hinauf in die Berge, mit Seehundfellen unter den Holzski vom Gasthaus "Taube" in Schruns bis in die Silvretta. "Er war ein zäher Hund", sagt Markus Fessler-Jenny. Und wie so oft hatte Hemingway einen Riecher für die schönen Orte. Heute ist die Silvretta allen ambitionierten Skitourengehern ein Begriff, vor allem das Gebiet um die Bielerhöhe. Also wieder früh aufstehen, diesmal für eine der schönsten Routen im Montafon: die Madrisa-Rundtour.

Die Sonne steigt gerade über den Hochnebel, als Fessler-Jenny von der Skipiste in Gargellen abzweigt und zum St. Antönier Joch aufsteigt. Durch ein Hochtal spurt Fessler-Jenny voran, links leuchtet ein Grat, rechts fliegt der Blick bis zu den Zackenreihen am Horizont.

Nach einer Stunde bleibt er vor einem grauen Schild stehen: "Schweiz". "Da hinten seht ihr den Riedkopf und das Hochjoch, und das sind die Heimspitze und die Fluchthörner", erklärt Fessler-Jenny den Rundumblick. Dann zieht er die Felle von seinen Ski, stellt die Bindung auf Abfahrt und wedelt den Hang hinab. Diesmal mit Premium-Panorama.

(dpa)
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