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Goch
In Hape Kerkelings Fußstapfen

Goch. Der Jakobsweg von Goch über Kevelaer nach Straelen bietet Entschleunigung zwischen Niers-Auen und Feldern. Von Franz Hünnekens

"Auch der längste Marsch beginnt mit dem ersten Schritt." Wohl wahr! Es war Laotse, ein chinesischer Philosoph, der vor 2700 Jahren Wanderern in aller Welt seine Weisheit mit auf den Weg gab. Und an dieser gibt es nichts zu rütteln. In zwei Tagen wollen wir von Goch über Kevelaer nach Straelen insgesamt 51 Kilometer weit wandern. Zwei Etappen des Jakobswegs, der durch Hape Kerkeling ("Ich bin dann mal weg") populär wurde. Seitdem wandern auf der Pilgerroute Naturfreunde mit und ohne spirituellem Hintergrund - entspannt und entschleunigt.

Unser Startpunkt ist der Marktplatz der Weberstadt Goch. Imposant überragt von der mittelalterlichen Pfarrkirche St. Maria Magdalena, eingerahmt vom historischen Rathaus, der evangelischen Kirche und dem giebelgeschmückten Haus zu den fünf Ringen. Goch ist übrigens Geburtsort des 2003 heilig gesprochenen Arnold Janssen, dem Gründer der Ordensgemeinschaft der Steyler Missionare. Über die Steinstraße, vorbei am mächtigen Steintor - Teil der mittelalterlichen Stadtmauer -, verlassen wir die Stadt in östlicher Richtung, die sich seit 2005 auch Wallfahrtsort nennen darf. Nach wenigen Minuten erreichen wir das Flüsschen, das uns auf den nächsten Kilometern bis Kevelaer begleiten wird: die Niers.

"Insbesondere der Wechsel von Natur und Kultur macht diese Etappe besonders interessant", schreibt das Wanderportal "fernwege.de". Und das ist auch so. Gegen die Fließrichtung der Niers laufen wir durch eine weite, grüne Flusslandschaft, die am gegenüberliegenden Ufer vom Gocher Berg, den die Eiszeit aufgetürmt hat, begrenzt wird. Hier wird jedes Niederrheinklischee bedient. Vogelgezwitscher begleitet uns, der Fluss zieht murmelnd an uns vorbei, und auf den Weiden blökt das Vieh.

An der Kalbecker Straße queren wir die Niers. Das Dunkel des im Krieg zerstörten und wieder aufgeforsteten Kalbecker Waldes empfängt uns. 30 verschiedene Bäume, hauptsächlich Fichten und Douglasien, aber auch Lärchen, Kiefern, Buchen und Eichen bilden ein verwunschenes Idyll. Es duftet herrlich, der Wind rauscht in den Blättern, und über den Waldboden läuft es sich wie über einen Teppich.

Fehlt nur noch ein geheimnisvolles Schloss. Und da ist es auch schon. Doch Schloss Kalbeck befindet sich im Privatbesitz und kann leider nicht besichtigt werden. Wenige Meter weiter erreichen wir wieder die Niers. Mit einem kleinen Fährkahn kann man sich, zur Gaudi der Kinder, mit Muskelkraft über das Flüsschen kurbeln. Am anderen Ufer lockt die Traditionsgaststätte "Jan an de Fähr". Holland ist nah, und so dürfen Pfannkuchen auf der Karte nicht fehlen, die auf der hübschen Terrasse serviert werden. An dem Lokal starten übrigens auch die Niers-Paddeltouren, die von Pont bei Geldern über Wetten, Kevelaer, Wissen, Weeze und Goch bis nach Kessel führen und besonders im Sommer eine schöne Unternehmung sind.

