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Großmarkt Rungis
Im Bauch von Paris

Rungis: Im Bauch von Paris
Der Super-Markt: In Rungis gibt es allein neun Hallen für Gemüse, sieben für Fleisch sowie fünf für Milch und Käse. FOTO: dpa
Paris. Der größte Großmarkt weltweit steht in Rungis vor den Toren von Paris. Selbst Köchen bleibt angesichts der Vielfalt der Mund offenstehen. Der Jahresumsatz liegt bei mehr als sieben Milliarden Euro. Von Christine Longin

Großmarkt Rungis um sechs Uhr morgens: Hunderte Kühllaster kreuzen im Dunkeln über das mehr als 200 Hektar große Gelände vor den Toren von Paris und entladen ihre Waren in einer der gut 40 Hallen. Einkäufer fahren mit ihren kleinen Transportern vor, um sich Kisten mit Obst oder Paletten mit Käse auf ihre Sackkarren zu laden. Nicht umsonst wird Rungis auch der Bauch von Paris genannt. Und der hat seit einigen Monaten auch eine "grüne" Abteilung: Halle D6, in der nur Bio-Produkte verkauft werden. In Europas größtem Bio-Großmarkt finden Ladenbesitzer oder Restaurants auf 5600 Quadratmetern alles, was sie brauchen: Quinoa aus biologischem Anbau, Joghurt aus Sojamilch oder saftige Bio-Melonen in Kisten gestapelt.

Aber Rungis ist mehr: Es gibt neun Hallen für Gemüse, sieben für Fleisch, fünf für Milch und Käse, eine für Fisch und Meeresfrüchte sowie weitere Hallen für Blumen - in dem Großmarkt, rund 13 Kilometer südlich vom Stadtzentrum gelegen, ist wohl jedes Lebensmittel der Welt zu finden. Seine Fläche ist größer als der Staat Monaco. Mehr als 30.000 Menschen kommen täglich, es gibt einen eigenen Güterbahnhof. Großen Chefkochs soll angesichts der Fülle und der Qualität schon der Mund offengestanden haben, und einer soll gesagt haben: "Wenn Du Priester bist, willst Du den Vatikan besuchen. Wenn Du Chefkoch bist, willst Du hierher kommen." Bis 1969 war der Großmarkt in der Stadt ansässig, doch dann wollte und musste er wachsen. Und das ging nur auf der grünen Wiese in der Île de France. Der Jahresumsatz liegt jenseits von sieben Milliarden Euro. Es ist ein Markt der Superlative, der mit Innereien handelt, mit Meeres- und exotischen Früchten und diese innerhalb von 48 Stunden in die Welt liefern kann.

100.000 Flaschen Bio-Wein

"Bio ist nicht nur für die modernen Großstädter, sondern für jedermann", sagte Präsident François Hollande bei der Einweihung im Mai. Eine graue Plakette direkt gegenüber von Gilles Valerianis Verkaufsfläche erinnert an den denkwürdigen Tag. Der Endfünfziger mit dem sorgfältig gestutzten grauen Bart bot dem Staatschef damals zu früher Stunde auch einen seiner Bio-Weine an, von denen er reichlich Auswahl hat, denn seine Firma Parigovino verfügt mit 100.000 Flaschen über den größten Bio-Weinkeller Frankreichs. In dem Weinland ist der Rebensaft aus biologischem Anbau stark gefragt. "Wir verzeichnen ein Wachstum von 17 Prozent pro Jahr", sagt der Generaldirektor von Parigovino. Das liegt vor allem an den Unkrautvernichtungsmitteln, die die konventionellen französischen Winzer einsetzen.

"Das ganze Gift landet im Wein", warnt Valeriani. Vor allem junge Gastwirte seien deshalb auf der Suche nach guten Bio-Weinen. "Die junge Generation nimmt die Umweltprobleme bewusster wahr." Schon um sechs Uhr morgens kommen die Kunden, um am Tresen in der hinteren Ecke seiner Verkaufsfläche Wein, Champagner oder Cognac aus biologischem Anbau zu probieren. In Rungis beginnt alles früh - auch die Verkostung. Der Großhändler Pronatura ganz am anderen Ende der Halle lässt die Kunden ebenfalls das Obst und Gemüse testen, bevor sie es kistenweise auf ihren Karren wegfahren. "Ich komme hierher, um die Produkte zu kosten. Das ist der Vorteil von Rungis: dass man mit eigenen Augen sehen kann, ob die Ware frisch ist", sagt Bertrand Bouchinet, der einen Bioladen in Versailles betreibt und bis zu viermal pro Woche nach Rungis fährt, um seine Regale aufzufüllen.

12.000 Angestellte

Bio-Lebensmittel sind auch in Frankreich ein Erfolgsmodell. In den Großstädten eröffnen ständig neue Läden wie Naturalia, Bio c'bon oder Biocoop. Der Umsatz von Bio-Produkten wächst trotz wirtschaftlich schwierigen Zeiten laut der Agence Bio jedes Jahr um zehn Prozent. Die Bio-Anbaufläche verdoppelte sich innerhalb von zwölf Jahren auf mehr als 1,3 Millionen Hektar 2015. Zum Vergleich: In Deutschland waren es im vergangenen Jahr knapp 1,1 Millionen Hektar.

Mehr als 60 Bio-Anbieter gibt es in den anderen Hallen des weltgrößten Großmarktes mit seinen insgesamt 1200 Großhändlern und 12.000 Angestellten. Die Biohalle hat aber auch ein Problem: Die Einkäufer nehmen das Angebot nur zögerlich an. "Die Händler haben seit Jahren ihre Stamm-Adressen irgendwo anders auf dem Gelände und ändern ihre Gewohnheiten nur schwer", sagt Yann Berson, Chef der Bio-Feinkostfirma Dispéré. Seine Familie ist seit 1978 mit konventionellen Fleischprodukten in Rungis fest etabliert und versucht sich seit einigen Monaten zusätzlich dazu auf dem Bio-Markt. Als Kenner von Rungis ist der dynamische Unternehmer optimistisch, was die neue Halle angeht: "Wir wachsen von Woche zu Woche."

Quelle: RP
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