| 17.30 Uhr
Oberpfälzer Wald
Wo der Weihnachts-Karpfen herkommt
Hochsaison an Oberpfälzer Karpfenteichen
Hochsaison an Oberpfälzer Karpfenteichen FOTO: dpa, Bernd F. Meier
Tirschenreuth . Schon im Mittelalter gab es in der Region rund um Tirschenreuth um die 10.000 Fischteiche. Vor allem Karpfen gedeihen in der wasserreichen Region prächtig. Im Sommer wuchsen die Fische, die zu Weihnachten auf dem Tisch landen.

Bei Rudis Tour an den Teichen von Tirschenreuth kommen die Gäste ins Staunen. "Um das Jahr 1000 gab es hier schon die ersten Fischteiche", erklärt er. "Später haben die Mönche des Zisterzienserklosters Waldsassen die Aufzucht von Karpfen und Forellen gefördert. Damit gelten wir als eines der ältesten Fischzuchtgebiete Europas", sagt Rudolf Ehstand, wie der Gästeführer mit vollem Namen heißt. Drei Stunden ist Ehstand mit den Touristen unterwegs. Zehn Kilometer legt die kleine Gruppe an diesem Nachmittag bei der Wanderung über die schmalen Dämme an den Karpfen- und Forellenteichen zurück. Von April bis Oktober geht der Guide mehrmals im Monat mit Gästen auf Teich-Tour. Im Spätsommer ist Hochsaison an den Teichen.

Im Mittelalter gab es rund 10.000 Fischteiche im Land um Tirschenreuth. Fischzüchter waren in jenen Jahren wohlhabende Zeitgenossen. Den Überlieferungen nach brachte Fisch damals den achtfachen Preis von Rind- und den zwölffachen von Schweinefleisch. Doch zu Beginn des 19. Jahrhunderts gaben viele Bauern ihre Fischzucht auf und stiegen um auf die Haltung von Kühen und Schweinen. Viele Teiche verlandeten und wurden Acker- und Sumpfland.

Mit dem Bau der ersten Eisenbahnstrecken in der Oberpfalz ab dem Jahr 1864 erlebte die Fischwirtschaft im Land um Tirschenreuth eine neue Blüte. Die Teichwirte schickten nun ihren Fang bis nach Berlin, Leipzig, Regensburg und München.

Karpfenlieferant der Region

Heute gibt es wieder 4700 Teiche im Oberpfälzer Wald. Daraus stammen 15 Prozent der 6000 Tonnen pro Jahr in Bayern verspeisten Karpfen. Die Flossentiere wachsen drei Jahre lang in den Gewässern heran, bis sie als Speisefisch das ideale Gewicht von eineinhalb Kilo erreicht haben.

Allein im hügeligen Waldland zwischen Tirschenreuth, Mitterteich, Wiesau und Friedenfels links und rechts der Autobahn 93 liegen 2500 Fischteiche. Große Teichpfanne nennen die Tirschenreuther dieses wasserreiche Gebiet; eine weitere Teichzone breitet sich etwas weiter westlich bei Kemnath aus.

Per Fahrrad sind die Urlauber auf dem Vizinalbahn-Radweg in der Großen Teichpfanne unterwegs. Die insgesamt 25 Kilometer lange Route von Wiesau nach Bärnau folgt der Trasse einer stillgelegten Eisenbahnstrecke. Auf dem Teilstück zwischen Wiesau und Tirschenreuth radeln die Touristen an Fischteichen vorüber und kommen durch die idyllische Auenlandschaft des Waldnaabflusses. Mit etwas Glück lassen sich dort seltene Schwarzstörche und Eisvögel beobachten, die in der unberührten Naturschutzzone leben.

Traditionsbranche Fischwirtschaft

Am Wegesrand sind umgestürzte Baumstämme zu entdecken. Gefräßige Biber haben die Birken mit ihren scharfen Schneidezähnen zu Fall gebracht. Die scheuen Nager gelten als Feinde der Teichwirte, da sie Dämme und Absperrungen untergraben. "Noch mehr fürchten wir Kormorane, die in Schwärmen einfallen und sich jede Menge Fisch aus unseren Gewässern schnappen", berichtet Thomas Beer beim Rundgang entlang seiner Teiche in der Kleinsterzer Talsenke. Zwischen April und Oktober führt der Fischwirtschaftsmeister Besuchergruppen durch die Zuchtanlage. Karpfen, Zander, Hecht, Schleie, Rotaugen und Moderlieschen wachsen in Beers Gewässern heran.

Thomas Beer ist einer von rund 20 Oberpfälzern, die ihre Teichwirtschaft als Vollerwerbsbetrieb führen. Daneben gibt an die 1000 Nebenerwerbszüchter, manche mit nur einem oder zwei Teichen. "Aus Tradition halten sie an der Fischwirtschaft fest", sagt Beer. "Dabei sind sie wichtig für unser typisches Landschaftsbild."

An diesem Landschaftsbild erfreuen sich die Wanderer unter den Feriengästen. Wie große Spiegel blinken die Teichgewässer im dunklen Grün der ausgedehnten Fichten- und Buchenwälder. Mehr als 2000 Kilometer gekennzeichnete Wanderwege führen durch den Landkreis Tirschenreuth.

Doch im Spätsommer zieht es vor allem Fischliebhaber zur Karpfensaison ins Land der 1000 Teiche. Während der Erlebniswochen Fisch im September und Oktober dreht sich dort alles um die schmackhaften Flossentiere. Die Bierbrauer von Friedenfels bieten den Karpfentrunk an. Der unfiltrierte Gerstensaft wird wegen seiner würzigen Geschmacksnote als ideales Getränk zum Karpfenmahl gepriesen. Bei Kirchweihfesten wird in den vielen Dörfern der Fisch gefeiert. "Nur in den Monaten mit R - also von September bis April kommt in den guten Restaurants unserer Region frischer Karpfen auf den Tisch", so Tourismusreferent Peter Knott. Unter dem Motto "Fisch frisch vom Teichwirt" stehen in 25 Gasthäusern Karpfen auf den Speisekarten.

Für Hausfrauen und Hobbyköche bietet die Teichwirtin Elsa Bächer aus Muckenthal in ihrem Fischerstüberl während der Herbstmonate spezielle Fischkochkurse an: "Unsere köstlichen Karpfen sind gut geeignet für die schnelle Küche. Wenn man alles richtig macht, ist der Fisch in nur zehn Minuten zubereitet." Kartoffeln kochen länger, meint die Kennerin der Karpfen augenzwinkernd.

Quelle: dpa/pst
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung.
Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.


Melden Sie diesen Kommentar