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London
Strandgut suchen an der Themse

Mitten in London kann man Artefakte vergangener Jahrtausende entdecken. Einen Namen gibt es auch dafür: "Mudlarking", das Fluss-Pendant zum Strandgutsammeln am Meer. Von Heike Weichler

"Das Interessanteste, was wir finden werden, ist sicher eine rostige Cola-Dose", unkt Jake, als wir in Gummistiefeln die glitschigen Stufen zum Themse-Ufer hinuntersteigen. "Dann bleib' doch zu Hause und wühl' dich durch die Mülltonnen in deinem Hinterhof." Suchen und Sammeln müssen für mich mit Respekt und Inbrunst betrieben werden.

Es ist ein leicht bewölkter Tag. Genau richtig, wie unsere Führerin Gesine Garz bemerkt. Die Fundstücke, nach denen wir zwischen Geröll und Schlick Ausschau halten, sind bei diesem Licht am besten aufzuspüren. Zu starker Sonnenschein strengt die Augen an, man übersieht leicht etwas. "Konzentriert euch auf Formen, Strukturen und Farben, die sich vom Untergrund abheben", rät Garz. Seit 21 Jahren lebt sie als Goldschmiedin und Fotografin in England. Durch einen befreundeten Archäologen entdeckte sie "Mudlarking", das Stöbern im Uferschlamm nach Artefakten vergangener Zeiten. Gelegentlich nimmt sie Touristen mit.

Wir schwärmen unter der Southwark Bridge aus. Am Nordufer hat man die besten Chancen, etwas zu finden, denn hier ist die Stadt am längsten besiedelt. Über Jahrhunderte reihten sich Anleger für Handelsschiffe aneinander, dazu Handwerksbetriebe und Gasthäuser. Die Themse war nicht nur Transportweg, sondern auch Müllabfuhr. Was man loswerden wollte, kippte man in den Fluss.

Jake, der sich beim Treffen der Gruppe als Biologielehrer vorgestellt hatte, hängt sich an Sammelexpertin Garz. Streber! Ich versuche mein Glück auf eigene Faust. Schon nach wenigen Schritten im Kies sticht mir etwas ins Auge: eine blau-weiß glasierte Scherbe, auf der ich eine Blumenranke erkenne. Ich lasse meinen Blick um meine Füße schweifen. Da! Schon entdecke ich ein ähnliches Stück, diesmal mit kleinen Rauten. Und dann noch eines: Bruchstücke von viktorianischem Porzellan sind die häufigsten Fundstücke.

Auf dem Fluss herrscht reger Betrieb: Ausflugsboote pflügen vorüber, Lautsprecheransagen erschallen, doch richtig dringt nichts davon ins Bewusstsein - geradezu meditativ bin ich in die Suche vertieft.

Plötzlich schnattern Margaret und Lester, ein Rentnerpaar, ganz aufgeregt: Ihr 13-jähriger Enkel Simon hat einen Knochen aus dem Geröll gezerrt. Der Unterkiefer eines Pferdes, wie Garz sofort erkennt. "Auch verendete Tiere wurden in der Themse entsorgt" erzählt sie. Langsam bewegen wir uns voran, zuweilen auf allen vieren. Unter der Millenium Bridge ist der Strand übersät mit weißen Röhrchen und Scherben. "Das waren die Zigaretten vergangener Jahrhunderte - Tonpfeifen", erklärt Garz. "Etwa ab 1580, als der Tabak erstmals aus Amerika importiert wurde, bis 1900."

Jake hat seine Hausaufgaben gemacht: "Die wurden fertig gestopft verkauft, geraucht und dann weggeworfen." Die Zeit verfliegt. Wir finden Ziegel aus dem 16. Jahrhundert. Ruth und Lester spezialisieren sich auf grüne Keramikscherben, mit denen sie zu Hause Mosaike legen wollen. Jake zupft im Schlamm herum. Zu gerne würde er mit einem Taschenmesser nachhelfen. Aber das ist verboten. Gesammelt werden darf nur, was allein mit den Händen geborgen werden kann. Endlich zieht er etwas heraus. Wir treten neugierig näher. Irisierendes Glas, ein Flaschensiegel mit Frauenkopf und der Jahreszahl 1731. "Toller Fund", lobt Garz, "das gehörte zu einer Weinflasche. Könnte man in Silber fassen." Eine tolle Idee, denke ich.

Wieso muss Jake diesen schönen Fang machen? Der Blutdruck steigt, als ich etwas Metallisches im Wasser ausmache. Rasch über die Steine klettern. Hoppla! Ich rutsche ab, Jake packt mich am Arm. Äh, danke, Jake. Ich fische einen Messingknopf heraus. Garz wischt ihn ab: "Das Emblem der Royal Artillery, vermutlich aus dem 1. Weltkrieg." Ein Uniformknopf - immerhin.

Aus dem Augenwinkel bemerke ich Jakes Interesse. Nun, ich hätte auch lieber sein Glassiegel. Mein Neid ist beschämend. Am Treffpunkt hatte Garz über die Geschichte des Mudlarkings geplaudert. Einst suchten die Kinder der ärmsten Londoner das Flussufer ab, um Funde für ein paar Pennys zu verkaufen: Kohle, Metall, Knochen, Brennholz. Dagegen ist die heutige Sammellust purer Luxus. Beseelt vom Erlebnis stapfen wir, die Stiefel schlammverkrustet, wieder die Treppe an der Ufermauer hinauf. Jemand tippt mir auf die Schulter. "Magst du tauschen? Ich glaube, dir gefällt mein Glassiegel." Jake lächelt. Ach, Jake! Ich wusste gleich, du bist ein feiner Kerl.

Quelle: RP
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