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Ungewöhnliche Lebenswerke
Himmel oder Hölle?

Fotos: Thailand - Damals und heute
Fotos: Thailand - Damals und heute FOTO: dpa, sir
Düsseldorf. Ein Weißer Tempel und ein Schwarzes Haus konkurrieren im thailändischen Chiang Rai. Sie sind das Lebenswerk zweier Künstler. Von Angela Böhm

Im thailändischen Chiang Rai liegen Himmel und Hölle nur eine halbe Stunde Autofahrt voneinander entfernt. Im Süden der Stadt, neben der vierspurigen Hauptverkehrsstraße, glitzert der Weiße Tempel wie ein Paradies. Im Norden versteckt sich hinter engen, verwinkelten Wegen geheimnisvoll, als wäre es das Reich von Geistern und Dämonen, das Schwarze Haus. Zwei Gegenpole, die zum Wahrzeichen der Stadt im Goldenen Dreieck geworden sind. Erschaffen haben sie zwei exzentrische Individualisten. Beide wurden in Chiang Rai geboren. Beide bekamen den Titel "Nationalkünstler" verliehen. Der ältere, Thawan Duchanee, starb vergangenen September mit 74 Jahren. Seitdem ist sein Schwarzes Haus eine Pilgerstätte.

Idol und Inspiration sei Thawan für ihn gewesen, sagt Chalermchai Kositpipat. Der 60-Jährige ist für die Thailänder schon zu Lebzeiten ein Heiliger. Sein schneeweißer Tempel Wat Rong Khun soll der schönste Tempel der Welt werden und seinen Schöpfer unsterblich machen. "Es ist ein Werk für die Ewigkeit", erklärt er. "So wie das Taj Mahal in Indien oder Angkor Wat in Kambodscha." Ein einziges Menschenleben soll für den Bau nicht ausreichen. Kositpipat rechnet mit der Vollendung weit nach seinem Tod: "So in 60 bis 90 Jahren."

Als Besucher in Chiang Rai hat man den Eindruck, es handle sich hier um einen Wettstreit zweier Künstler in ihrer Heimatstadt. Vor 18 Jahren begann Kositpipat sein spektakuläres Gebetshaus. Außen glänzen Millionen von Spiegelmosaiken. Innen spielen sich verrückte Szenen ab: Amerikas Superman und Japans Ultraman, Osama Bin Laden und George W. Bush, Michael Jackson und Star-Wars-Figuren hat er an die Wände gemalt - Fotografieren verboten.

Segeln an Thailands Küste FOTO: dpa, zeh

Akribisch hat sich Kositpipat auf sein Lebenswerk vorbereitet. Zu allen Bauwerken, die Touristen wie ein Magnet anziehen, ist er durch die Welt gereist. Von Schloss Neuschwanstein schwärmt er als dem Stein gewordenen Traum von Bayerns Märchenkönig Ludwig. Auch der Kölner Dom habe ihn inspiriert.

Angetan hat es ihm ebenso die Sagrada Família, die einzigartige Basilika in Barcelona, die zum 100. Todestag ihres Erbauers Antoni Gaudí vollendet werden soll. Die katholische Kirche hat für Gaudí ein Seligsprechungsverfahren eingeleitet. Mit ihm fühlt sich Kositpipat auf Augenhöhe. Auch wenn man darüber streiten kann, ob er nicht eher eine Art König Ludwig von Thailand und seine Kunst mehr Kitsch ist.

Solche Zweifel betreffen Thawan Duchanee nicht. Weltweit wurde der Künstler gefeiert. Schwarz war seine Lieblingsfarbe, ein langer weißer Bart sein Markenzeichen. Ende der 1970er Jahre legte er den Grundstein für sein Projekt und nannte es Baan Dam, das Schwarze Haus, in dem er auch wohnte. Auf meterlangen Holztischen hat der Künstler angerichtet: Haut und Schädel eines ausgewachsenen Krokodils drapiert er in einer Reihe mit zwei Riesenschlangen, die übereinander liegen - eine sieben Meter langen Boa und ein ebenso großer Python. Die Stühle sind aus den wuchtigen Hörnern der Wasserbüffel geformt. Fast 40 bizarre Nebengebäude gruppieren sich um das Schwarze Haus. Sie sind gefüllt mit Möbeln aus Hörnern, tierischen Gebeinen, Phallussymbolen und Tierhäuten. Alles dreht sich um den Tod.

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"Wir nennen es Himmel und Hölle", erklärt Touristen-Führer Narin die Bipolarität von Schwarz und Weiß. Zu dem Kulturwettstreit in seiner Stadt meint er: "Die Hölle gefällt mir besser. Hier ist das wahre Leben. Alles muss sterben. Der Weiße Tempel dagegen ist nur Fantasie."

Schon 1977 hatte Hermann Graf Hatzfeldt, der größte Privatwaldbesitzer in Rheinland-Pfalz und Brandenburg, Thawan Duchanee in sein romantisches Wasserschloss Crottorf eingeladen. Vor 750 Jahren lebte dort ein Ritter: Ludwig der Schwarze. Als er auf dem Schloss angekommen sei, erzählte der Thailänder später in einem Interview, habe der Graf ihn mit den Worten begrüßt: "Du bist mein Michelangelo. Bitte vollbringe für mich Wunder an den Wänden dieses Schlosses mit deinen Händen, deinen Träumen und deiner Fantasie." Dazu habe er ihm einen Blanko-Scheck in die Hand gedrückt.

Fuchsteufelswild gestikuliert Chalermchai Kositpipat neben seinem Weißen Tempel: Weder habe er Kunstmäzene noch den Staat gebraucht. Er finanziere seinen Tempel mit einer Stiftung. Kein anderer soll neben ihm über seine Kunst herrschen. Durch die drängen sich Heerscharen. Mit einem Megafon ermahnen seine Tempelwächter jeden, der zu lange stehen bleibt: "Gehen sie weiter in den Himmel."

Im Schwarzen Haus geht es dagegen ein bisschen ruhiger zu. Schnatternde Schulklassen verlieren sich zwischen den vielen schwarzen Häuschen. Buskarawanen werden durch den langen, schmalen Zufahrtsweg ausgebremst. Am Ende siegt der Himmel doch über die Hölle - zumindest, was die Besucherzahlen angeht.

Quelle: RP
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