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Südinsel Kyushu
Hölle, Hölle, Hölle

Auf der Südinsel Kyushu dampft die Erde, kochen Teiche, sprudeln Tausende heiße Quellen, glühen Vulkane und werden die Menschen uralt. Von Angela Böhm

Ihre Füße sind heiß. Im dampfenden, schwarzen Vulkansand buddelt Hiromi von morgens bis abends mit ihrer Hacke Kuhlen, um Menschen in einem baumwollenen Kimono in Reih und Glied bei lebendigem Leib zu begraben. Geschickt formen ihre Hände maßgeschneiderte Sarkophage. Nur der Kopf ihrer "Kunden" schaut noch heraus. Den schützt Hiromi mit einem kleinen gelben Sonnenschirm.

Schuhe sind für Hiromi bei ihrer Arbeit tabu. Schließlich kommt alles auf ihr Zehenspitzengefühl an. Mit dem misst sie die Temperatur des Sands, der von einer heißen Quelle erhitzt wird. Je tiefer sie gräbt, je dicker sie die Schicht auf den Körper modelliert, umso heißer wird es. Für jeden muss sie die richtige Temperatur austarieren, damit im sandigen Backofen 15 Minuten lang alle Sinne geweckt werden. Wie neugeboren sollen sich die Eingegrabenen nach ihrem Sandbad fühlen.

Drei Jahre musste Hiromi ihr Handwerk lernen. Zehn Jahre Erfahrung kann sie inzwischen vorweisen. Es ist ein Höllenjob mitten in der Hölle. So nennen die Japaner Beppu, die rauchende Stadt am Meer mit ihren kochenden Teichen und dampfenden Erdspalten. Der berühmte Kurort auf Kyushu, der südlichsten der vier japanischen Hauptinseln, ist eines der heißesten Pflaster der Welt. Hier atmet die Erde an jeder Straßenecke. Sogar aus dem Asphalt dringen weiße Schwaden. In rostigen Rohren versuchen die Einwohner den Dampf aus der Unterwelt zu kanalisieren, bis er mit gewaltigem Druck in den blauen Himmel schießt.

Jigoko heißt auf Japanisch Hölle. Die gibt es in Beppu überall. Jigoku Mushi Kobo ist die Höllenküche. In der herrscht dichter Nebel. Der 100 Grad Celsius heiße Dampf aus der Erde wird in gemauerten Öfen gezähmt. Gerüstet mit dicken Gummihandschuhen lässt die Köchin den Bambuskorb mit Gemüse tief in den Ofen hinab. Der wird mit einem dicken Holzdeckel verriegelt. Seit Jahrhunderten praktizieren die Menschen hier diese Garmethode, bei der nichts vom Geschmack verloren geht. Produziert wird der Dampf von den heißen vulkanischen Quellen. Über 2500 brodeln in Beppu. Nur im Yellowstone Nationalpark in den USA gibt es mehr.

Schon am Eingang des Umi-Jigoko riecht es nach Schwefel. Aus der 200 Meter tiefen kobaltblauen Meereshölle pfeifen dicke Dampfschwaden. Einen Steinwurf entfernt sprudelt die Bluthölle mit ihrem feuerroten Wasser. Für die Farbe sorgen Mineralien, die der Dampf aus der Erde nach oben drückt. Vulkanische Gase formen den Schlamm in der Mönchskopf-Hölle zu einem kahlen Haupt, bevor die Blase mit einem dumpfen Blubb platzt. Kichernd zeigen Familien fürs Foto das Victory-Zeichen, als wären sie gerade dem Höllenschlund entkommen.

Der präsentiert sich eine gute Stunde Fahrt entfernt am Mount Aso, einem der größten Krater der Welt, dessen Caldera einen Umfang von 128 Kilometern hat. Umgeben ist sie von einer Bergkette aus fünf Vulkan-Gipfeln, die einem liegenden Buddha gleichen. Einer ist noch aktiv, glüht, spuckt, qualmt. Unberührte Zedernwälder und Bambushaine rahmen den fruchtbaren Kessel ein. An einem kleinen Bach, überzogen mit einem Netz von Bambuslampions, drängen sich alte Holzhäuschen mit Papierwänden, vor deren Haustür eine kleine Mühle plätschert und innen ein Bad mit einer heißen Quelle dampft. Kurokawa gilt als das romantischste Wellness-Dorf auf Kyushu. Nebenan im feinen Kurort Yufuin streifen junge Japaner in den hoteleigenen Baumwoll-Kimonos von Onsen zu Onsen. So heißen die Thermalbäder, die in Japan Tradition sind.

Sie scheinen das Geheimrezept der Menschen auf Kyushu für ein hohes Alter zu sein: Mit 116 Jahren und 45 Tagen galt Kamato Hongo 2003 als älteste Erdenbürgerin. Als ältester Mann der Welt schaffte es der 114-jährige Yukichi Chuganji ins Guinness-Buch der Rekorde. Fukuoka, die größte Stadt der Insel, belegte 2015 in der Rangliste der lebenswertesten Städte des Lifestyle-Magazins "Monocle" Platz zwölf - vor Paris, Madrid und Lissabon. Der französische Guide Michelin zeichnete in der Wohlfühl-Metropole mit 1,5 Millionen Einwohnern gleich 43 Restaurants mit Sternen aus. Kreuzfahrtschiffe aus aller Welt legen im Hafen an der Hakata-Bucht an. Seit 25 Jahren steht Iri Masahiko hinter dem Holzofengrill seiner Ministraßenküche und serviert gegrillte Hühnermägen am Spieß, dazu hauchdünn geschnittenes Fleisch in Kräutern, Zitrone und Öl. Gebärmutter vom Schwein soll das sein. "Das ist gesund", versichert er. Für Fremde schmeckt es nach Hölle.

Die Redaktion wurde von Finnair zu der Reise eingeladen.

Quelle: RP
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