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Spartipp
Immer dem grünen Band nach

Von Nantes bis zur Atlantikküste reicht eine Route, die an allen bekannten Kunstwerken der Region vorbeiführt. Am besten erkundet man sie mit dem Rad. Von Brigitte Bonder

Kleine Kinder reiten auf schnaubenden Seepferdchen im Kreis, ihre Eltern lassen sich von fliegenden Fischen Runde um Runde über die Meeresoberfläche ziehen. In den Tiefseegräben lauern riesige Mantarochen und ein Leuchtfisch, am Grund taucht seit kurzem ein Kofferfisch ab. Der Ausblick von der obersten Etage des dreistöckigen Karussells der Meereswelten ist wirklich außergewöhnlich, und die Besucher wissen gar nicht, was sie zuerst fotografieren sollen.

Während sich im Inneren des mechanischen Aquariums dutzende Fische im Kreis drehen und von den Fahrgästen mit Kurbeln oder Hebeln zum Leben erweckt werden, schnaubt und prustet auf dem Vorplatz ein riesiger Holzelefant. Unendlich langsam setzt er einen Fuß vor den anderen und trägt knapp 50 Gäste auf seinem Rücken durch den Park. Seit fast zehn Jahren spaziert der riesige, mechanische Dickhäuter über die Île de Nantes und lockt jedes Jahr zahllose Besucher in die Stadt an der Loire.

Bis in die 1980er Jahre lebte Nantes zu großen Teilen vom Schiffbau, dann wurden die Werften geschlossen und an die Atlantikküste verlegt. "Die Loire war zu schmal und nicht mehr schiffbar für die immer größeren Kähne", sagt Stadtführerin Christel Dugast. "Um den Tourismus zu fördern, suchte man neben dem Schloss und der Altstadt nach mehr Anziehungspunkten." Und so investiert Nantes seit über 20 Jahren in seine kulturelle Ausstattung. Heute führt eine zwölf Kilometer lange grüne Linie namens "Le Voyage à Nantes' zu 20 Kunst-Höhepunkten der Stadt. An einer Hauswand schlängelt sich das überdimensional große Maßband von Lilian Bourgeat entlang, in der Skybar auf dem Hochhaus Tour Bretagne liegt ein Storch von Jean Jullien, 18 abends bunt beleuchtete Ringe von Daniel Buren und Patrick Bouchain säumen die Promenade am Fluss. Und jeden Sommer kommen neue Kunstwerke hinzu, die im Herbst dann wieder abgebaut werden.

"Wenn ihr der grünen Linie folgt, habt ihr etwa 80 Prozent der Kunst und der Sehenswürdigkeiten von Nantes gesehen", erklärt Dugast einem Pärchen aus Deutschland. Der kulturelle Höhepunkt befindet sich auf dem ehemaligen Werftgelände der Stadt - die Maschinen. Ihre Schöpfer erinnern mit dem großen Elefanten und dem mechanischen Meereskarussell an die erfundenen Welten von Jules Verne, der auch aus Nantes stammt, und ziehen mit den Lebewesen täglich tausende Besucher in ihren Bann.

Dugast folgt bei ihrer Stadtführung der grünen Linie. Von der großen Oper geht es am Tour Bretagne vorbei zum Schloss. Im Inneren erwartet die Besucher ein modernes Museum, in dem die wechselhafte Geschichte der Stadt erklärt wird, draußen picknicken die Menschen. "Überall in der Stadt haben wir sogenannte ,Stations Gourmet'", verrät die Stadtführerin. "Dort wachsen Erdbeeren oder Himbeeren, Apfelbäume laden zur Ernte ein." Sobald das Obst reif ist, darf sich jeder bedienen.

Nantes ist eine Fahrradstadt mit eigenen Wegen und Ampeln für Biker, und so radeln viele Urlauber von einem Kunstwerk zum nächsten und erreichen so auch die außerhalb der Stadt. Seit 2007 führt der Kunst-Parcours "Estuaire", zu deutsch "Mündung", von Nantes an die Atlantikküste nach St-Nazaire. 29 Kunstwerke säumen den 60 Kilometer langen Abschnitt der Loire und können per Auto, Boot oder Fahrrad erkundet werden. "Wer die Strecke mit dem Rad zurücklegen möchte, muss sich zunächst für eine Seite des Flusses entscheiden, denn bis zur Mündung gibt es keine Brücken und die Loire kann nur per Fähre überquert werden", erklärt Virginie Priou vom örtlichen Tourismusbüro. Sie empfiehlt die Südroute, und so radeln die beiden deutschen Urlauber bereits früh durch das Fischerdorf Trentemoult mit seinen bunten Kapitänshäusern zum ersten Kunstwerk, wo Roman Signer ein sieben Meter langes Pendel an einer alten, roten Betonfabrik schlagen lässt.

Die Fahrt ist doch recht anstrengend, das längere Verweilen an den zahlreichen Kunstwerken entlang des Weges lohnt sich also gleich doppelt. Nach einiger Zeit erreicht das Pärchen Paimboeuf und besichtigt den Jardin Étoile von Kinya Maruyama. Mit müden Oberschenkeln stapfen sie die Aussichtstürme des Gartens hinauf und blicken weit über den Fluss hin zu den ersten Industriegebieten der Küstenstadt St-Nazaire. Endlich ist das Ziel in Sichtweite. Die letzten Kilometer zur Küste führen durch winzige Dörfer bis zu St-Nazaires Nachbarstadt St-Brevin-les-Pins, einem hübschen Ort mit teuren Ferienvillen, die sich an einem kilometerlangen breiten Sandstrand aufreihen. Ganz im Norden der Stadt haben sich einige Urlauber am Strand versammelt und blicken auf das letzte Kunstwerk des "Estuaire". Hier an der Mündung der Loire blickt die riesige "Serpent d'Océan" von Huang Yong Ping aus dem Wasser. Die riesige Wasserschlange ist zwar keine Maschine wie die Meerestiere im Karussell von Nantes, geht aber bei Flut trotzdem automatisch baden - und das ganz ohne Hebel. Die Redaktion wurde von Nantes Tourisme und Air France zu der Reise eingeladen.

Quelle: RP
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