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Rheinhessen
Zwischen Rhein und Reben

Mainz. Wer heute von Rheinhessen spricht, denkt an Wein, an Mainz mit Dom und Fastnacht, an schöne Landschaften, durch die man radeln und wandern kann. In diesem Jahr feiert Rheinhessen 200-jähriges Bestehen. Von Anke Kronemeyer

Das Auge kann sich gar nicht sattsehen auf dem Brudersberg. Zu Recht ist dieser Punkt zu einer der schönsten Weinsichten in Deutschland ernannt worden. Wer es bis da oben geschafft hat, blickt im Osten bis nach Frankfurt, im Nordosten in den Taunus, im Südosten reicht der Blick bis zur Rheinbiegung nach Oppenheim in den Odenwald. "Niersteiner Loreley" heißt dieser Aussichtspunkt auch, den viele Wanderer und Radfahrer auf ihrer Route haben. Er liegt inmitten der Weinbergslagen "Oelberg", "Kranzberg", "Pettenthal", "Hipping" und "Spiegelberg" - und am besten bringt man sich einen gut gekühlten Weißwein genau aus einer der Lagen am Roten Hang hoch mit auf den Berg und genießt so seine Wanderpause. Der Brudersberg ist nur ein Beispiel von vielen für die wunderschön geschwungene Landschaft in Rheinhessen, die sich mit Auto, Fahrrad oder zu Fuß erobern und entdecken lässt. In diesem Jahr gibt es dafür noch mehr Gelegenheiten als sonst, denn die Region feiert sich selbst und lädt alle zu einem ganzjährigen, runden Geburtstag ein: 200 Jahre Rheinhessen sollen gebührend noch bis zum Jahresende begangen werden.

Es war exakt der 30. Juni 1816, an dem Rheinhessen auf dem Papier entstand. An diesem Tag wurde der Staatsvertrag unterschrieben. Er regelt, dass der nördliche Teil des ehemaligen Départment du Mont-Tonnerre dem Großherzogtum Hessen als Ersatz für das an Preußen abgetretene Herzogtum Westfalen zufallen sollte. So kam der Großherzog von Hessen zu einem Territorium, das zuvor 16 Jahre zu Frankreich gehört hatte und das anders aufgestellt war als die hessischen Stammlande. Denn die Franzosen hatten schon Rechtsgleichheit und Gewerbefreiheit eingeführt sowie die Vorrechte des Adels abgeschafft.

Das fanden nun plötzlich nicht mehr alle so gut, und es kam zu Spannungen zwischen dem feudalen Herrschaftsanspruch und bürgerlichen Freiheiten. Die spiegelten sich auch 1832 wider, als unter anderem viele Rheinhessen in Hambach für Freiheiten des Volkssouverän und nationale Einheit protestierten. Schon damals schlugen sich diese politischen Auseinandersetzungen im Karneval nieder und wurden in den Büttenreden zugespitzt.

Als der Großherzog das Gebiet übernahm, war es schon von europäischer Geschichte und Kultur geprägt - auch von den Römern, die den Weinbau dort entwickelt hatten. All das hat Volker Gallé recherchiert und für seine Veröffentlichungen in Namen des Arbeitskreises Rheinhessen Kultur aufgeschrieben.

Die Kulturlandschaft Rheinhessen gibt es immer noch - und sie lockt Jahr für Jahr Millionen von Touristen in die Städte zwischen Mainz, Worms, Bingen oder Alzey. Und lässt die "Rhoihesse" selbst zufrieden mit ihrer Heimat zwischen Rhein und Reben dort leben.

Heute leben in der Region 610.000 Einwohner auf einer Fläche von 1400 Quadratkilometern. Nachdem Rheinland-Pfalz im Jahr 1946 gegründet wurde, entstand Rheinhessen als einer von fünf Regierungsbezirken. Die Wirtschaft blüht - auch dank vieler Firmen wie Schott, Boehringer oder Jüwo Ziegelbau. Aber auch dank des Weinbaus. Denn von 136 Gemeinden bauen 133 Wein an. Der Rhein-Wein wurde schon im 19. Jahrhundert zu einem weltbekannten Begriff; 1895 entstanden die ersten Weinbauschulen. Rheinhessen gilt als größte Weinbauregion am Rhein und exportierte im vergangenen Jahr mehr als 270.000 Hektoliter in die Welt. Das meiste übrigens in die Niederlande und in die USA.

Mainz ist die Hauptstadt von Rheinhessen und präsentiert sich als moderne Metropole, die sich ihre Tradition und manchmal aber auch einen charmanten Dorf-Charakter bewahrt hat. 35.000 Studenten sorgen in der Stadt für ein buntes und junges Bild. Museen wie das Gutenberg-Museum locken in die City, aber auch die Stephans-Kirche mit den Marc-Chagall-Fenstern ist weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt ebenso natürlich wie der Dom, der Wochenmarkt und der Fastnachtsbrunnen.

Seit einigen Jahren kommen noch mehr Touristen aus der Welt an den Rhein. Denn Mainz ist "Great Wine Capital" und damit eine von neun Städten neben Bilbao und dem Rioja-Gebiet, Bordeaux, Kapstadt, Mendoza, Porto, San Francisco mit seinem Napa Valley und Valparaiso und dem Casablanca Valley. Sie alle bilden ein weltweites Netzwerk, in denen die Weinregionen eine große Rolle spielen. Die Städte tauschen sich untereinander aus und bewerben sich gegenseitig.

Zu Rheinhessen gehört das Hinterland mit all seinen leicht hügelig-gefälligen Landschaften zwischen Ingelheim und Nackenheim, Sprendlingen und Guntersblum oder Saulheim und Gau-Odernheim. Überall geht es vornehmlich um Wein, engagieren sich vor allem kreative Jung-Winzer und auch immer mehr Winzerinnen für dieses Stückchen Tradition ihrer Region. Nur ein Beispiel sind die neun Winzer um Klaus Gres oder Tobias Knewitz aus Appenheim, die unter einem gemeinsamen Label eine der ältesten Lagen Deutschlands, den "Hundertgulden", bewirtschaften. Jeder Winzer bringt für sich aus diesem Kalksteinboden und Korallenriff des Urmeeres einen Hundertguldenwein hervor.

Besonderes Kennzeichen eines jeden Rieslings von diesem Boden: Er schmeckt leicht salzig. Gemeinsam verkosten die Winzer ihre Rebsäfte dann passend in der "Hundertguldenmühle" - und laden ab und zu (wie beispielsweise wieder am 4. September) Gäste zum Weinpicknick ein. Aber auch die Jung-Winzervereinigung mit dem beziehungsreichen Namen "Message in a bottle" hat die Region schon vor mehr als zehn Jahren durch frische Marketing-Kampagnen verjüngt und diese "Frischzellenkur" auch in die Flaschen gefüllt.

Quelle: RP
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