Wir wollen weiter und durchwandern eine Postkartenlandschaft mit Pappeln und Kopfweiden und erreichen schließlich Weeze mit seinem Schloss Hertefeld, "Deutschlands einzige bewohnbare Schlossruine", so die Eigenwerbung. Es ist ein Top-Hotel mit ungewöhnlichen Arrangements wie "Oblomows Müßiggang". Ideengeber dafür war der gleichnamige Held des Romans des russischen Schriftstellers Iwan Alexandrowitsch Gontscharow (1812-1891). Oblomows Lebensmittelpunkt war der Diwan, der Schlafrock sein bevorzugtes Kleidungsstück und Nichtstun seine Philosophie. Wer das unter Erholung versteht, liegt bei Graf und Gräfin zu Eulenburg richtig. Und für den kurzen Besuch auf der Wanderung sei die anekdotenreiche Schlossführung durch den Hausherrn höchstpersönlich empfohlen.

In unmittelbarer Nachbarschaft zum Schloss zeigt der Tierpark Weeze im Schatten alter Kastanienbäume bedrohte landwirtschaftliche Nutztiere wie das rote westfälische Höhenvieh und die weiße deutsche Edelziege. Und edel geht es weiter. Auch Schloss Wissen, seit 16 Generationen im Besitz der Familie von Loë, ist heute ein Schlosshotel, in dem die Zimmer keine Nummern, sondern Namen haben. Beispielsweise "Prinzessinnenturm" mit Blick auf den Schlosspark. "Wissen, das müssen Sie wissen, das ist Musik, die Freude macht", lobte Hanns Dieter Hüsch einst die beliebten Musikveranstaltungen im Park.

Weiter führt uns der Jakobsweg nach Kevelaer. Wir haben längst aufgehört, die Reiher, die wir gesehen haben, zu zählen. Nicht gesehen haben wir Rotauge, Schmerle und Bitterling, einige der 30 Fischarten, die sich in der einst so stark verschmutzten Niers wieder tummeln.

Und dann kommt Kevelaer. Schon von Weitem ist der 90 Meter hohe Westturm der Basilika zu sehen. Hier endet unsere erste Etappe. Morgen wollen wir weiter bis Straelen. Zeit also, uns im hübschen Örtchen umzusehen, das jährlich fast eine Million Marienpilger lockt. Der Kapellenplatz mit Gnadenkapelle, Marienbasilika, Kerzen- und Beichtkapelle sind Zeugen der 300-jährigen Wallfahrtsgeschichte. Genauso wie die Gastronomie, die seit Jahrhunderten im Dienste der Pilgerfahrt ihr Geschäft macht.

Am nächsten Morgen starten wir an der Basilika. Vorbei am Marienpark geht es über flaches Land nach Twisteden. Wir passieren den Nierskanal, der um 1770 angelegt wurde, um den Unterlauf der Niers vom Hochwasser zu entlasten. Über Lüllingen und das Spargeldorf Walbeck (Schloss Hotel Walbeck, Waldfreibad Walbeck liegen am Weg) gelangen wir schließlich nach Straelen. Felder, so weit das Auge reicht. Alles im grünen Bereich! Gemüse wird hier angebaut, der Spargel ist bekannt und Gewächshäuser sprenkeln die Landschaft. Welch ein Kontrastprogramm zur ersten Etappe. Wir wandern durch das größte geschlossene Gartenbaugebiet Europas. Und im Frühling und Sommer wachsen hier die Blumen auf den Feldern. Nelken, Tausendschön, Freilandrosen und Eriken - blühende Landschaften.

Für manchen Wanderer mag der Weg durch die Agrarlandschaft eintönig erscheinen. Für uns ist es der Höhepunkt. Und schon der eingangs zitierte Laotse wusste, dass die Monotonie eine heilsame Wirkung auf Geist und Seele haben kann. So beschließen meine Frau und ich nach zwei Tagen unseren Weg mit einem letzten Schritt. Entschleunigt, zufrieden und um viele Naturerlebnisse reicher.

Quelle: RP
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