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Oktoberfest in München
Das Bier-Kartell der Wiesn

Fotos: "Ozapft is" - So startete das Oktoberfest 2016
Fotos: "Ozapft is" - So startete das Oktoberfest 2016 FOTO: dpa, kne htf
München. Sechs Münchener Großbrauereien teilen das Oktoberfest unter sich auf, andere Bewerber bleiben ausgesperrt. So sieht es die Betriebsordnung vor. Dabei würde mehr Wettbewerb zu größerer Vielfalt und sinkenden Preisen führen. Von Patrick Guyton

Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hat für einen perfekten Anstich gesorgt. Nur zwei Schläge brauchte er auf seiner dritten Wiesn in München zum Anzapfen des ersten Fasses. Reiter ist Rekordhalter: Sein Vorgänger Christian Ude - der erste, der es überhaupt mit zwei Schlägen schaffte - brauchte dafür viele Jahre.

Der Anstich auf dem Oktoberfest ist stets der Auftakt, und dann fließt das Bier wieder in Strömen. In diesem Jahr dauerte es drei Stunden, bis die erste "Bierleiche" medizinisch versorgt werden musste. 7,4 Millionen Maß Bier wurden 2015 getrunken, die Zahl für dieses Jahr dürfte ähnlich hoch sein. Den Biermarkt teilen sich sechs Münchner Großbrauereien mit ihren Oktoberfest-Bieren. Die Stadt München lässt als Veranstalter niemand anderen rein, wenngleich es in Bayern nach Meinung vieler Kenner teils deutlich bessere Brauereien gibt.

In den Betriebsvorschriften für das Oktoberfest hat die Stadt München vermerkt, dass nur Bier "der leistungsfähigen und bewährten Münchner Traditionsbrauereien" ausgeschenkt werden darf. Dabei nennt sie sogar explizit die Namen der sechs Unternehmen.

Einer hat dagegen jahrzehntelang rebelliert: Luitpold Prinz von Bayern, ein Nachfahre von König Ludwig I., dem Gründer des Oktoberfestes im Jahr 1810. Luitpold hat selbst eine Brauerei - die "König Ludwig Schlossbrauerei Kaltenberg", bekannt vor allem für ihr Weißbier. Ein ums andere Jahr bewarb sich der Adlige fürs Oktoberfest und wurde stets abgelehnt, da sein Bier nicht in München gebraut wird.

Stars: Kevin Spacy, Lena Gercke und Co. auf dem Oktoberfest FOTO: dpa, hoe sab pil

Also machte Prinz Luitpold das Angebot, den Gerstensaft in einer mobilen Brauerei in München herzustellen. Auch das wurde abgelehnt - denn das sei dann kein traditionsreicher Betrieb. Er wollte Mitglied im "Verein Münchner Brauereien" werden, um auf das Oktoberfest zu kommen. Dieser teilte ihm mit, dass das Unternehmen dafür von 1870 bis 1970 Bier gebraut haben muss. Für ihn sei das ein "closed shop", wie er in einem Interview sagte - ein geschlossener Laden, in den niemand hineinkomme.

Doch wie münchnerisch ist das Oktoberfestbier? Und wie traditionell sind die Brauereien? Tatsächlich haben alle sechs Brauereien ihre Produktionsanlagen im Stadtgebiet. Hofbräu wie auch das Hofbräuhaus gehören dem Freistaat Bayern. Augustiner ist mehrheitlich im Besitz einer Münchner Stiftung. Bei Paulaner und Hacker-Pschorr hat die Münchner Gruppe Schörghuber das Sagen - ein Mega-Unternehmen, das vor allem in der Bau- und Immobilienbranche aktiv ist. Zudem ist bei Paulaner und Hacker-Pschorr eine internationale Brau-Holding mit von der Partie, hinter der auch der niederländische Heineken-Konzern steckt. Löwenbräu und Spaten wiederum sind in den weltgrößten Brauerei-Konzern "Anheuser-Busch InBev" eingegliedert. Vier von sechs Wiesn-Brauereien gehören also großen Unternehmensgruppen. Prinz Luitpold wiederum hat selbst seine Unabhängigkeit aufgegeben, die Brauerei Kaltenberg ist Mitglied der Warsteiner Gruppe. Für andere wäre das Oktoberfest sehr interessant, etwa Schneider-Weiße oder das als trendig geltende Tegernseer.

Der Bier-Club der großen Sechs hat auch zur Folge, dass die Wiesn-Maß bei allen praktisch gleich schmeckt. Es ist ein helles Bier mit verhältnismäßig hohem Alkoholgehalt von um die sechs Prozent. Ein Test von Bier-Sommeliers ergab, dass einzig das Hacker-Pschorr erkennbar anders ist, nämlich dunkler und mit einem malzigeren Geschmack. Auch beim Preis gleichen sich die Zeltbetreiber und die sie beliefernden Brauereien an: In diesem Jahr kostet die Maß je nach Zelt zwischen 10,40 und 10,70 Euro - im Schnitt 30 Cent mehr als im Vorjahr. Eine Brauerei-Öffnung würde, so meinte jedenfalls Prinz Luitpold, die Konkurrenz beleben und auch die Preise deutlich sinken lassen. Auf anderen Volksfesten im Umland kostet die Maß bis zu drei Euro weniger als auf der Wiesn.

Dass auf dem Oktoberfest sowieso getrickst und gemauschelt wird, dass sich die Bierbänke biegen, ist eine der beliebtesten und am häufigsten vorgetragenen Meinungen in München. Vom Oberbürgermeister Dieter Reiter und dem Stadtrat werden keine Vorstöße wahrgenommen, um dies zu ändern. Ein Bierzelt, so die Vermutung, ist die Lizenz zum Gelddrucken. Wer diese erhält, das entscheidet ein nicht-öffentlich tagendes Stadtrats-Gremium. Über ihren Oktoberfest-Gewinn machen Wirte keine Angaben. Die Stadt veröffentlicht auch nicht, wie hoch die Standgebühr der Zelt-Betreiber ist. Wiesn-Experten vermuten aber, dass für eines der Großzelte zwischen 160.000 und 190.000 Euro im Jahr fällig sein dürften. Das gilt als nicht gerade viel.

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