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Äthiopien
Königreich der verschollenen Bundeslade

Axum. Kaum ein Ort in Afrika hat weltweit die Fantasie von Forschern so beflügelt wie Axum. Selbst Indiana Jones suchte schon nach dem "verlorenen Schatz". Von Carola Frentzen

Die Zeit scheint stillzustehen. Bauern bestellen barfuß und mit altertümlichen Ochsenkarren ihre ausgedörrten Felder, es riecht nach trockener Erde und Ziegenmist. Dann pilgern Dutzende Gläubige in weißen Gewändern an Kamelen vorbei zum mittäglichen Gottesdienst in eine orthodoxe Kirche. Als am Ende einer langen mit Kopfstein gepflasterten Straße riesige Stelen am Horizont auftauchen, ist der Zeitsprung perfekt.

Die heute eher unscheinbare Stadt im Hochland im Norden Äthiopiens hat eine bedeutende Vergangenheit, ihr Name weckt bei Forschern, Archäologen und Weltreisenden Fantasien von religiösen Mysterien und geheimnisvollen Bauwerken: Axum. Die Gemeinde mit ihren 70.000 Einwohnern gehört traditionell zur "historischen Route", die Äthiopien-Besucher auch in die Königsstadt Gondar und zu den Felsenkirchen von Lalibela führt.

Erst wer sich auf die Magie des Ortes einlässt und hier eine Nacht verbringt - vielleicht als Teilnehmer einer religiösen Prozession noch vor Sonnenaufgang - versteht die geradezu biblische Aura Axums. Denn hier soll der Legende nach einer der größten Schätze der Menschheit aufbewahrt werden: die Bundeslade mit den Zehn Geboten, die Moses von Gott erhalten haben soll.

Menelik, der Sohn der Königin Makeda von Saba und des Königs Salomon, soll die wertvolle Truhe einst aus Jerusalem mitgebracht haben. Makeda wird im alten Testament erwähnt, sie soll wunderschön und sehr reich gewesen sein. "Gott hat diesen Ort auserwählt. Axum ist eine heilige Stadt", erklärt der örtliche Diakon Zemikael Brhane.

Bewacht wird die Bundeslade von einem einzigen Mönch, der sich ihrem Schutz auf Lebenszeit widmet. Derzeit heißt er Abba Gebre Meskel, ist 57 Jahre alt und lebt seit 30 Jahren auf dem Gelände der kleinen Kapelle, in der die Lade angeblich liegt. Sie steht bei der Kirche der Heiligen Maria von Zion. "Manche Touristen warten stundenlang, nur um einen Blick auf ihn zu erhaschen", sagt der Geschichtsexperte und Reiseführer Ephrem Brhane. Weil die Kapelle nicht betreten werden darf, kann niemand die angebliche Bundeslade sehen - sie ist ohnehin mit einem Tuch abgedeckt.

Zehn Autominuten außerhalb der Stadt liegt Experten zufolge Makedas Palast - oder was davon übrig ist. Hamburger Wissenschaftler hatten die vorchristliche Anlage 2010 wiederentdeckt. Heute können Besucher den Palast von einer Plattform aus bewundern und anschließend durch die Überbleibsel der Räume spazieren. Gut ist noch der Grundriss zu erkennen. "Es wurden Münzen mit dem Bild der Königin und Tonwaren gefunden, die darauf hindeuten, dass die Königin wirklich hier gelebt hat", sagt Brhane.

Vor dem Palast sind Zwerghirse-Felder auszumachen. Mittendrin ragen mehrere freistehende Pfeiler aus Granit auf. Einer - größer und massiver als die anderen - ist eingestürzt und liegt wie ein verwundeter Riese auf der trockenen Erde. Es ist vermutlich der Grabstein von Makeda. Das Stelenfeld aus dem alten aksumitischen Reich ist eines der Mysterien der Erde. Die größte Stele, die 33,5 Meter hoch war und 520 Tonnen wog, ist schon vor langer Zeit umgestürzt. Die zweitgrößte hat eine bewegtere Geschichte: Sie war 1937 unter italienischer Besatzung im Auftrag von Benito Mussolini mit einem Schiff nach Rom gebracht worden. Es scherte den Diktator nicht, dass die mit Hieroglyphen bedeckte Säule als Nationalsymbol Äthiopiens gilt - 65 Jahre zierte sie einen Platz im Zentrum Roms in der Nähe des Zirkus Maximus.

Erst 2005 wurde sie in russischen Antonov-Maschinen - zerlegt in drei massive Blöcke - zurück nach Axum gebracht. Die 30 Meter hohe Stele wieder an ihrem Originalstandort zu sehen, erfüllt die Äthiopier mit Stolz. Sie ist ein unauslöschliches Zeichen für die großartige Historie des Landes am Horn von Afrika.

Quelle: RP
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