| 08.02 Uhr

Georgien
Wandern im wilden Kaukasus

Als Ziel für Wanderer und Bergurlauber ist Georgien noch relativ unbekannt. Das ist schade. Eine Reise in den Großen Kaukasus führt durch schroffe Gebirgstäler, vorbei an einer Kirche mit Panoramablick bis hinauf ins ewige Eis des Kasbek. Von Philipp Laage

Als Prometheus in den Kaukasus kam und dort an den Berg Kasbek gekettet wurde, gab es noch keine Georgische Heerstraße. Nicht, dass Prometheus die Verkehrsverbindung gebraucht hätte. Zeus ließ den Titanen der Sage nach an einen Felsen ketten, weil dieser das Feuer aus dem Himmel gestohlen hatte. Dieses Schicksal muss kein Reisender fürchten, der sich heute auf den Weg macht in den wilden Norden Georgiens an der Grenze zu Russland.

Über die historische Georgische Heerstraße führt die Route aus der Hauptstadt Tiflis in die karge Gebirgswelt des Großen Kaukasus. Einst wurden auf der Heerstraße Truppen bewegt. Heute bringt die Straße Reisende in dieses für den Tourismus immer noch recht spärlich erschlossene Gebiet auf der Schwelle zwischen Europa und Asien.

Hinter dem Ort Stepanzminda, nach etwa drei Stunden Fahrt, erhebt sich der schneebedeckte Kasbek, ein 5047 Meter hoher Vulkan. Nur wenige Berge im Kaukasus sind höher. Bergführer Levan Kirikashvili, angeheuert für eine Besteigung des Kasbek, begrüßt einen auf dem kleinen Hauptplatz von Stepanzminda. Nur das Nötigste sagt er: "Morgen um 8 Uhr geht es los." Dann verschwindet er wieder.

Kurz nach Sonnenaufgang strahlt der Kasbek im Morgenlicht. Der Bergführer holt einen ab, es geht mit dem Auto hinauf zur Gergetier Dreifaltigkeitskirche aus dem 14. Jahrhundert. Oben warten Pferde, die das Gepäck bis zu einer ehemaligen meteorologischen Station bringen. Sie liegt auf etwa 3600 Metern und ist sozusagen das Basislager für eine Besteigung des Kasbek. Levan stellt vor dem Aufbruch an diesem Morgen genau eine, wenn auch nicht unwichtige Frage: "Hast du Wasser?"

Der Bergpfad macht schnell einige Höhenmeter gut. In die Hitze, die gegen Mittag aus den Wiesen aufsteigt, mischt sich bald kühle Hochgebirgsluft. Dann ist die Gletscherzunge erreicht, die sich von den höheren Lagen des Kasbek hinabzieht. Auf dem Eis liegt kein Schnee, der tödliche Spalten verdecken könnte. Trotzdem wäre nach europäischen Sicherheitsstandards nun Zeit zum Anseilen, wenigstens aber für Steigeisen an den Stiefeln. Levan reichen in diesem Terrain Stöcke und abgelaufene Sportschuhe.

Die letzten Meter zur Hütte führen durch eine Geröllwüste. Die Herberge, die für die nächsten zwei Nächte Schlafplatz und Wohnort ist, hat genau den Charme der verlassenen Forschungsstation, die das Haus tatsächlich auch ist.

Interessant sind die Gäste, die sich eingefunden haben. Die meisten wollen auf den Gipfel. Am ersten Abend sitzen im Gemeinschaftsraum zwei junge Norweger, von denen einer bald höhenkrank wird, eine Gruppe russischer Bergsteiger mit wettergegerbten Gesichtern und ein ungarischer Vater mit Tochter. Ein paar Rumänen sind ohne Führer gekommen - und fast ohne Essen. Sie bitten um Gaben.

Die Gäste auf der Station eint, dass alle auf passende Bedingungen für die nächtliche Gipfelbesteigung warten. In der ersten Nacht stürmt es - Aufstieg so gut wie unmöglich. In der letzen Nacht am Berg stimmt Levan dem Aufbruch zu, eine Stunde nach Mitternacht geht es los. Anfangs sieht das Wetter gut aus: Sterne am Himmel, kaum Wind. Doch je näher der Gletscher kommt, der zum Sattel westlich des Gipfels führt, umso lauter wird das Grollen hinter dem Bergrücken. Dann zieht das Unwetter über den Kamm und ist plötzlich ganz nah. Der Donner zerreißt die Stille der Nacht, Blitze zucken durch die Düsternis. Heftiger Schneefall setzt ein. Der Kasbek verweigert uns einen Besuch auf dem Gipfel, auch in dieser Nacht. "Los, wir kehren um", sagt Levan. Ungefähr 3300 Höhenmeter tiefer strömt die kaukasische Sommerhitze durchs Tal. Stepanzminda bietet Gelegenheit, sich von den alpinen Strapazen und Entbehrungen des Lagerlebens zu erholen, zum Beispiel im Café "5047". Modische Bedienungen, Loungemusik, hippe Einrichtung, ein überraschend akzeptabler Kaffee. Dass die georgische Jugend den Lifestyle europäischer Großstädte sucht, merkt man sogar am Fuße des Kasbek. Georgien, ein Land im Aufbruch. Man müsste noch einmal wiederkommen und schauen, was sich getan hat. Der Kasbek wird warten - und sich dann vielleicht gnädig zeigen.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Georgien: Wandern im wilden Kaukasus


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.