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Grönland
Kapitän Hansens Gespür für Eisberge
Gletscher, Stürme und Eisberge. Eine Seefahrt entlang von Grönlands Küste ist rau, aber sie ist schön. Von Ulrich Willenberg

Kapitän Arnvid Hansen liebt Eisberge. "Das sind Kunstwerke der Natur", schwärmt der Norweger. Der 57-Jährige war oft an den Polen unterwegs und hat unzählige Eisberge gesehen. Doch noch immer kann er sich nicht sattsehen an den Giganten, die von Gletschern abbrechen und Monate brauchen, bis sie im Meer auftauen. Der Kapitän des norwegischen Kreuzfahrtschiffes "MS Fram" ist je nach Jahreszeit im Südpolarmeer und vor der Küste Grönlands unterwegs.

"Eisberge faszinieren mich", sagt Hansen und deutet auf einen 100 Meter hohen Koloss, der an dem Schiff vorbeitreibt. Sonnenstrahlen fallen durch eine kreisförmige Öffnung in der Mitte des schwimmenden Riesen. Der Kapitän greift seine Kamera und macht Fotos für seine Sammlung.

Die Seereise führt an der Westküste Grönlands entlang bis hinunter an die Südspitze. Auf der fast unbewohnten Ostseite der größten Insel der Erde fährt das Schiff der Reederei Hurtigruten dann 1000 Kilometer in Richtung Nordpol. Viele Passagiere haben es sich an Deck bequem gemacht. Eine Gruppe von Buckelwalen zieht vorbei und stößt meterhohe Wasserfontänen aus. Seevögel begleiten das Schiff und machen Jagd auf Fische.

Am Morgen legt die "Fram" im Hafen der Hauptstadt Nuuk an, wo fast ein Drittel aller 50 000 Grönländer lebt. Wunderschön ist der alte Stadtkern mit den Holzhäusern aus der dänischen Kolonialzeit. Es gibt vier Buslinien und erstaunlich viele Autos. Weit kommt man jedoch nicht, Überlandstraßen sind in Grönland unbekannt.

Am übernächsten Tag erreicht die "Fram" das Dorf Qassiarsuk im Südwesten der Insel. Es ist ein historischer Flecken Erde. Dort begann 985 die Besiedelung durch Erik den Roten. Heute wohnen in dem Ort 40 Menschen, die von der Schafzucht und dem Kartoffelanbau leben. "Die Bauern ernten allein 70 Tonnen Kartoffeln im Jahr", erzählt Johannes Müller. Es ist ein seltener Name in Grönland.

Temperaturen von über 20 Grad sind im Sommer im Süden Grönlands keine Seltenheit mehr. "Es ist wärmer geworden", sagt die Lehrerin Ellen K. Frederiksen, die 13 Kinder unterrichtet. "Der Fjord war früher von Ende Oktober bis April zugefroren. Wir konnten dann mit dem Auto über das Eis fahren. Doch im letzten Winter blieb der Fjord offen."

Vor der rauen Ostküste Grönlands gerät die "Fram" am nächsten Tag in einen Sturm der Stärke 7. Kaum ein Passagier traut sich an Deck des Schiffes, das sich durch die aufgewühlte See in Richtung Nordpol kämpft. Immer wieder hebt sich der Bug und schlägt dann krachend im Wellental auf. Im Restaurant schwappt die Suppe aus den Tellern, seekranke Touristen schwanken wie betrunken über die Flure und flüchten in die Kabinen. "Das ist wie Achterbahnfahren", freut sich dagegen das grönländische Besatzungsmitglied Janus Kleist.

Am nächsten Morgen hat sich der Sturm gelegt. Das Schiff ankert vor einem Geisterdorf auf der Insel Skjoldungen. Bis 1964 führten dort Jäger und Fischer ein hartes, aber selbstbestimmtes Leben. Doch dann löste die dänische Regierung kleine Dörfer auf und verpflanzte die Bewohner in Städte wie Nuuk, wo sie in Wohnblocks kaserniert wurden. Ihrer Lebensweise beraubt, suchten viele Grönlander Trost im Alkoholrausch. Auf Skjoldungen verfallen nun die Holzhäuschen und niemand pflegt das Grab eines Kindes. Nachdenklich verlassen die Touristen den traurig-schönen Ort.

Auf offener See treiben nun haushohe Eisberge der "Fram" entgegen. "Im Eis zu Navigieren ist der Höhepunkt", sagt Kapitän Hansen. Vor allem nachts erfordert es äußerste Konzentration. "Die Kaffeemaschine ist dann das wichtigste Gerät", sagt Hansen.

Nach einer Woche erreicht die "Fram" den Hafen von Tasiilaq. Der vielleicht schönste Ort Grönlands sieht mit verstreuten bunten Holzhäuschen aus wie ein Zwergendorf. Für grönländische Verhältnisse ist die 1900 Menschen zählende Gemeinde eine Großstadt.

Der "Nachbarort" Ittoqqortoormiit liegt 800 Kilometer Luftlinie entfernt. Am Nachmittag verlässt das Schiff Tasiilaq und erreicht am nächsten Morgen Island. Kapitän Hansen hat nach vier Wochen Dienst einen Monat frei. Seine nächste Tour ist schon geplant. Sie führt in die Antarktis am anderen Ende der Welt. Dann kommen neue Fotos für Hansens "Eisbergarchiv" hinzu.

Quelle: RP
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