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Dinslaken: Butterfahrt macht Kleinholz

VON RALF SCHREINER - zuletzt aktualisiert: 12.08.2008

Dinslaken (RPO). Butterfahrten sind gefährlich. Dass der Käptn von der Brücke aufs Sonnendeck springt und die Touristen so heftig von den Liegen schubst, dass Stuhlbeine brechen, gibt’s nur bei „Butterfahrt 5“. Beim Fantastival tobte sich Music-Comedy-Gruppe im Burginnenhof aus.

Auch aus ABBA-Hits lässt sich prima Kleinholz machen: „Butterfahrt 5“ zerlegten „The winner takes it all“ auf blauen Kinderxylophonen.  Foto: RPO
Auch aus ABBA-Hits lässt sich prima Kleinholz machen: „Butterfahrt 5“ zerlegten „The winner takes it all“ auf blauen Kinderxylophonen. Foto: RPO

Ein bescheuerter Name verpflichtet. Die fünf Herren von „Butterfahrt 5“ wissen das. Deshalb fliegen in ihrer Show die Perücken und die Wollmützen, wippen die Seppl-Hütchen, bringen behaarte Männerbrüste unschuldige Scheinwerfer zum Erröten und schubsen zuckende Heavy-Metal-Freaks zahlende Gäste von den Plastikstühlen, während ein brennender Riesenjoint durch die Zuschauerreihen wandert. Einen Zug mag niemand nehmen. Auch wenn „nix drin“ ist in Philipp Stempels „Magic Reggae Stick“. Statt „Hooschisch“ qualmt hier hier gute Laune. Hinter der Sonnenbrille des vollgekifften Dreadlock-Rastafaris verbirgt sich ein braver Familienvater aus Dinslaken. Der wird in den nächsten beiden Stunden seine Heimatstadt tüchtig aufmischen. Seine Jungs helfen dabei. Dass der Butterfahrer im Publikum viele bekannte Gesichter entdeckt, macht die Sache spannend. Lehrer, Ärzte, Bankberater, Verwandte und Nachbarn sitzen dort. Viele, da ist der B 5-Sänger sicher, werden, wenn sie ihm künftig begegnen, diskret die Straßenseite wechseln.

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Fünf Musiker und eine Wahnsinnsidee – „Butterfahrt 5“. Das sind: Philipp Stempel: (Gesang, Klarinette, Saxophon und Panflöte), Volker Naves (Schlagzeug, Percussion, Melodica und Gesang), Robert Mayer (Keyboards, Mundharmonika, Querflöte, Ukulele und Gesang), Marcus Rehwinkel (Gitarre, Charango, Saxophon, Ukulele und Gesang) und Markus Heijenga (Bass, Tuba, Ukulele und Gesang). Im Internet gibt es die Gruppe auf: butterfahrt-5.de

Wir waren eine Boygroup

Das hat Gründe. Es ist nicht allein die Perücke, die der Sänger überstreift, um ein verliebtes „Something Stupid“ in den Burginnenhof zu flöten. Auch nicht das Geständnis „Wir waren eine Boygroup“ und der darauf einsetzende Kreisch-alarm, das depperte „Bavarian Girl“, das das Quintett aus Madonnas „Material Girl“ destilliert oder der ABBA-Hit „The Winner takes it all“, aus dem die Butterfahrer auf Kinderxylophonen Kleinholz machen.

Die gesamte Show setzt Glückshormone frei. Sie ist chaotisch, manchmal anarchistisch und ziemlich verrückt. Vor allem aber ist sie auf überzeugende und zugleich charmante Weise komisch. Das Publikum ist zunächst irritiert, dann amüsiert, belustigt und am Schluss vollkommen begeistert. Und um keine Verwechslung aufkommen zu lassen: Das hier ist nicht das Comedy Arts Festival Moers. Es ist das Fantastival in Dinslaken, der Burginnenhof und damit eine der schönsten kleinen Spielstätten zwischen Lippe und Rotbach, in der sich 300 Zuschauer unter wallender Fallschirmeseide einen richtig schönen Abend machen.

Die Butterfahrer rauschen mit geblähten Segeln Richtung Wahnsinn. Dass sie bei jedem Song Schlagseite bekommen, ist Programm. Hier wird nichts gecovert, hier wird geschreddert, gnadenlos verballhornt und skrupellos seziert. Das beginnt mit Marcus Rehwinkel alias Bärbel Günther-Schmidtke, die nach erfolgreichem Abschluss des VHS-Seminars „Rockgitarre für Alleinerziehende“ den Video-Star massakriert. Das geht weiter mit Klaus Lages „1000mal berührt“, das die Band aus Essen als kackfreche Hip-Hop-Nummer in die Nacht rappt. Cyndi Laupers „Girls just want to have fun“ kommt als Menuett mit artig gezupftem Bach-Intro daher. Den „Wind of change“ blasen die Boys dem Publikum mit blank gezogener Latin-Lover-Brust um die Ohren. Und um dem perfekt inszenierten Dilettantismus noch eins obendrauf zu setzen, marschieren die Fünf als klassische Spielmannszug-Kapelle auf und verkaspern Van Halens „Jump“.

So viel Schräges tut weh. Doch das Publikum ist vom vielen Lachen längst zu geschwächt, um den Attacken der „B 5“ noch etwas entgegenzusetzen. Es macht einfach mit, singt, grölt, schunkelt und kreischt. Hände zum Himmel, großes La-La-La und noch größeres Hey-Hey.

Zum Finale gibt’s Stadion-Rock. Als Philipp Stempel „Ihr seid 70 000!“ in den Burginnenhof brüllt und den entsprechenden Schallpegel einfordert, gibt’s keinen, der an seiner Aussage zweifelt. Der Fanblock gibt sein Bestes, das Rathaus zittert. Riesenapplaus für einen herrlich schrägen Abend. Wiederkommen!

www.rp-online.de/dinslaken

Quelle: RP

 
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