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Gotha
Thüringens barockes Erbe

Gotha. In Gotha, Rudolstadt und Meiningen laden herrschaftliche Schlösser und diverse Museen zu einer kunstsinnigen Reise in die Vergangenheit ein. Vor allem die sagenhaften Schätze von Schloss Friedenstein beeindrucken. In Rudolstadt dominiert die Heidecksburg das Stadtbild. Von Ekkehard Eichler

Was haben Elisabeth II., Königin Beatrix, Margarethe von Dänemark, Juan Carlos von Spanien oder die Alberts von Monaco und Belgien gemeinsam? Klar: Sie tragen Kronen. Des Pudels Kern aber: Ihre Monarchien - wie übrigens auch die Kaiserhäuser von Deutschland, Russland und Österreich-Ungarn - entstammten allesamt dem Haus Sachsen-Coburg-Gotha und gehen zurück auf einen Stammvater. Sein Name: Ernst der Fromme - der legendäre "Opa von Europa".

Schon lange vor Weimar war Gotha ein gesellschaftliches Zentrum von Weltruf und Herzog Ernst sein Spiritus Rector. Der reformfreudige und kunstsinnige Herrscher errichtete ab 1643 das gewaltige frühbarocke Schloss Friedenstein und füllte es mit sagenhaften Schätzen aus aller Welt: ägyptische Altertümer und Antiken. Gemälde von Cranach, Kupferstiche von Dürer. Plastiken von Houdon, Porzellane aus Meißen. Lackarbeiten und Fächer. Holzschnitz- und Goldschmiedekunst. Kostbare Bücher und historische Dokumente.

Das Beste daran: Viele dieser einzigartigen Exponate werden heute wieder auf herausragende Weise präsentiert. In der Kunstkammer etwa, Thüringens "Grünem Gewölbe", sind sie so raffiniert in Szene gesetzt, dass sich der Blick geradezu festsaugt am Sujet. Und das ist nur ein winziger Teil des "Barocken Universums Gotha" - mit Schlossmuseum, Herzoglichem Museum, Historischem Museum, Naturmuseum, Schlosspark und Ekhof-Theater, das als ältestes Barocktheater der Welt mit noch existierender und funktionierender Bühnenmaschinerie gilt.

Als Ernst 1675 stirbt, wird das Herzogtum unter seinen sieben Söhnen aufgeteilt. Eines davon: Sachsen-Meiningen. Und auch dort sorgt - 200 Jahre später - ein außergewöhnlicher Herrscher für weltweiten Nachhall. Herzog Georg II. nämlich ist nicht nur kluger Landesvater, sondern auch leidenschaftlicher Kunstliebhaber. Als "Theaterherzog" entwickelt er ab 1866 mit seinem Hoftheater einen neuen Theaterstil, schickt sein Ensemble damit auf über 80 Gastspielreisen durch Europa und sorgt überall für Furore und Begeisterung.

Die "Meininger" werden zum Synonym für zeitgemäßes Theater. Nach ihrem Vorbild gründet sich die Royal Shakespeare Company. Ihre Spielweise inspiriert die russischen Star-Regisseure Stanislawski und Eisenstein, später auch Lee Strasberg in New York, in dessen Actor-Studio Al Pacino, Robert de Niro und Dustin Hoffman ihre Karrieren begannen.

Aus dieser glanzvollen Ära hat eine weltweit einmalige Sammlung die Zeiten überdauert: prachtvolle Kostüme, diverse Requisiten, vor allem aber etliche fantastische Bühnenbilder. Ob "Sommernachtstraum", "Wilhelm Tell" "Julius Cäsar" oder "Käthchen von Heilbronn", die monumentalen Dekorationen sind mit ihrer Tiefenräumlichkeit, Farbwirkung oder Detailtreue schlichtweg atemraubend.

Im Theatermuseum "Zauberwelt der Kulisse" wird jährlich wechselnd ein Bühnenbild mit entsprechenden Lichtstimmungen und Geräuschen effektvoll zum Leben erweckt - so lässt sich wunderbar die Faszination nachvollziehen, die Ende des 19. Jahrhunderts von den Inszenierungen der Meininger ausgegangen sein muss. Das Theater übrigens genießt bis heute einen guten Ruf und ist noch immer ein großer Magnet in der kleinen Residenzstadt an der Werra.

In Rudolstadt an der Saale dominiert wie in Gotha ein überaus imposantes Bauwerk das Stadtbild. Die Heidecksburg, bis 1918 Residenz der Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt, ist zweifellos das prachtvollste Barockschloss im Freistaat. Mit fast 250 prunkvollen Räumen - wohlgemerkt in einem thüringischen Kleckerfürstentum. Auch hier ziehen Sammlungen und Ausstellungen jährlich jede Menge Besucher in ihren Bann. Ein herausragendes Beispiel: Rokoko en miniature. Der Miniaturkosmos im Maßstab 1:50 besteht aus zwei fiktiven Königreichen mit allem Drum und Dran. Prachtvolle Schlösser nebst luxuriösem Inventar, das bis ins kleinste Detail akribisch gestaltet wurde. Jeder Parkettfußboden ist naturgetreu verlegt, jedes einzelne Gemälde stilecht ausgeführt. Selbst die winzigste Schublade in den aufwendigen Kabinettschränkchen lässt sich öffnen und ihr Innenleben - mit Lupe - erspähen.

Mit gleicher Detailversessenheit gingen die Künstler Gerhard Bätz und Manfred Kiedorf an die vielen hundert, nur drei bis vier Zentimeter hohen Figuren. Ob Prinzessinnen und Bedienstete, Hofschranzen und Hofnarren, Musikanten und Soldaten, Pferde und Jagdhunde - jedes einzelne Figürchen ist individuell gestaltet. Die pure Lust am Entdecken und Staunen - hier wird sie geweckt und ausgiebig belohnt.

Quelle: RP
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