| 07.07 Uhr

Sommerrodeln
Immer eine Hand an der Bremse

Rasdorf/Todtnau. Mit viel Wind um die Ohren durch Steilkurven und 360-Grad-Kreisel sausen: Sommerrodeln macht Laune. Das Freizeitvergnügen ist in Deutschland an mehr als 100 Orten möglich. Und ein echter Rennrodler gibt Tipps. Von Oliver Kauer-Berk

Rodeln geht nur im Winter? Stimmt nicht. In Deutschland gibt es mehr als 100 Sommerrodelbahnen, beliebte Ausflugsziele von Familien und Schulklassen. Manche Bahnen zählen bis zu 450.000 Fahrten pro Jahr.

Ein Sommerrodler fährt aktiv, darin liegt der Reiz. Er bremst und kann durch die Hangabtriebskraft wieder beschleunigen - bis zu einer festgelegten Geschwindigkeit von maximal 40 km/h. "Allerdings erfordert dieses Tempo schon Respekt", sagt Andrea Bohl. Sie arbeitet für den Hersteller Wiegand in Rasdorf, der die beiden meistgenutzten Systeme anbietet: die Wannenbahn, in der die Schlitten in einer Edelstahlwanne zu Tal gleiten, und den schienengeführten Alpine Coaster. Bei beiden Varianten bestimmen die Hobbypiloten mittels Bremse selbst die Geschwindigkeit.

Die Längsten Die Alpine Coaster am Hasenhorn in Todtnau im Südschwarzwald (Einzelfahrt 4,50 Euro) und in Immenstadt im Allgäu (6,50 Euro) wetteifern mit jeweils knapp drei Kilometern Länge um den Titel der längsten Sommerrodelbahn Deutschlands. Der Unterschied beträgt nur wenige Meter. Zu den Kosten für die Talabfahrt kommen in der Regel noch die Fahrkarten für den Lift bergauf hinzu. Es gibt aber wie bei den meisten Bahnen Kombinations-Tickets.

Die Steilste Der Alpine Coaster in Oberammergau (7,50 Euro) hat nach Herstellerangaben 20 Prozent Durchschnittsgefälle, 400 Meter Höhendifferenz werden zurückgelegt. Dabei sind sage und schreibe 73 Kurven, neun "Jumps" und sieben sogenannte Wellen zu durchfahren. Auch dass die höchste Stelle vier Meter über dem Boden liegt, ist dem Adrenalinrausch nicht abträglich.

Die Höchstgelegene Auch hier punktet der Alpine Coaster in Oberammergau. Die Kolbensattelhütte am Startpunkt liegt auf 1270 Metern Höhe. Sie ist zu Fuß, mit dem Mountainbike oder im Kolbensessellift von Oberammergau aus erreichbar.

Die Spektakulärste Die seit 1997 bestehende Wannenbahn in Garmisch-Partenkirchen (2,50 Euro) wurde im Sommer 2013 um 200 auf 850 Meter verlängert und mit einem spektakulären Drei-Etagen-Kreisel ausgestattet - einzigartig in Deutschland. Der höchste Punkt der Bahn liegt zwölf Meter über dem Erdboden, fantastischer Panoramablick inklusive. Anders als bei vielen Schienenbahnen wird der Betrieb der Wannenbahn bei einsetzendem Regen oder nasser Strecke aus Sicherheitsgründen gestoppt.

Die Ältesten Quasi die Mutter aller heutigen Sommerrodelbahnen liegt auf der Wasserkuppe in der Rhön und ist 1975 in Betrieb genommen worden (3 Euro). 1989 ist eine zweite parallele Wannen-Bahn hinzugekommen. Es können also auf zweimal 700 Metern "Wettrennen" gefahren werden. Noch älter ist eine Variante im Freizeitpark Sommerrodelbahn im nordrhein-westfälischen Ibbenbüren (0,50 Euro). Sie besteht seit 1926. Hier geht es auf echten Holzschlitten schienengeführt rund 100 Meter einen Berg hinunter.

Die Nördlichste Rodelbahnen benötigen rein physikalisch die Talfahrt, weswegen im Norden Deutschlands das Angebot dünn gesät ist. Allerdings gibt es auf einer steilen Wiese am Stadtrand von Bergen auf Rügen seit Sommer 2005 die am weitesten im Norden gelegene Sommerrodelbahn der Republik (2 Euro). Zwar reichen 27 Meter Höhenunterschied und 700 Meter Länge nicht zum Eintrag in ein Rekordbuch, doch eine günstige Gaudi für Jung und Alt ist der Alpine Coaster allemal. Die Familienkarte für sechs Kinder- und sechs Erwachsenenfahrten ist für 17 Euro zu haben.

Die Neueste Im Freizeitpark Edelwies in Neukirchen im Bayerischen Wald ist 2015 der "Höllencoaster" eröffnet worden (2,20 Euro): ein Alpine Coaster mit drei 360-Grad-Kreiseln. 360 Meter der Strecke führen bergauf, 1060 Meter bergab.

Die Nahsten in NRW Auch NRW hat einige größere und kleinere Bahnen: Im Alpincenter Bottrop geht es draußen bergab. 1000 Meter misst die Bahn, Geschwindigkeiten bis zu 42 km/h sind möglich. Zudem geht es durch einen 360-Grad-Kreisel sowie einen Tunnel. Kinder zahlen 2,50 Euro, Erwachsene 3,50 Euro pro Fahrt. Im Sauerland findet sich auf dem Winterberger Erlebnisberg Kappe ebenfalls eine Wannenbahn. Wie mit einem Lift wird man auf dem Schlitten nach oben gezogen, dann geht es rund 700 Meter bergab. Für Vier-bis Siebenjährige kostet eine Fahrt 4,20 Euro (inklusive einem erwachsenen Mitfahrer). Acht-bis 15-Jährige zahlen 2,20 Euro, alle über 16 sind mit 2,80 Euro dabei.

Und wie fährt man auf Sommerrodelbahnen? Gleichmäßig! Selbst ein echter Rennrodler, der mit mehr als 100 Sachen den Eiskanal runterrast, hat Respekt vorm Sommerrodeln. "Das ist nicht ohne und kann schon anspruchsvoll sein", sagt Julian von Schleinitz, dreimaliger Junioren-Weltmeister im Einsitzer aus Schönau am Königssee. Schon wenige Stundenkilometer mehr oder weniger könnten einen großen Unterschied bedeuten. "Die Zentrifugalkraft drängt die Fahrer in der Kurve nach außen und oben und wächst quadratisch mit der Geschwindigkeit." Von Schleinitz rät daher, sich "nach innen in die Kurven zu legen" und die Bremse einzusetzen: "So kann man sich ans schnellere Fahren herantasten und bekommt ein Gefühl für den Schlitten." Eine Rodlerweisheit: Auf ein mittelmäßiges Niveau kommt man rasch, aber wer mehr Gas gibt, ist schnell am Limit.

Außerdem sagt der Profi: "Über schönes, gleichmäßiges Fahren kommt man eher auf eine gute Zeit als im Hauruck-Verfahren." Und wer es doch ein klein wenig schneller mag, dem rät der Sportler, sich klein zu machen. Aerodynamik spielt eine große Rolle.

(dpa)
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Sommerrodeln: Immer eine Hand an der Bremse


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.