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Karneval
Rio de Janeiro: Der Weltsehnsuchtsort

Rio-Karneval 2005
Rio-Karneval 2005 FOTO: AP
Rio (RP). Man hätte es wissen können: "Furiosa" stand über der Truppe zu lesen. Und dann bricht die Hölle los. Die Truppe, das ist ein 80-Mann-Orchester aus allerlei Schlagzeugern. Ihre Musik? Ein Vulkan wirkt depressiv daneben. Natürlich hat ein Europäer irgendwas mit Samba im Kopf, wenn er nach Rio de Janeiro kommt, aber darauf ist man dann doch nicht vorbereitet: wie Rhythmus zum Naturereignis wird. Von Jens Voss

Der riesige Saal ist immer noch so einladend wie eine Lagerhalle, doch die 2000 Gäste tanzen, wippen, drehen sich - eine Walpurgisnacht, nur dass nichts Teuflisches dabei ist. Es geht um Lebenslust, die sich mit physischer Wucht mitteilt. Das Knie gibt's nicht, das hier ruhig bleibt.

Die öffentliche Probe der Sambaschule Salgueiro ist eine Mischung aus Training und Riesensause für Einheimische wie für Touristen. Die Tanzgruppen präsentieren sich vor Publikum und üben für den Wettbewerb der Sambaschulen im Sambodrom - jener mythischen, 1700 Meter langen, von Tribünen gesäumten Prachtmeile des Karnevals, von wo aus alljährlich Fotos atemberaubender Tänzerinnen um die Welt gehen.

Wahr ist, dass die Samba-Schulen in den Favelas, den Armenvierteln von Rio, zu Hause sind; unwahr ist das Klischee, dass die Armen gegen alle Vernunft ihr letztes Geld für ein bisschen Spaß am Rosenmontag ausgeben. Der Karneval ist ein Wirtschaftsfaktor. Die (von der Stadt bezuschussten) Samba-Schulen bringen Geld samt vielen kleinen Jobs in die Favelas und leisten Sozialarbeit: vermitteln Stolz, holen viele von der Straße. Rio ist voll von mythischen Orten, und das macht einen Besuch leicht und schwer zugleich. Ständig erkennt man etwas wieder - um zu entdecken, dass man es erst entdecken muss. Die Copacabana zum Beispiel: ein Weltsehnsuchtsort, fünf Kilometer Hoffnung auf die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Die Stadt im Hintergrund ist Heimat für sechs Millionen registrierte und rund vier Millionen nicht registrierte Einwohner; es gibt atemberaubend moderne Architektur neben Plattenbau-Tristesse; es gibt koloniale Herrlichkeit neben Verfall; es gibt Arm neben Reich; es gibt 600 Favelas aus halbfertigen Ziegelbauten neben Nobelvierteln mit vergitterten Marmorfluren. In Rio, heißt es sarkastisch, sterben die Armen vor Hunger und die Reichen vor Angst.

Die Wahrheit liegt in der Mitte. Auf dem Weg durch die Stadt trifft man überall Cariocas (so der Spitzname der Einwohner von Rio) auf der Suche nach dem kleinen Geschäft: Drei Jungen, die bei Rot an der Kreuzung blitzschnell eine Pyramide bilden und dann bei den wartenden Autos rasch ein paar Real Künstlerlohn erbeten; Leute, die Wasserflaschen verkaufen oder Tücher, Schlappen, Taschen, Nüsse, Kappen. Und abends sieht man Dosensammler die Beute des Tages aufschichten.

Die Copacabana scheint all die Hektik der Menschenwelt zu besänftigen; hier scheint die Stadt zu sich selbst zu kommen, und übrig bleibt die Lässigkeit des Strandlebens: voller Müßiggang, Flirts, Eitelkeit, Nichtstun. Wer hier beschleunigt, spielt Volleyball. Und wer am Meer steht und zurückblickt, stellt überrascht fest, dass die Stadt plötzlich sehr weit weg ist.

Es ist ein Hotel, das der Copacabana einen Platz im Weltgedächtnis bescherte: das Copacabana Palace. 1923 eröffnet, wurde es in den 40er und 50er Jahren zum Treffpunkt der Schönen, Reichen und Berühmten - Hollywood feierte dort seine besten Feten. Für den Schriftsteller Stefan Zweig wurde der Strand auch zum politischen Hoffnungsbild: Zweig, der vor dem Judenhass der Nazis geflohen war, sah in Brasilien "ein Land der Zukunft", erklärte Rio zur "schönsten Stadt der Welt" und schwärmte: "Alles ist vehement."

Die prachtvolle Fassade des Copacabana Palace sticht heute heraus aus der Front gesichtsloser Schuhkartons mit Fenstern, die rechts und links aufgereiht stehen. Die nostalgische Eleganz dieses Hotels zieht nach wie vor die Wohlhabenden der Welt an (Zimmer ab 330 Dollar) - und ist damit eine Jobmaschine: 480 Leute sind dort beschäftigt.

Die oft gepriesene Schönheit Rios gründet vor allem in der Mischung aus Natur und Stadt. Die (makellos sauberen) Strände, das makellose Blau des Atlantiks, die licht wirkenden Straßenschluchten werden gesäumt vom Grün tropischer Natur und überragt von Felsen, die so aussehen, als hätte ein Geschlecht von Riesen mit Förmchen gespielt und nachher nicht aufgeräumt. Am berühmtesten: der Zuckerhut. Noch so ein Weltsehnsuchtsort: 400 Meter hoch, 500 Millionen Jahre alt. So mächtig er ist, so sehr mutet er - rund, wie er ist - freundlich an; ein Stein gewordenes Versprechen, dass dieser Berg nichts Böses will und nur ruht: ein braver Pfeiler der Welt. Freundlich auch sein brasilianischer Name: "Pão de Açúcar", Zuckerbrot. Die Anmutung von Freundlichkeit gilt erst recht für den anderen Berühmten Rios, den 704 Meter hohen Corcovado mit der Christus-Statue. Zunächst sollte dort ein riesiges Kruzifix stehen, doch die Menschen wollten nicht im Schatten eines Schmerzensbildes leben. Der Kompromiss wurde Rios Wahrzeichen: ein 38 Meter hoher Erlöser-Christus, der die Arme zum Segen ausbreitet. Die Leiden des Gekreuzigten sind als Erinnerung präsent: in der Kreuzform und in den Wundmalen an den Händen.

Zu Füßen der Figur herrscht eine Mischung aus kichernder Heiterkeit beim Fotografieren (liegend, damit acht Mann und die Figur komplett aufs Bild gehen) und Staunen über den Anblick der Stadt, die sich tief unten ans Meer und zwischen die Felsen schmiegt. Obwohl man diese Figur von 1000 Bildern kennt: Schon nach kurzer Zeit sucht man bei den Streifzügen durch die Stadt unwillkürlich den Blick nach oben zu jener Segensgeste; etwas Ehrfurcht inbegriffen.

So ist es immer in Rio: Heiterkeit und Härte liegen dicht nebeneinander. Wie beim Samba, der von der Not des Überlebens ebenso erzählt wie von der Lust am Leben.

(Rheinische Post)
 
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