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Unterwegs im Land der tausend Kreuze

Sie sind aus Stein, Metall oder Holz: Den Kreuz-Symbolen kann sich im ältesten Christenstaat der Welt kein Besucher entziehen. Und seit dem Ende des Kommunismus hat das Christentum auch im armenischen Alltag wieder einen hohen Stellenwert. Von Nicole Quint

"Hängen wir uns so ein Kreuz wirklich auf die Terrasse?" Die Zweifel kommen dem Touristenpaar bereits kurz nach dem Spontankauf. Um den Preis hatten sie nicht lange gefeilscht, sich das mit vielen Schnitzereien reich verzierte Holzkreuz vom Händler noch schnell in rosa Seidenpapier schlagen lassen. Nun steckt es im Rucksack und wird einer ungewissen Zukunft entgegengetragen. Terrasse, Wohnzimmerwand oder doch eher Dachbodentruhe?

Ein Souvenir aus Armenien hatte es sein sollen, und da man im ältesten Christen-Staat der Welt dem Glauben kaum entgehen kann, fiel die konsequente Wahl eben auf ein Holzkreuz als Urlaubserinnerung. Armenier stellen Kreuze ja lieber in die Landschaft. Chatsch'khare heißen diese in Basalt-, Tuff- oder Sandsteine gehauenen Kreuz-Kunstwerke. Klein, unscheinbar und halb zerfallen manche, andere ehrfurchtsgebietend groß, mit Mustern so fein, als wären sie nicht gemeißelt, sondern gestickt oder geklöppelt. Tausendfach übersäen sie das armenische Hochland. Zusammen mit Kirchen und Klostern legen Kreuzsteine ein dichtes Geflecht übers Land.

Das Mobilfunknetz fängt Reisende noch nicht überall, dem Netz christlicher Bauwerke aber entgeht man in Armenien nicht. Gottes Botschaft ist klar zu empfangen – wieder, denn Religion bekam während 70 Jahren Sowjetherrschaft eine Zwangspause verordnet. Gebetet wurde, wenn überhaupt, eher heimlich, dafür umso mehr gespottet. Als Ventil gegen staatliche Unterdrückung entstanden die weltbekannten Radio-Jerevan-Witze über Partei, Korruption und Mangelwirtschaft im Sozialismus. Frage an Radio Jerevan: "Kann man als guter Kommunist auch ein guter Christ sein?" Antwort: "Im Prinzip ja, aber warum wollen Sie sich das Leben doppelt schwer machen?"

1991 hatte sich dieses Problem erledigt. Armenien trat aus der Sowjetunion aus und in den Kapitalismus ein. Seitdem füllen sich auch die Gotteshäuser wieder. Kirchen und Kaufhäuser sind gleichermaßen voll. Satteln wir eben um auf Kapitalismus, dachten sich die Armenier. Erst wird gebetet, dann gekauft, oder umgekehrt? Der wahrhaft gläubige Armenier kann versuchen, nach Gottes Geboten zu leben und mit einem Durchschnittslohn von 250 Euro im Monat zu überleben. Wer Karriere macht, zeigt sich anschließend barmherzig, indem er ein paar Millionen für den Bau einer Kirche spendet. Praktischer Nebeneffekt: Man setzt sich damit selbst ein Denkmal. Vom Vorplatz einer solch gespendeten Kirche schaut man direkt auf eine Ansammlung von Wellblechhütten, alle bewohnt von vier, fünf oder noch mehr Menschen.

Zwei Straßen weiter putzt Jerevan sich mit schicken Allerwelt-Cafés und Einkaufsstraßen-Einerlei für neue Zeiten heraus. Junge Frauen balancieren in Schuhen im Sprungschanzen-Format über das Pflaster, das Smartphone im Täschchen, bereit zum vollkommenen Konsum- und Kommunikationsmenschen zu mutieren.

Auf dem Land hingegen ist Armenien noch unverwechselbar. Über Straßen mit Löchern so groß und zahlreich, als wäre ein Meteoritenregen niedergegangen, fahren wir zu den Sanddornpflückern vom Sewansee, zu Frauen, die nach alter Tradition das Fladenbrot lavash noch in irdenen Öfen backen, fahren vorbei an jesidischen Schafhirten, an Aprikosenbaumtälern und an Sträuchern, an deren Zweige Hunderte Taschentücher geknotet wurden – Glück sollen sie bringen und helfen, Wünsche zu erfüllen, hauchzarte, blauweißkarierte, mit Namensinitialen bestickte Stoffe.

Ein Wunsch für Armenien: Möge es noch lange das Land der Chatsch'khare, der Kirchen und Klöster, bleiben, unattraktiv für Reisende, die Supermärkte mit Einheitssortiment, Karaoke-Bars und Wellness-Resorts benötigen. Um die Haltbarkeit dieser Taschentuch-Bitte zu überprüfen, muss man nicht einmal vor Ort sein. Achten Sie einfach auf die Zeichen der Zeit in Ihrer Umgebung. Wenn Sie bei immer mehr Nachbarn Holzkreuze auf den Terrassen entdecken, ist es vermutlich schon zu spät, einen Flug nach Jerevan zu buchen.

Quelle: RP
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