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Städtereisen
Jerusalem - Stadt des Krieges und der Versöhnung

Israel: Städte und Sehenswürdigkeiten
Israel: Städte und Sehenswürdigkeiten FOTO: Shutterstock.com/ Oleg Zaslavsky
Jerusalem. Kaum eine Stadt wurde in ihrer Geschichte so oft zerstört und wieder aufgebaut wie Jerusalem. Touristen bietet die geschichtsträchtige Stadt eine Atmosphäre zwischen Altertum und Moderne sowie zahlreiche Sehenswürdigkeiten.  Von Lena Lange

Dort, wo sonst Frauen in weiten Kleidern bitterlich schluchzen, wehklagen oder still auf einem Plastikstuhl sitzend auf den weißen Sandstein starren und beten, wo die Menschen ihre Zettel in die Nischen des Mauerwerks stecken und auf die Erfüllung ihrer Wünsche hoffen, herrscht an einem Abend der Woche ausgelassene Lebensfreude. Freitagabends, am Sabbat, ist an der westlichen Mauer des Tempelbergs, der Klagemauer, alles anders. Dann wird gefeiert.

Eine weiße Taube beobachtet von einem Vorsprung in der Sandsteinmauer das Spektakel unten: Hunderte Mädchen singen, klatschen und tanzen in großen Reigen, ihre langen Röcke schwingen bei jeder Bewegung mit. Nebenan, im abgetrennten Männer-Bereich, geht es noch etwas turbulenter zu, es wird getrommelt, ein zappelnder Rabbi in die Höhe geworfen und wieder aufgefangen, während die Menge jubelt und lacht.

Neben den Touristen in kurzen Hosen, den ultraorthodoxen Juden, die auch bei fast 30 Grad auf ihre schwarzen Fellhüte nicht verzichten mögen, und den vielen Wehrdienstleistenden kommen jüdische Jugendliche aus der ganzen Welt zusammen, um ihren Glauben zu feiern. Und um nebenbei das Ursprungsland ihrer Religion zu entdecken. Das Einwanderungsland Israel finanziert jüdischen College-Kindern diese Erlebnisreisen zwischen Klassenfahrt, Party-Urlaub und Identitätssuche - in der Hoffnung, dass einige irgendwann zurückkehren und ihre Staatsbürgerschaft gegen die israelische eintauschen. Es sind gerade diese Freitagabende, die mit ihrer einzigartigen Stimmung unter Beweis stellen, dass auch in der seit Jahrtausenden umkämpften Heiligen Stadt Lebenslust und Aufbruchswillen zu finden sind.

Seit der Staatsgründung vor fast 70 Jahren konnte das kleine Land, das in der Fläche nur halb so groß ist wie Niedersachsen, seine Bevölkerung auf sieben Millionen Einwohner vervielfachen. Jana Marcus-Natanova kam vor 20 Jahren nach Israel, nachdem sie lange in Tschechien, England und in der Schweiz gelebt hatte. "Ich wollte endlich als Jüdin frei leben, ohne mich dafür andauernd entschuldigen oder rechtfertigen zu müssen." Seit ihrer Pensionierung führt die energische kleine Frau deutsche Touristen durch die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. "Es ist nicht einfach für mich, aber die Führungen sind wichtig", sagt sie mit Nachdruck. Unbedingt will sie an die Opfer erinnern, an ihre Namen, Schicksale und Gesichter.

Viele Juden retteten sich zur Zeit des Zweiten Weltkriegs auch nach Jerusalem, inzwischen sind drei Viertel der Einwohner jüdisch. Sie teilen sich die Heilige Stadt mit Moslems und gerade mal zwei Prozent Christen. Im Alltag leben die Gruppen friedlich zusammen, dennoch ist es eine Gemengelage, die Konfliktpotenzial birgt. An zentralen Plätzen patrouillieren Soldaten mit Maschinengewehren, um die verletzliche Sicherheit aufrechtzuerhalten. Nur 50 Kilometer sind es bis zum umkämpften Gaza-Streifen. Für die Menschen gehört die Nähe zum Krisengebiet zum Alltag. "Das ist Israel", sagt Amoz Baron, der als Reiseleiter Gruppen durchs Land führt. Verdrängen und Vergeben seien schon immer zentrale Eigenschaften der Bewohner Jerusalems gewesen.

Kaum eine andere Stadt wurde in ihrer Geschichte so oft zerstört und wieder aufgebaut. Juden, Römer, Araber, Kreuzritter, Osmanen - sie alle hinterließen ihre Spuren und Geschichten. In der Altstadt werden sie lebendig: wenn der eingedrückte Stein zu sehen ist, an dem Jesus bei seiner Kreuzigung einen Handabdruck hinterlassen haben soll; wenn Gruppen von Pilgern mit mannshohen Holzkreuzen die Stationen der Via Dolorosa abschreiten; wenn Kinder in feinen Anzügen sich gegenseitig beim Raufen vor der Hurva-Synagoge die Kippa vom Kopf schlagen und hastig wieder zurechtrücken; oder wenn man durch die dunklen unterirdischen Laubengänge läuft, in denen man an manchen Ausgrabungsstellen stufenweise in die geschichtlichen Tiefen der Stadt hinabsteigen kann. 20 Treppenstufen tiefer ist man 2000 Jahre in der Zeit zurück. Denn immer wieder wurde auf den Überresten der zuletzt zerstörten Stadt eine neue errichtet.

Auf kleinstem Raum, gerademal einem Quadratkilometer, teilen sich in der Jerusalemer Altstadt Juden, Moslems, Armenier und Christen ihre heiligen Orte, wenngleich in eigenen Vierteln. Vom ältesten jüdischen Friedhof der Welt aus genießt man einen Postkartenblick auf den Tempelberg mit dem Felsendom, der al-Aqsa-Moschee, der Synagoge und der Grabeskirche, die von sechs verschiedenen christlichen Gruppen beansprucht wird, die ganz genau festgelegt haben, wer wo wie lange beten darf.

Aus der Ferne betrachtet wird deutlich, wie sehr alles in der ehemals geteilten Stadt miteinander verwoben ist: die verschiedenen Viertel, Gedenkstätten, Religionen, Kulturen. Wie kein anderer Ort steht diese Stadt für Krieg und Versöhnung. Dort kann man Geschichte atmen, Vergangenheit erleben, die Gegenwart verstehen und für die Zukunft hoffen.

Die Redaktion wurde vom Ministerium für Tourismus des Staates Israel zu dieser Reise eingeladen.

Quelle: RP
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