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Hartenfels
Torgau - ein evangelisches Mekka

Auf Sachsens Burgen
Auf Sachsens Burgen FOTO: dpa, Detlef Berg
Düsseldorf. Martin Luther soll die über 1000 Jahre alte Reformationsstadt mehr als 40 Mal besucht haben. Von Cornelia Höhling

"Torgau ist immer meine Wonne gewesen." Die Lobpreisung stammt vom sächsischen Kurfürsten Johann Friedrich dem Großmütigen (1503-1554), der Torgau zur Hauptresidenz seines Landes machte - und das lange vor Dresden. Schloss Hartenfels mit dem markanten Wendelstein ist "wahrhaft kaiserlich", wie Kaiser Karl V. befand, und heute das größte erhaltene Renaissanceschloss Deutschlands. Es versetzt den Betrachter unmittelbar in ein Cranachgemälde von 1544. Und mehr noch: Hier findet er eine authentische Kulisse der Reformationszeit.

So wollen Städtetouristen, Wanderfreunde und Lutherpilger nicht nur bei der Bärendame Jette im Schlossgraben vorbeischauen. Vielmehr kommen sie nach Torgau, weil sich ihnen ein geschlossenes Stadtbild aus dem 16. Jahrhundert präsentiert, und die Altstadt wie ein Museum begehbar ist. Die Tradition der Bärenhaltung aufgreifend, die bis 1425 zurückreicht, dienen im Boden eingelassene Bärentatzen der Orientierung.

Unterwegs in den Gassen scheint einem mitunter Katharina von Bora zu begegnen, verkleidet sich doch mancher Stadtführer als "Herr Käthe", wie Luther seine Frau nannte. Torgau war die erste Station der aus dem Kloster entflohenen Nonne auf ihrem Weg in ein bürgerliches Leben. In St. Marien, einer spätgotischen Hallenkirche, ist ihr Grabstein zu finden. Auch das Haus in der Katharinenstraße, in dem Luthers Witwe 1552 starb, gehört zu den Sehenswürdigkeiten.

Staunend erfahren die Besucher, dass Martin Luther selbst über 40 Mal in Torgau weilte und sich die 50 Kilometer nordöstlich von Leipzig gelegene heute über 1000-jährige Stadt in ihrer Blütezeit zum politischen Zentrum der Reformation entwickelte. Rund 500 bauliche Einzeldenkmale aus Spätgotik und Renaissance haben alle Kriege überstanden. Wenn Wittenberg "Mutter der Reformation" genannt wird, gilt Torgau zu Recht als ihre "Amme", erklärt Katharina-Double Silvia Meinel. Schließlich habe sich bereits 1522/23 die gesamte Bevölkerung der Stadt zur Reformation bekannt.

Für Ortsfremde ist die Nikolaikirche, in der 1519 der erste Torgauer nach evangelischem Ritus getauft und ein Jahr später die erste Predigt in deutscher Sprache gehalten wurde, nicht leicht zu finden. Die Kirche, die später säkularisiert und als Gewandhaus, Kaufhaus und Gericht genutzt wurde, verbirgt sich im Innenhof des Rathauses, das am Marktplatz neben prächtigen Patrizierhäusern mit Sitznischenportalen den Reichtum der Bürgerschaft belegt. In der angrenzenden Bäckerstraße drücken sich an einem Schaufenster Kinder die Nasen platt. Kein Wunder, meint die Stadtführerin, sei es doch das älteste Spielwarengeschäft Deutschlands, seit 1685 mittlerweile in elfter Generation in Familienbesitz. Dann lenkt sie die Blicke auf den prunkvollen Erker am Trinkstubenbau, zu dem Frauen der Zutritt lange Zeit verwehrt war. Städtetourismus müsse nicht trocken sein, sagt die Stadtführerin und lädt angesichts der über 500-jährigen Brautradition ein, die original erhaltene Sudhalle mit mittelalterlichem Braukeller zu besuchen und Bier zu verkosten. Das dunkle, aromatische Torgisch Bier habe Luther einst für seine Hochzeit bestellt.

Diesen Sommer zeigt Schloss Hartenfels die erste von vier nationalen Sonderausstellungen zum Reformationsjubiläum mit mehr als 200 Kunstwerken. Dort werden die fürstliche Pracht und das Selbstverständnis der Herrscher in der Reformationszeit zwischen 1515 und 1591 erlebbar, ohne deren Unterstützung Luthers Kirchenkritik wohl kein dauerhafter Erfolg beschieden gewesen wäre. "Spätestens seit 1530 galt unsere Stadt als ,evangelisches Mekka'", sagt das Katharina-Double. Da wurde mit den "Torgauer Artikeln" das Augsburger Bekenntnis vorbereitet. "Wallfahrtsort" der Protestanten aus aller Welt sei aber die Schlosskirche. Als erster evangelischer Kirchenneubau wurde sie 1544 mit einem Festgottesdienst von Luther persönlich geweiht. Ihre Architektur zeige noch heute die Grundzüge der protestantischen Kirchenlehre.

Quelle: RP
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