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Lugano
Lalala im Kursaal

In Lugano startete der Grand Prix Eurovision de la Chanson (heute Eurovision Song Contest) vor 60 Jahren als kleiner, artiger Sängerwettstreit. Heute punktet die größte Stadt der Süd-Schweiz mit sonnigem Dolce-Vita-Klima am See. Von Stephan Brünjes

Rosa Mina Schärer aus Rupperswil im Kanton Aargau steht auf dem Schlauch. Sie singt nur noch lalala, weiß ihren Text nicht mehr. Halb vor Schreck, halb vor Freude, denn die Schweizerin - Künstlername Lys Assia - hat soeben den ersten Grand Prix Eurovision de la Chanson gewonnen und soll den Siegertitel "Refrain" erneut darbieten. Da steht sie nun, am 24. Mai 1956, adrett im langen Abendkleid, wie festgenagelt hinterm Standmikro. Aus gutem Grund - Tanzschritte sind 1956 bei der Premiere namens "Gran Premio Eurovisione della Canzone Europea" verpönt. Dafür gibt's einen Chor, das 24-köpfige Orchester in weißen Anzügen und einen Moderator namens Lohengrin Filipello. Kaum ist der letzte Ton des dann doch halbwegs zu Ende gesungenen Siegertitels verklungen, da windet sich ein Bubi in kurzen Hosen von hinten um Lys Assia herum und überreicht ihr brav einen Blumenstrauß.

Die wackeligen Amateuraufnahmen von Assias Auftritt wurden erst 2005 im Archiv entdeckt. Das noch junge Schweizer Fernsehen hatte zwar live gesendet, aber nichts aufgezeichnet. Die örtliche Zeitung "Südschweiz" berichtete 1956 lediglich in einer Kurzmeldung über diesen Wettbewerb, der erfunden worden war, um das neue Medium Fernsehen bekannter zu machen. Zehn Länder sollten antreten, aber Österreich, Großbritannien und Dänemark verschwitzten die Anmeldung. Dermaßen holprig startete die weltweit größte Musikshow, die am heutigen Samstag in Stockholm zum 60. Mal stattfindet und erst seit 2002 in Deutschland Eurovision Song Contest heißt. Damals schaute fast keiner zu: Im Saal war kein Publikum geladen, in den Wohnzimmern kam die Premiere nicht an - gerade mal zwei Prozent aller Haushalte hatten 1956 ein TV-Gerät.

Nur der Schauplatz war damals wie heute erstklassig: Das barock verspielte "Teatro Kursaal" - inzwischen einem Casino-Neubau gewichen - lag direkt am Ufer des smaragdgrünen Luganer Sees. Besucher schlendern durch den damals wie heute liebevoll mit bunten Blumenbeeten verzierten Parco Ciani, bleiben am völlig funktionslosen, schmiedeeisernen Tor stehen, das die Gebrüder Ciani nur hinstellen ließen, weil´s gut aussieht beim Blick über den See auf den Monte San Salvatore, einen grün bewaldeten, 912 Meter hohen Zuckerhut-Berg. Lugano umarmt sein Seeufer förmlich, und wer an dieser Promenade oder beim Bummel durchs Gassengewirr der Altstadt die grauen Betonklötze der 60er und 70er Jahre ausblendet, der sieht ein besenreines Eidgenossen-Städtchen mit temperamentvollem Bella-Italia-Touch: Palmen, knatternde Vespas und aufgeregt gestikulierende Ragazzi.

In Luganos von Arkaden gesäumter Shoppingmeile Via Nassa nehmen die meisten Modeläden für ihre ohnehin schon hochpreisigen Kollektionen offenbar einen happigen Tessin-Aufschlag. 1956 war es noch erschwinglich - beim Edelschneider Fumagalli ließen sich Teilnehmer kurz vor ihrem Auftritt neu einkleiden, erinnert sich Marco Blaser, damals junger Radioreporter.

Statt eines eintägigen Grand Prix unter Ausschluss der Öffentlichkeit wie damals gibt es nun jährlich im Juli das einmonatige "Longlake-Festival" mit 200 Events aus Klassik und Comedy, Kino, Lesungen und Pop - Eintritt frei. Die Schauplätze sind über die ganze Stadt verteilt. Inzwischen bei Longlake eingemeindet ist das traditionsreiche "Estival Jazz", bei dem seit 1979 Weltstars wie Miles Davis, B.B. King oder Ray Charles spielten - immer im "Salon" der Stadt. So nennen die Luganer ihre Piazza della Riforma mit Rathaus, Obstständen und pastellfarbenen Café-Fassaden.

Doch die Tessin-Metropole bietet nicht nur den See und ihre Altstadt als Blickfang, sondern auch viele eingemeindete Dörfer drumherum: Gandria, der stille, ehemalige Fischerort mit wunderschönen Olivenhainen, klebt förmlich an den Felsen, ist am besten per Ausflugsdampfer erreichbar und dann zu Fuß zu erkunden. Hoch nach Brè auf den gleichnamigen Berg hingegen ruckelt eine gut hundert Jahre alte Standseilbahn. Das Dorf selbst, vom Gassenpflaster bis unter die Dachfirste komplett aus Felssteinen gebaut, ist gespickt mit Kunstwerken: Malereien an Wänden, rostige Figuren auf Sockeln und rätselhafte Skulpturen - mehr als 20 Künstler haben Brè so eine ganz besondere Note gegeben.

Quelle: RP
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