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Es gibt viele Spuren deutscher Einwanderer
Auf Country Roads durch West Virginia
Charleston (rpo). Nur wenige hundert Meilen von den großen Metropolen Philadelphia, Miami oder New York bietet sich dem Besucher ein völlig anderes Bild: Dichte Wälder und hohe Berge gibt es in West Virginia zu sehen, in dem Bundesstaat, der durch einen Countrysong weltberühmt wurde.

Dichte Wälder bedecken die Berge der Blue Ridge Mountains. Sogar Schwarzbären sollen sich hier herumtreiben. In sattem Grün leuchten Rhododendron-Büsche in allen Schattierungen der Farbe rot. Die Dörfer und kleinen Städte am Shenandoah River wirken mit ihren klassischen Häusern, die zum Teil noch aus der Zeit vor dem amerikanischen Bürgerkrieg stammen, etwas verschlafen.

Die Gegend liegt irgendwie mittendrin auf dem Weg von Nord nach Süd oder umgekehrt und ist touristisch ein unbekanntes Stück Amerika. Der Country-Star John Denver hat diesen Durchgangsstraßen mit einem Welthit ein Denkmal gesetzt: Die von ihm besungenen "Country Roads" führen durch den amerikanischen Bundesstaat West Virginia und bescherten ihm den Beinamen "almost heaven" – beinahe wie im Himmel.

West Virginia ist in den USA einmalig durch seine Geschichte. Am 20. Juni 1862 wurde die Region – zuvor Teil des Staates Virginia - zum 35. Staat der USA und ist damit der einzige, der seine Existenz dem amerikanischen Bürgerkrieg verdankt.

Da die Bevölkerung im westlichen Teil des Staates Virginia davon überzeugt war, dass sie wegen einer ungleichen Besteuerung, mangelhafter Repräsentanz in der US-Legislative und bei der Verteilung öffentlicher Aufträge benachteiligt wurde, wuchs ihr Bestreben nach eigener Verwaltung.

Außerdem war der westliche Teil Virginias seit Beginn des Bürgerkriegs gegen die Abtrennung der Konföderierten Staaten und kämpfte auf Seiten der Union. Daher bekam die Region bereits im Jahr 1861 eine eigene Regierung, die als "Wiederhergestellte Regierung" in die Geschichte einging.

Am 13. Mai 1862 beantragte die Territorialregierung offiziell, ihr einen eigenen Bundesstaat zuzuweisen, Präsident Lincoln unterschrieb am 31. Dezember 1862 das entsprechende Gesetz und am 20. April 1863 – noch heute als "West Virginia Day" gefeiert - verkündete Lincoln eine Proklamation, durch die West Virginia offiziell zum Bundesstaat wurde. An die bewegende Bürgerkriegsgeschichte erinnern in West Virginia verschiedene historische Routen wie der Civil War Discovery Trail.

Besucher aus Deutschland könnten in West Virginia unverhofft auf Namensvettern treffen, denn hier leben viele Leute, die Schultz, Schroder oder Heintz heißen. Bereits seit der Zeit der ersten Besiedlung hat West Virginia enge Beziehungen zu Deutschland. Dass der deutsche Einfluss noch immer stark ist, belegt das Ergebnis der letzten Volkszählung in den USA, als die größte ethnische Gruppe im Staat als "deutschen Ursprungs" identifiziert wurde.

Ort namens Mecklenburg

Die Deutschen waren unter den ersten Siedlern in der Appalachen-Region. Die meisten von ihnen kamen zusammen mit schottischen und irischen Einwanderern im 18. und 19. Jahrhundert von Pennsylvania nach West Virginia. 1732 gründeten deutsche Siedler einen Ort namens Mecklenburg, der heute jedoch als Shepherdstown bekannt ist. Zahlreiche deutsche Einflüsse findet man vor allem in der bergigen Gegend der Potomac Mountains und entlang der Ebene von Dolly Sods, wobei allgemein angenommen wird, das deren Name von der Familie Dahle abgeleitet wurde, die diesen Landstrich einst bewohnte.

Deutsche Nachfahren leben auch im Panhandle, dem nördlichsten Zipfel von West Virginia. Hier hatten sich die Einwanderer in Orten wie Marshall, Tyler, Wetzel und Wood vor allem als hervorragende Handwerker in der Glas- und Metallbearbeitung einen Namen gemacht.

Bei der Gründung des Staates war der Einfluss der deutschen Einwanderer sogar so groß, dass die erste Verfassung von West Virginia 1863 in deutsch und englisch verfasst wurde. Die ersten Tageszeitungen des Staates erschienen zweisprachig oder hatten zumindest deutschsprachige Teile.

Eine wichtige Rolle spielten Deutsche beim Kampf um bessere Arbeitsbedingungen und in der Gewerkschaftsbewegung im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem in den Kohleminen. Noch heute begehen die Bewohner West Virginias viele Feiertage und kulturelle Feste in traditioneller deutscher Art. So werden zum Beispiel Weihnachten und Erntedank nach deutschem Brauchtum zelebriert. Außerdem gibt es eine große Anzahl von Gesangsvereinen, die sich regelmäßig bei so genannten "Sanger Fests" – zum Beispiel in Wheeling und Parkersburg - treffen. Deutsch gesprochen wird jedoch nur sehr selten.

Tolle Campingmöglichkeiten

Neben der Geschichte ist es aber in erster Linie die von John Denver besungene landschaftliche Schönheit West Virginias, die Besucher anzieht. 75 Prozent der Fläche bedecken dichte Wälder, in denen es tolle Camping-Möglichkeiten gibt, überall locken Anbieter mit Wanderungen in unberührter Natur, aber auch mit Abenteuer-Sportarten wie Wildwasser-Rafting, Mountainbike-Touren und Felsklettern. Alljährlich rauschen etwa 250.000 Abenteuerlustige in Kanus oder Schlauchbooten die Flüsse New, Gaulley, Cheat, Shenandoah und Tygart auf insgesamt 320 Kilometern Wildwasser-Strecken hinunter.

In spektakulärer Farbenpracht präsentieren sich die Wälder während der Laubfärbung im amerikanischen "Indian Summer". Zu dieser Zeit, wenn die Wälder wegen der leuchtend roten und gelben Blätter der Ahornbäume in Flammen zu stehen scheinen, zieht es tausende Städter hinaus in die Natur. Als beste Zeit dafür gelten die zweite September- und die erste Oktoberhälfte.

Und im Winter ist West Virginia der beste Platz für Alpinski und Langlauf östlich der Rocky Mountains. Ideale Bedingungen mit langen Wintern, Tiefschnee und einer großen Anzahl von Skigebieten und Liften bieten vor allem die Allegheny Mountains. Grund genug also, um die "Country Roads" auf dem Weg von Nord nach Süd oder umgekehrt einmal zu verlassen und West Virginias versteckte Schönheiten zu entdecken.

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