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Deutschlandreise
Mit Tempo 90 über Langeoogs Strände

Fotos: Weißer Sand und Rosen auf Langeoog
Fotos: Weißer Sand und Rosen auf Langeoog FOTO: dpa, Hilke Segbers
Langeoog. Die "Deutschlandreise" führt heute zu den ostfriesischen Inseln. Auf Langeoog trainiert der Strandsegler Helge Bents seit 30 Jahren immer hart am Wind. Doch die Inselgruppe hat noch mehr zu bieten als Sonne, Meer und Dünen. Von Knut Diers

Das kleine Gerät am Armband zeigt zwei große Ziffern: 90. So schnell schießt Helge Bents jetzt mit seinem selbstgebauten Strandsegler über den festen Sandboden vor der Brandung in den Wind. Die fünfeinhalb Quadratmeter Segelfläche, die an seiner Nasenspitze beginnen und sich zum Himmel recken, liefern den Schub. "Wahnsinnig wieder heute", sagt sich der 44-Jährige erfreut. Er mag die Geschwindigkeit, die Kraft des Windes und seinen spielerischen Umgang damit. "Ich war schon mit elf Jahren das erste Mal Strandsegeln", sagt er später, "da nahm mich mein Onkel mit, und dann bauten wir uns unseren eigenen Strandsegler - aus einem alten Bettgestell mit Schubkarrenrädern."

Bents heutiges Gefährt sieht anders aus: eine flache Wanne, etwa 30 Zentimeter hoch und blau-rot lackiert, ein kleines Rad an einer langen Stange vorn, lenkbar per Fußpedal, hinten zwei schräg stehende, rote Tellerreifen an zwei angewinkelten Achsen, und oben ein 2,5 Meter hoher Mast mit Segel. "Das bauen wir hier am Vereinsschuppen alles selbst", beschreibt der Bootsbaumeister einen Teil der Arbeit des Vereins, den er 1984 selbst mit ins Leben rief - den Strandsegler Club Langeoog.

Ein wenig ähnelt der schnelle Helge jetzt einer Mischung aus Easy Rider und Batman auf Rädern. "Die Geschwindigkeit ist schon irre, und du liegst nur 30 Zentimeter über dem Boden", beschreibt er seine Art von Glück. Der Strandsegler-Verein, einer der wenigen in Deutschland, hat etwa 40 Mitglieder. Die Hälfte davon ist aktiv dabei. Sie fahren zum Training am liebsten auf die dänische Insel Rømø. "Da kannst du sieben oder acht Stunden auf riesigen, festen Sandflächen fahren", schwärmt Helge. "Ideal." Er schmunzelt und holt noch den Schrauber aus der Werkstatt "An den Bauhöfen" in Langeoog. Anders als in Deutschland ist auf der dänischen Insel auch das Auto am Strand erlaubt. Parken, ausladen, losfahren. Die Dänen sind neben den Franzosen die großen Strandsegler. Auch an der Küste des Ärmelkanals war Bents schon unterwegs. Doch die Europameisterschaft lief in St.-Peter-Ording. "Da sind wir natürlich auch gern mit dabei."

Zur Vorsicht werden dort aber die Segler von Autos zur Startposition am Strand gezogen. Sie dürfen nicht selbst fahren. Meist wird 45 Minuten lang in Runden gefahren und die Anzahl gezählt. An den Wendemarken stehen die Zuschauer und rufen begeistert. Das 50 bis 60 Kilogramm schwere Gefährt muss dann gewendet werden - mit dem Segel und dem kleinen Vorderrad.

Helge Bents trainiert am Strand von Langeoog. "Wir haben höchstens drei Stunden zwischen Ebbe und Flut", verdeutlicht er das schmale Zeitfenster zum Üben. "Manchmal haben wir um 7 Uhr Niedrigwasser, dann geht's halt los", fügt er hinzu und beklagt, dass so wenig junge Leute Spaß an dem Hobby haben. "Vielleicht liegt es an diesen Uhrzeiten", vermutet er oder am kalten Wasser im Winter. "Wenn ich durch einen Priel fahre, klar, dann läuft mir das Wasser in meine Wanne und spritzt hoch", erläutert Bents.

Doch die nur vom Wind und vom eigenen Geschick abhängige Schnelligkeit macht alles wett. Pfeilschnell ziehen die Dreiräder ihre Bahnen, und das oft doppelt so schnell wie der Wind. Bents fängt an, das physikalisch zu erklären und meint dann kurz: "Wer Strandsegeln macht, sollte erst den Segelschein haben, dann ist vieles einfacher." Für das schnelle Hobby ist ein Pilotenschein des Deutschen Seglerverbandes vorgeschrieben. Reaktionsschnell muss man schon sein, denn eine Bremse hat das Gefährt nicht. "Umkippen ist schlecht, dann ist das Gerät meist verbeult", warnt Bents.

Landsegeln hat Tradition: Schon die Ägypter nutzten solche Karren mit Segel in der Wüste zum Transport. In Europa wurden um 1600 die ersten vierrädrigen Nutzsegelwagen eingesetzt. "Seit den 1960er Jahren praktizieren wir das hier auf den Inseln", bestätigt Bents, der jetzt seinen Strandsegler säubert und liebevoll auf den Karbonrumpf klopft. "Für die Bereifung nehme ich Mountainbikemäntel", erläutert er ein Detail seiner Arbeit, "da wird das Profil heruntergeschliffen, eine Sauarbeit". Die 26-Zoll-Reifen sind glatt, was sich beim Anfassen auch so anfühlt. Die großen, roten Felgen hat sich der Bootsbaumeister selbst angefertigt und lackiert. "Alles Hand- und Maßarbeit", sagt er stolz und bringt sie wieder in die Vereinswerkstatt.

Zwischen 6000 und 10 000 Euro kostet ein wettkampffähiges Gefährt. Es ist also kein ganz preiswertes Hobby. "Doch wir haben einiges vorrätig im Verein, wer will, kann sofort anfangen", wirbt Bents für neue Mitglieder. Zweimal war er schon Deutscher Meister, der Verein 1999 Europameister. Und bei der nächsten Weltmeisterschaft ist er schon angemeldet. Ob er wieder gewinnt? Die Antwort kennt nur der Wind.

Quelle: RP
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