| 16.56 Uhr

Korsika zu Fuß
Unterwegs auf einsamen Hirtenpfaden

Die raue Schönheit Korsikas
Die raue Schönheit Korsikas FOTO: Atout France/ Herve Le Gac
Corte (RPO). Kurz vor dem ersten Pass fallen dicke Tropfen auf die verschwitzten Gesichter. Nach Stunden des Wanderns genießen wir die Erfrischung, keiner greift zum Regencape. Schließlich ist es Sommer, und wir sind auf Korsika. Doch Bergführer Olivier mahnt zur Eile.

Kurz darauf wissen wir warum: Ein heftiger Guss erwischt uns, erbsengroße Eiskügelchen prasseln herab. Wie eine Prozession buckliger Mönche ziehen wir weiter, die Rucksäcke unter flatternden Umhängen verborgen. Im Hochgebirge Korsikas sind Wanderer selbst im Hochsommer nie vor solchen Überraschungen sicher.

Die bergige Insel ist ein Paradies für Wanderer. Hier kann man durch duftende Kiefernwälder streifen, alpine Gipfel erklettern und dazwischen auf das Mittelmeer hinausblicken. Bekannt ist vor allem der Grande Randonnée 20, der spektakulärste und anspruchsvollste der französischen Fernwanderwege. Daneben gibt es wunderschöne alte Hirtenpfade und Höhenwege entlang der Küste. Olivier will uns beides zeigen.

Steinmännchen weisen den Weg

Es ist früh in der Saison, auf den ersten Etappen des GR 20 liegt noch zu viel Schnee. Deshalb stoßen wir auf Umwegen auf den legendären Wanderweg, dessen Verlauf über 180 Kilometer rot-weiße Streifen und Steinmännchen anzeigen. Tagelang hatten wir auf den alten Hirtenpfaden kaum einen anderen Wanderer getroffen, nun kämpfen wir mit Gegenverkehr, Blockierern und Überholern. "Das ist ja wie auf dem Pariser Autobahnring", stöhnt eine Frau aus der Hauptstadt.

Am Morgen laufen wir durch einen Kiefernwald, in dem die Sonnenflecken tanzen. Je höher wir kommen, desto krüppeliger werden die Nadelbäume, bis sie von Wacholderbüschen abgelöst werden, die an den Waden kitzeln. Über allem liegt der Duft der Macchia, des korsischen Buschwaldes: Es duftet würzig nach Thymian, Kiefernharz und Lavendel, nach großen Ferien und Abenteuer. Kurz vor dem Col des Maures erreichen wir die ersten Schneefelder und gönnen uns kreischend eine sommerliche Schneeballschlacht.

Obwohl wir nur wenige Kilometer zurücklegen, ändert sich die Landschaft jeden Tag. Vom Col de Vergio steigen wir einen Pass empor, auf dem die Buchen vom Wind so mitgenommen sind, dass sie nach einer kühnen Biegung fast parallel zum Boden wachsen.

In der Berghütte Vaccaghia probieren wir den handgemachten Ziegenkäse. "Er riecht wie eure Socken, aber er schmeckt wesentlich besser", sagt die Hüttenwirtin. Dass korsischer Käse streng riecht, weiß jeder Asterix-Leser. Während wir erschöpft um den Holztisch sitzen und Kastanienbier trinken, melkt der Hirte seine Ziegen.

Eisenbahn entlastet ungeübte Wanderer

Wer auf den schwierigen Mittelteil des GR 20 verzichten will, kann von Corte aus ein Stück mit der Eisenbahn fahren. Die kleine Bergbahn schlängelt sich durch zahlreiche Tunnel und transportiert heute vor allem Touristen über die Insel. In Vizzavona beginnt der einfachere Südteil des Fernwanderwegs, für den man etwa eine Woche braucht.

Allmählich haben wir unseren Rhythmus gefunden - eine Energiepause mit Trockenfrüchten und korsischen Keksen am Vormittag, Picknick und Siesta im Schatten zur Mittagszeit, großes Nudelessen auf der Hütte am Abend. Unter den GR 20-Wanderern entsteht schnell ein Gemeinschaftsgefühl: Man kennt sich, man überholt sich, man trifft sich beim Picknicken oder spätestens an der Hütte wieder.

Wanderer drängen sich in Matratzenlagern

Spätestens an der Hütte von Usciolu wird uns klar, dass der GR 20 Gefahr läuft, zum Opfer seines Erfolgs zu werden. Ein doppelstöckiges Matratzenlager bietet hier Platz für etwa 30 Wanderer. Heute schlagen manchmal mehr als 100 Wanderer ihre Zelte rund um die Hütte auf.

Unsere Tour neigt sich dem Ende zu. Hinter den Bavella-Bergen, die riesigen Türmen aus Bauklotzen ähneln, geht es in Serpentinen wieder in die Zivilisation hinab. Wir atmen noch einmal tief den Duft der sonnenwarmen Kieferwälder ein. Ein Mobiltelefon klingelt, es gibt wieder Netz. Gefehlt hat es uns nicht.

Anreise: Flughäfen gibt es in Bastia im Norden und in Ajaccio an der Westküste. Der Ausgangspunkt des GR 20 liegt in Calenzana im Nordwesten der Insel. Zur Einreise genügt der Personalausweis.

Klima und Reisezeit: Mittelmeerklima. Der GR 20 kann wegen des Schnees im Gebirge nur von Juni bis Mitte Oktober gegangen werden.

Wanderweg: Der GR 20 ist ein anspruchsvoller Fernwanderweg, der sich nur für erfahrene Wanderer eignet. Insgesamt umfasst er 200 Kilometer in 14 Etappen, die zwischen 5 und 8,5 Stunden dauern.

Unterkunft: Seit 2009 müssen Unterkünfte in den Hütten entlang des GR 20 zuvor reserviert werden. Eine Online-Reservierung soll vom Frühjahr an auf der Website www.parc-corse.org möglich sein. Schlafsäcke sind mitzubringen. Da es nur wenige Plätze gibt, entscheiden sich viele Wanderer für das Zelten.

Preise: Auf den Wanderhütten gibt es Essen. Die Preise sind wegen der aufwendigen Logistik deutlich höher als im Supermarkt.

(tmn/qui)
 
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