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Wasserwände können 30 Meter hoch werden
Monsterwellen sind kein Seemannsgarn

Monsterwelle trifft "Louis Majesty"
Monsterwelle trifft "Louis Majesty" FOTO: AP
Hamburg (RPO). Zwei Menschen starben, als ein Kreuzfahrtschiff am Mittwoch von einer Riesenwelle erfasst wurde. Geschichten über sogenannte Monsterwellen galten lange Zeit als Seemannsgarn. Mittlerweile steht fest: Wie aus dem Nichts auftauchende, riesige Wasserberge gibt es tatsächlich. Selbst im Mittelmeer, wie die Passagiere der "Louis Majesty" erfahren mussten. 

Derartige Vorfälle sind weit häufiger als ursprünglich gedacht. 1995 erwischten die bei Seeleuten gefürchteten Wasserwände das weltberühmte Kreuzfahrtschiff "Queen Elizabeth II". Im Februar 2001 traf es den deutschen Luxus-Liner "Bremen" im Südatlantik. Das schwer beschädigte Schiff trieb zwei Stunden manövrierunfähig auf See, es gab mehrere Verletzte. Auch rätselhafte Schifffahrtskatastrophen wie der Untergang des riesigen, rund 260 Meter langen deutschen Frachters "München", der 1978 plötzlich im Atlantik verschwand und dessen Schicksal die Welt bewegte, werden auf Monsterwellen zurückgeführt.

Von Monsterwellen sprechen Experten immer dann, wenn eine Welle die Höhe des normalen Seegangs rundherum um mindestens das doppelte übersteigt. Im Fall der "Louis Majesty" auf dem relativ ruhigen Mittelmeer sollen sie etwa acht Meter hoch gewesen sein. Nach Expertenangaben können sich die Wasserwände jedoch bis zu 30 Metern und mehr auftürmen - was in etwa der Höhe eines Hauses mit bis zu zehn Stockwerken entspricht. Die Riesenwelle, die die "Bremen" traf, war laut Besatzung rund 35 Meter hoch, sagt Wellenforscher Wolfgang Rosenthal vom Gauss-Institut an der Fachhochule Bremen, dass sich mit der Sicherheit im Seeverkehr befasst.

Wie und warum derartige Monsterwellen ohne erkennbaren Anlass entstehen, ist trotz intensiver Forschung mit modernsten Mitteln wie Satelliten bislang noch nicht restlos geklärt. In einigen Fällen spielten anscheinend Meereströmungen eine Rolle, erzählt Rosenthal. Wo diese besonders stark sind - etwa im atlantischen Golfstrom oder am Kap der Guten Hoffnung an der Südspitze Afrikas - können sie den Seegang unter bestimmten Bedingungen teils extrem auftürmen.

Andere Riesenwellen entstehen offenbar rein zufällig durch hochkomplizierte physikalische Überlagerungsprozesse, etwa wenn mehrere normale Wellen einander überholen und in ihrer Kraft summieren, wie Forscher am Institut für Schiffs- und Meerestechnik an der Technischen Universität (TU) Berlin herausfanden. Für einige Typen der Meeresmonster - darunter die sogenannten drei Schwestern, bei denen immer ein Trio aus dicht aufeinanderfolgenden Wellen auftritt - gibt es laut Rosenthal überhaupt noch keine wirklich befriedigende Erklärung.

Wasserberge vor allem im Atlantik

Im Gegensatz zu anderen Gewässern gilt das Mittelmeer unter Experten nicht als besonders riesenwellengefährdet. Bekannt für Monsterwellen ist vielmehr der Atlantik. Auswertungen von Satellitenbildern ergaben laut Rosenthal, dass sich im südlichen Teil des Ozeans statistisch betrachtet bis zu drei "Kaventsmänner" am Tag bilden können. Monsterwellen gibt es nach Angaben des Experten auch in der Nordsee. Sie treten dort im Schnitt alle drei bis fünf Jahre auf.

Als Naturphänomen wirklich ernst genommen werden Monsterwellen dabei erst seit 1995. Zwar berichteten Seeleute schon seit Jahrhunderten von gewaltigen Brechern, die wie aus dem Nichts auftauchten und Schiffe in die Tiefe reißen können. Meeresforscher aber glaubten die Geschichten nie. Ein Umdenken setzte erst ein, als vor etwa 15 Jahren ein Messgerät auf einer Ölbohrinsel in der Nordsee zufällig eine Wasserwand von 26,5 Metern Höhe registrierte. Es war der erste objektive Beweis für die Existenz von Monsterwellen.

(AFP/mais)
 
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