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Reise durch Japan
Unterwegs im Reich der Niedlichkeit
Japan - das Reich der Niedlichkeit
Japan - das Reich der Niedlichkeit FOTO: Thorsten Breitkopf
Tokio. "Kawaii" heißt es, wenn Japaner etwas niedlich finden. Und das lieben sie wie kein anderes Volk. Niedliche Rehe, kindlich gekleidete Frauen und Comicfiguren mit Riesenaugen begegnen den Reisenden auf Straßen, in Tempeln und putzigen Bars. Von Thorsten Breitkopf

Aus weiter Ferne betrachtet ist Japan das Land von Fortschritt und Disziplin. Bekannt ist die strenge Hierarchie der Japaner, die minutengenaue Pünktlichkeit der Schnellzüge und die Loyalität. Wer aber durch die Straßen Tokio schlendert, dem fällt etwas anderes auf: Japaner stehen auf alles, was niedlich ist. In jedem Schaufenster, auf vielen Handys und auf dutzenden Werbeplakaten prangen Comicfiguren, die uns an die Heidi-Filme der 70er Jahre erinnern.

Die Figuren dieser sogenannten "Animes" verbindet eines: riesige Augen und ein ausgeprägtes Kindchenschema. Die Mangas sind dabei nicht nur etwas für Kinder. Niedlichkeit ist Trumpf bei Japanern jeden Alters und Geschlechts. So ernten Geschäftsleute keine befremdlichen Blicke, wenn sie in der U-Bahn in einem Comic blättern, der Europäer an das "Lustige Taschenbuch" erinnert.

Dabei kann es den Japanern gar nicht niedlich genug sein. So wurde bei der weltberühmten "Hello Kitty"-Katze glatt auf den Mund verzichtet, um sie noch niedlicher zu machen. Den braucht sie auch nicht, denn sie ist nicht einer der Comic-Helden. Sie spricht nicht, sie erlebt keine Abenteuer, sie hat keine Mimik, sie ist einfach nur "kawaii". Das Wort steht wahlweise für "liebenswert", "süß", "niedlich", "kindlich" oder "attraktiv". Und dabei ist attraktiv wörtlich gemeint, denn auch junge Frauen in einem Alter, in dem sie sich in Spanien oder Italien wahlweise elegant oder sexy kleiden würden, tragen in Japan vor allem Kleidung, die sie niedlicher, kindlicher wirken lässt.

Flugzeuge können auch "kawaii" sein

Auch das Schönheitsideal ist eben "kawaii". Vor der Technik macht der Kawaii-Kult nicht halt. Die Flugzeuge des japanischen Lufthansa-Partners ANA werden schon mal mit der Comic-Figur Pikachu bemalt. Und der Superschnellzug Shinkansen, der mit mehr als 300 Stundenkilometern die großen Metropolen verbindet, bekommt ab und an Plastikohren und ein niedliches Gesicht gezeichnet. Und jede der 47 japanischen Präfekturen, was einer Provinz entspricht, hat eine niedliche Figur als Maskottchen.

Auch die historischen Tempelanlagen hat der Trend zur Niedlichkeit erobert. Ein beliebtes und lohnenswertes Reiseziel ist die Insel Miyajima, von der Millionenstadt Hiroshima nur eine knappe Stunde mit der Straßenbahn entfernt. Dort steht der Itsukushima-Schrein, eine Tempelanlage, mit einem berühmten roten Tor, das über dem Wasser zu schweben scheint. Die Anlage wird vor allem von Japanern besucht - und von niedlichen kleinen Sika-Hirschen.

Die Tiere sind etwa so groß wie die mitteleuropäischen Rehe, und sie sind handzahm. Sie scheinen die Japaner genau ins Herz getroffen zu haben. Denn man gewinnt den Eindruck, Besucher jeden Alters interessieren sich für die zwischen historischen Bauten herumtrollenden Zwerghirsche mindestens genauso wie für den Tempel. Und natürlich gehen die Japaner hier ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: Sie lassen sich mit den niedlichen Hirschen fotografieren. Dass sich die Paarhufer dabei nicht bitten lassen, sondern sich scheinbar selbst gern ins Bild mogeln, macht sie noch ein Stückchen japanischer.

Winzige Bars in der riesigen Stadt

Unfreiwillig niedlich, weil aus europäischer Sicht winzig klein sind die Bars und Restaurants in der gar nicht niedlichen Metropole Tokio, mit 34 Millionen Einwohnern inklusive Umland eine der gewaltigsten Agglomerationen der Welt. Die größte Mangelware dort ist Platz. Und wo fast niemand ein Auto hat, weil er sich keinen Parkplatz leisten kann, wo Autobahnen auf vier Etagen gebaut werden, da ist auch für Kneipen kaum Raum.

Japans Gastwirte jedoch sind wie gewohnt erfinderisch. Eine der kleinsten Kneipen Japans ist die Albatros-Bar im Tokioter Stadtteil Shinjuku. In einer verwinkelten Gasse ist die winzige Kneipe, die deutlich kleiner ist als eine Garage. Links ist die Theke, rechts sitzen maximal sechs Gäste. Platz ist für durchaus mehr Kneipenbesucher. Sie sitzen in der zweiten Etage auf dem Boden. Bedient werden sie vom Kellner von unten durch eine Luke.

Auch das traditionelle Japan wurde von der Niedlichkeit erreicht. In der Altstadt von Kyoto, der alten Kaiserstadt, sieht man Geishas und viele Japanerinnen, die die Straßen im Kimono durchwandern. Doch genauso sieht man menschengroße Hasenfiguren oder Teddybären in den Schaufenstern, die ebenso Kimono tragen.

Die Niedlichkeiten und Sehenswürdigkeiten Japans zu besuchen, ist gefahrlos und denkbar einfach, auch wenn das Land auf Europäer fremd wirkt. In den Großstädten und Hotels sprechen viele Japaner Englisch. Und wenn sie das nicht können, dann sind sie stets so freundlich, dass sie es gestenreich erklären oder einen zur Not persönlich ans Ziel bringen. Ungewohnt: Die Japaner kennen kein Trinkgeld, und wenn man doch welches gibt, rennt der Kellner einem nach, weil er glaubt, der Gast habe sich verrechnet.

Quelle: anch
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