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Kultur
In St. Petersburg wird der Alltag zur Kunst

St. Petersburg: Stadt der Paläste
St. Petersburg: Stadt der Paläste FOTO: shutterstock/ Brian Kinney
Im Café Zifferblatt ist alles frei, außer die Zeit. Diese verbringt man mit Muße in Räumen mit alternativer Kunst. Von Sigrid Mölck-Del Giudice

St. Petersburg ist mehr als Eremitage und klassische Kultur. Die sogenannten Loft Projects gehören allerdings nicht zu den Adressen, auf die ein Tourist von alleine stoßen würde. Meist sind es ausgediente, unauffällige Lagerräume oder Fabrikgebäude, die seit Ende der 90er Jahre als multikulturelle Kunststätten dienen.

Das unscheinbare Schild am Haustor einer ehemaligen Brotfabrik im Ligowski Prospekt lässt kaum vermuten, dass sich hinter den grauen Mauern einer der beliebtesten Begegnungspunkte der Stadt verbirgt: 3000 Quadratmeter auf fünf Etagen mit innovativen Ausstellungsräumen, alternativen Boutiquen, Cafés und einem stets ausgebuchten, kostengünstigen Hostel mit 50 Zimmern. Vieles wurde im Stil der Minimalart renoviert. Anderes bewusst so gelassen, wie es einmal war. In den ramponierten Treppenhäusern hängen Poster mit Marilyn Monroe im Tschador und Charly Brown-Plakate mit Nonsens-Werbung nebeneinander.

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Das Café Zifferblatt im obersten Stockwerk sieht eher wie ein betagtes Wohnzimmer aus als wie ein Café. Die Besucher machen es sich zwischen Schnickschnack aus alten Zeiten und Dostojewki-Romanen auf Sofas und Schaukelstühlen gemütlich. Auf jedem Tisch steht eine Uhr wie vom Trö- delmarkt. Denn im Zifferblatt geht es nicht um Konsum, sondern ums Verweilen ohne Stress. Man bezahlt für die Zeit, die man bleibt. Dafür kann man sich nach Herzenslust mit Kaffee, verschiedenen Tees und Keksen selbst bedienen. Am Tresen neben dem Eingang wird dem Gast ein Wecker überreicht und notiert, wann er angekommen ist. Wenn er wieder geht, wird abgerechnet. Zwei Rubel - etwa zwei Cent - kostet die Minute.

Mit der von Iwan Mitin stammenden Idee, gewissermaßen auf Zeit den Teil eines Raumes zu mieten, wollte der 30-jährige Moskauer im Ursprung für die vom Großstadtchaos gestressten Bewohner der russischen Kapitale eine Oase der Ruhe schaffen. Eine Art Anti-Café, wo man sich mit Freunden treffen und Karten oder Schach spielen kann - und sogar kochen darf. Inzwischen wurde das neuzeitliche Bezahlmodell nicht nur in Moskau und St. Petersburg, sondern auch in London vermarktet.

Im Art-Salon, im Hof eines kommunalen Miethauses am Newski Prospekt, St. Petersburgs Renommiermeile, werden Räume für Events oder Kurse stundenweise, halb- oder ganztags vermietet. Der mit Holz verschlagene und mit Zitaten von Puschkin tapezierte Fahrstuhl ruckt und klappert beängstigend. Der junge Besitzer führt stolz durch die ehemalige Wohnung, die eine andere Welt offenbart: blau und türkisfarben gestrichene Wände mit Theaterkostümen und satirischen Zeichnungen. Tische voller Brettspiele, Bücher und Zeitschriften. Eine Gruppe exzentrischer junger Leute feiert feucht-fröhlich Geburtstag. Im Raum nebenan, mit einer Minimalbühne für Konzerte, lernen Teenies Tango. Eine Fotoausstellung wird vorbereitet. In St. Petersburg geht in der Kunstszene viel vor sich, erzählt Bibliothekarin Viktoria Tschertovskaja.

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Dazu gehört inzwischen auch die Straßenfotografie. Junge Künstler ziehen mit ihrer Digitalkamera durch die Stadt und halten Momente und Alltagssituationen fest. Sie klettern auf Dächer und Mauern, um einen Platz, eine Kuppel oder ein Happening zu fotografieren. Da werden trostlose Höfe im Morgenlicht oder Schornsteine, die sich wie Skulpturen vom rosaroten Himmel abheben, plötzlich zu aussagekräftigen Kunstobjekten - und damit der Alltag zur Kunst, erzählt Tschertovskaja.

Den Alltag erhob auch Victor Tsoi, Undergroundmusiker und Kopf der 1981 gegründeten Wave-Pop-Band "Kino", eine der bedeutendsten Bands in der Perestroika-Ära, zur Kunst. Seine Texte stärkten bei der Jugend den Willen zur Veränderung und durften zeitweilig nicht im Radio gespielt werden. Tsois Songs, die heute zu den Klassikern des Russki-Rock gehören, machten den früh bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Musiker und Poeten zur einer Kultfigur, um die nach 25 Jahren noch immer getrauert wird. Am Newski Prospekt schreiben seine Fans auf eine Gedenktafel Sätze wie: "Es gibt bei uns gute Musiker, doch der einzige Held bist Du!"

Quelle: RP
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